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Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj (Symbolbild). © Luka Kolanovic/Imago
In Mar-a-Lago diskutierten die Staatschefs über einen 20-Punkte-Plan. Viele Fragen bleiben offen. Besonders die Zukunft des Kernkraftwerks Saporischschja ist unklar.
KIEW – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte am Montag, er habe Präsident Donald Trump gebeten, eine „historische Entscheidung“ zu treffen und der Ukraine Sicherheitsgarantien gegen russische Aggressionen zu gewähren, die Jahrzehnte lang gelten würden – eine Bitte, die Trump laut Selenskyj prüfen wolle.
Selenskyj stellte diese Bitte während eines Treffens am Sonntag in Trumps Anwesen Mar-a-Lago in Florida. Dort diskutierten die beiden Staatschefs die neueste Version eines 20-Punkte-Friedensplans zur Beendigung des Krieges in der Ukraine. Mehrere schwierige Fragen blieben nach dem Treffen am Sonntag ungelöst. Dazu gehören die Dauer der Sicherheitsgarantien, die künftige Kontrolle über das ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja und territoriale Fragen, die sich aus dem Krieg ergeben. Das teilte Selenskyj Journalisten am Montag per Sprachnachricht in einer WhatsApp-Gruppe mit.
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Trump telefonierte vor seinem Treffen mit Selenskyj am Sonntag mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Europäische Staats- und Regierungschefs, darunter aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland, nahmen per Telefonkonferenz an dem Treffen zwischen Trump und Selenskyj teil. In einer Pressekonferenz am Sonntagabend zeigte sich Trump optimistisch hinsichtlich der Aussichten auf Frieden. Er ließ jedoch viel Raum für die Möglichkeit eines Scheiterns und erklärte, Russland und die Ukraine würden weiter kämpfen, wenn die aktuellen Verhandlungen nicht erfolgreich seien.
NATO-ähnliche Sicherheitsgarantien gefordert
Der von den Delegationen der USA und der Ukraine ausgearbeitete 20-Punkte-Plan sieht laut einer Zusammenfassung vor, dass die Ukraine starke Sicherheitsgarantien erhält. Selenskyj sagte, diese seien vergleichbar mit Artikel 5 des NATO-Vertrags. Dieser sieht eine kollektive Verteidigung des Bündnisses vor und betrachtet einen Angriff auf ein Mitglied als Angriff auf alle Mitglieder. Die genaue Art der Sicherheitszusagen der USA an die Ukraine wurde jedoch noch nicht veröffentlicht.
Kiew drängt auf verbindliche Zusicherungen, dass Russland sich nach einem Waffenstillstand nicht neu formiert und die Ukraine erneut angreift. Der aktuelle Friedensvorschlag begrenzt die Sicherheitsgarantien auf 15 Jahre und bietet die Möglichkeit einer Verlängerung. Er lässt aber auch die Möglichkeit offen, dass dies nicht geschieht.
„Ich habe ihm gesagt, dass der Krieg bereits fast 15 Jahre andauert und wir uns daher wirklich wünschen würden, dass die Garantien länger gelten“, erklärte Selenskyj am Montag gegenüber Journalisten und bezog sich dabei auf die ursprüngliche Invasion Russlands in der Ukraine im Jahr 2014. „Ich habe ihm gesagt, dass wir sehr gerne die Option von 30, 40 oder 50 Jahren in Betracht ziehen würden. Und dass dies eine historische Entscheidung von Präsident Trump wäre. Der Präsident sagte, er werde darüber nachdenken.“
Kernkraftwerk Saporischschja bleibt Streitpunkt
Die schwierigsten Fragen bleiben die Kontrolle über das Kernkraftwerk Saporischschja, das größte Europas. Russland nahm es während seiner vollständigen Invasion der Ukraine im Jahr 2022 ein. Moskau ist es noch nicht gelungen, das Kraftwerk an sein Stromnetz anzuschließen. Experten haben wiederholt gewarnt, dass die Lage im Kraftwerk aufgrund von Beschuss in der Nähe oder Stromausfällen weiterhin prekär ist und eine nukleare Katastrophe auslösen könnte.
