Dass die DDR-Plattenbauten besser als ihr Ruf sind, zeigt sich immer wieder an konkreten Projekten. Beispielsweise am Pflege-Campus im Prenzlauer Wohngebiet Georg-Dreke-Ring oder den aufwendigen Umbauten in Schwedt, wo die DDR-Platte als solche im Ergebnis nicht mehr wiederzuerkennen ist.

Nur noch zwei Wohnungen im Block vermietet

Ganz anders die Situation auf dem Land, zum Beispiel in den 38 Dörfern der Gemeinde Nordwestuckermark. Dort liegt die Leerstandsquote in den circa zwei Dutzend DDR-Wohnblöcken bei durchschnittlich 25 Prozent, bestätigt Bürgermeister Roland Klatt. In Ferdinandshorst sind aktuell sogar nur noch zwei Wohnungen in der „Platte“ vermietet. Doch Wasser, Strom, Heizung müssen vorgehalten werden. Wirtschaftlich lässt sich dieses nicht mehr vertreten.

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Da war es für die Gemeinde Nordwestuckermark ein glücklicher Umstand, dass über den freischaffenden Architekten Bruno Röver, der inzwischen seinen Lebensmittelpunkt in Kraatz (Nordwestuckermark) hat, Kontakte zur renommierten Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen hergestellt wurden. Im Rahmen ihrer Bachelor-Arbeit beschäftigten sich Architekturstudenten mit der konkreten Situation vor Ort, wobei sie im Mai eine Woche direkt in der Nordwestuckermark unterwegs waren, schildern Roland Klatt, seine Stellvertreterin und Bauamtsleiterin Petra Buchholz und Klimaschutzmanager Tobias Kersten.

Serielle Fertigung eröffnet viele Möglichkeiten

Das Ergebnis: Die Plattenbauweise in serieller Fertigung eröffnet vielfältige Möglichkeiten der Umgestaltung durch Herausnahme von Wandelementen, das Durchbrechen der Geschosse, das Auflockern der Fassaden. Verschiedene Wohnformen, die Ansiedelung von Gewerbe, Platz für Dienstleistungen – all diese Ansprüche ließen sich rein technisch erfüllen. Warum nicht Möglichkeiten des betreuten Wohnens schaffen, damit betagte Dorfbewohner weiterhin in ihrem Ort leben können, eine Turnhalle, Vereinsräume, eine Physiotherapie oder einen Friseursalon, eine obere Etage mit Panoramafenstern und freiem Blick in die Umgebung …

Von rechts: Bürgermeister Roland Klatt, Bauamtsleiterin Petra Buchholz und Klimamanager Tobias Kersten vor einem DDR-Plattenbau in Schönermark. Alle drei verbinden große Hoffnungen mit der Zusammenarbeit mit den Studenten aus Aachen und einem EU-Förderprogramm.Bild vergrößern

Von rechts: Bürgermeister Roland Klatt, Bauamtsleiterin Petra Buchholz und Klimamanager Tobias Kersten vor einem DDR-Plattenbau in Schönermark. Alle drei verbinden große Hoffnungen mit der Zusammenarbeit mit den Studenten aus Aachen und einem EU-Förderprogramm. (Foto: Heiko Schulze)

Von diesen Veränderungen könnten alle Generationen in den Orten und Ortsteilen profitieren, zeigen sich Klatt, Buchholz und Kersten optimistisch. Von diesen möglichen Nutzungskonzepten für „unsere alten Neubauten“ wollen sie auch die Nordwestuckermärker überzeugen. So laden sie „alle interessierten Bürger und Neubau-Bewohner“ am 20. Januar ins Multikulturelle Zentrum in Fürstenwerder, Am Sportplatz 2, ein. Der Tag soll unter dem selbstbewussten Motto „EXPO Nordwestuckermark 2025 – Zukunft 2040“ stehen. Am Nachmittag sollen die Modelle und Ergebnisse der studentischen Untersuchungen einem Fachpublikum präsentiert, am Abend mit „jedermann“ öffentlich diskutiert werden.

Geht nicht darum, Papier zu beschreiben …

Neben den Arbeiten der Architekturstudenten soll es konkret um die kommunale Wärmeplanung, um integrierte Klimaschutzgesetze und Ergebnisse des Gemeinde-Entwicklungskonzeptes gehen. „Es geht dabei nicht um schwammige Visionen, sondern ganz konkret um unsere Zukunft in den kommenden Jahren“, versichern Petra Buchholz und Tobias Kersten. Um nicht nur „Papier zu beschreiben, sondern die Ideen konkret umzusetzen“ wird es nicht ohne gewaltige finanzielle Mittel gehen. So hofft die Gemeinde Nordwestuckermark, als eine von zwei möglichen Beispielprojekten für das EU-Förderprogramm „Zukünftige bauliche Gestaltung von Altneubauten“ auserwählt zu werden. Das Förderprogramm ist mit 16 Millionen Euro untersetzt. Gleichzeitig habe man mehrere Bundesprogramme im Blick, die auf innovative Ansätze im ländlichen Raum abzielen.

Ein weiteres Modell, das Architekturstudenten nach ihrem Aufenthalt in der Gemeinde Nordwestuckermark anfertigten. Bild vergrößern

Ein weiteres Modell, das Architekturstudenten nach ihrem Aufenthalt in der Gemeinde Nordwestuckermark anfertigten. (Foto: Gemeinde Nordwestuckermark)

Fakt sei, dass die Wohn- und Lebensqualität entscheidend sei, um für Menschen aller Altersgruppen, für Familien interessant zu bleiben. Die nach den Corona-Jahren spürbar gestiegene Arbeitsmöglichkeit im Homeoffice bringe die Vorzüge einer ländlichen Region zunehmend ins Bewusstsein – unabhängig von der Nähe zu großen Ballungszentren. „Diese Chance dürfen wir nicht ungenutzt lassen. Jetzt die Weichen richtig zu stellen, ist entscheidend für die nächsten Jahrzehnte“, zeigen sich Roland Klatt, Petra Buchholz und Tobias Kersten überzeugt.