Die Katze miaut, das Opfer liegt blutig am Boden. Lampen flackern, und eine junge Frau mit bleichem Gesicht und einem Skalpell in der Hand irrt durch die Dresdner Nacht, sich immer wieder umblickend. Alles dreht sich. „Wir brauchen Hilfe, bitte“, fleht sie.
Tatort „Nachtschatten“: ein bisschen Stephen King, ein bisschen „Misery“ und viel Langeweile
Der „Tatort“ aus Dresden, „Nachtschatten“ (Neujahr, 20.15 Uhr, ARD), beginnt wie die meisten „Tatort“-Folgen (scheint im „Tatort“-Mustervorlagenbuch, so es das gibt, eine Vorgabe zu sein). Heißt: mit dramatischen Bildern und bisweilen mit Filmzitaten. Diesmal fühlt man sich im Allgemeinen an Stephen King und im Besonderen an „Misery“ des kürzlich getöteten Hollywood-Regisseurs Rob Reiner erinnert. Der Dramatik der ersten Sekunden folgt „Tatort“-Kommissariats-typische Langeweile. Jegliche aufgebaute Spannung entweicht wie aus einem Luftballon. Warum? Fragt man sich und die ARD, und das grundsätzlich.

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„Tatort“-Darstellerinnen Nina Kunzendorf und Emilie Neumeister als Amanda (von links): Was hat es mit den Erzählungen der 16-Jährigen vom Eingesperrtsein im Keller auf sich?
Foto: MDR/MadeFor/Steffen Junghans
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„Tatort“-Darstellerinnen Nina Kunzendorf und Emilie Neumeister als Amanda (von links): Was hat es mit den Erzählungen der 16-Jährigen vom Eingesperrtsein im Keller auf sich?
Foto: MDR/MadeFor/Steffen Junghans
Der Titel „Nachtschatten“ ist Programm, zumindest was die durchgängige Bildgestaltung betrifft (Regie: Saralisa Volm, Kamera: Roland Stuprich). Die ist ambitioniert mit ihren für einen „Tatort“ eher ungewöhnlichen Nahaufnahmen und Einstellungen, mit der Unschärfe, die nicht nur Bildhintergründe im Unklaren belässt.
Über diesem „Tatort“-Dresden liegt nachts ein Horror und tags ein Nebelschleier. Oder eben ein Nebelschleier-Filter. Schon nach ein paar Minuten fragt man sich, ob man seine Brille putzen sollte. Und man ist zunehmend genervt darüber, dass der Fall mysteriös sein will und dazu Versatzstücke aus Krimi- und Filmgeschichte wenig originell zusammen puzzelt. Bis tief hinein in den Plot, der sich – Bingo! – um einen Keller dreht, aus dem die junge Frau mit dem bleichen Gesicht entkommen sei, wie sie sagt. Amanda (Emilie Neumeister) heiße sie, 16 sei sie, und ihr Papa bestrafe sie und ihre Schwester Jana, wenn sie nicht „artig“ seien. Jana schwebe in Lebensgefahr.
„Nachtschatten“ bleibt spannungsarm und vorhersehbar
Die Krimi-Schablone verlangt an dieser Stelle danach, dass der Ermittlerin, die das glaubt, das Ermittlerinnenleben vom Vorgesetzten und in dem Fall der Chefärztin einer psychiatrischen Einrichtung schwer gemacht wird. Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) sind also uneins: Erzählt Amanda die Wahrheit oder hat sie Wahnvorstellungen?
Immerhin bekommt dieser „Tatort“, in dem kaum ermittelt und sehr auf den Zufall vertraut wird, nach zwei Dritteln Sendezeit eine Wendung, immerhin ist er mit Nina Kunzendorf stark besetzt. „Nachtschatten“ bleibt dennoch spannungsarm, vorhersehbar und arbeitet Klischees ab. Es gibt viele Krimis und Thriller mit dem Keller (mysteriös!) als Tat- und Handlungsort, und es gibt viele, die viel besser sind.
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Daniel Wirsching
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