Es gab zwar Diskussionen darüber, ob Russland und die Ukraine den vom Kraftwerk erzeugten Strom letztendlich aufteilen könnten. Es gibt aber keine Einigung darüber, wer die Anlage betreiben würde. Russland hat viele Fachleute aus dem Kraftwerk inhaftiert. Andere sind geflohen oder wurden gezwungen, unter der Besatzung zu arbeiten. Das Kraftwerk liefert derzeit keinen Strom an die Ukraine. Es muss aber auf niedrigem Niveau in Betrieb bleiben, um einen nuklearen Zwischenfall zu vermeiden.
Selenskyj signalisierte letzte Woche erstmals Offenheit für Vorschläge, die ostukrainische Region Donbass in eine entmilitarisierte „freie Wirtschaftszone“ umzuwandeln. Der ukrainische Staatschef erklärte, er würde einen Abzug der Truppen aus dem restlichen Teil der Region Donezk, die zum Donbass gehört, in Betracht ziehen. Das aber nur, wenn Russland dasselbe tun würde.
Donbass-Frage weiterhin ungeklärt
Der Kreml hat öffentlich nicht auf diesen Vorschlag reagiert. Russland hat jedoch wiederholt darauf bestanden, dass die Ukraine sich aus der Region Donezk zurückziehen muss, um den Krieg zu beenden. Die Ukraine kontrolliert nach wie vor mehrere große Städte in Donezk und weigert sich, Gebiete abzutreten, die Russland nicht militärisch erobert hat.
„All diese Details werden Teil der Sicherheitsgarantien sein. Wer die entmilitarisierte Zone kontrollieren wird – wir wissen noch nicht, ob dies geschehen wird“, sagte Selenskyj. „Im Moment sprechen wir über eine freie Wirtschaftszone. Es gibt noch keine Details, aber wir sprechen darüber.“
Die Vereinigten Staaten üben auch weiterhin Druck auf die Ukraine aus, Präsidentschaftswahlen zu organisieren. Diese wurden seit 2024 verschoben, weil das Land unter Kriegsrecht steht. Selenskyj sagt, er sei bereit, Wahlen abzuhalten. Er könne dies aber nicht ohne einen Waffenstillstand und andere Sicherheitsgarantien tun, die sicherstellen, dass Russland die Wahlperiode nicht für massive Angriffe auf die Ukraine nutzt oder die Wahl auf andere Weise stört.
Wahlen nur bei Waffenstillstand möglich
Es gibt noch weitere Hindernisse für die Durchführung von Wahlen. Millionen Ukrainer sind während des Krieges ins Ausland geflohen, sind Binnenvertriebene oder leben unter russischer Besatzung.
Die Ukraine hat erklärt, dass sie mindestens einen 60-tägigen Waffenstillstand benötigt, um Wahlen zu organisieren. Das schließt ein mögliches Referendum über wichtige Fragen des Friedensplans ein. Russland weigert sich, einen Waffenstillstand zu unterzeichnen, mit der Begründung, dass dies den Krieg nur verlängern würde – eine Position, die Trump am Sonntagabend als verständlich bezeichnete.
„Alle Signale aus Russland deuten darauf hin, dass sie keinen Waffenstillstand wollen“, sagte Selenskyj am Montag. „Amerika arbeitet daran.“
Zur Autorin
Anastacia Galouchka ist Rechercheurin im Ukraine-Büro der Washington Post. Sie berichtet aus dem ganzen Land und dokumentiert den Krieg in der Ukraine.
Dieser Artikel war zuerst am 29. Dezember 2025 in englischer Sprache bei der „Washingtonpost.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern der IPPEN.MEDIA-Portale zur Verfügung.