Mehr Moderne wagen
Zu den erfreulichen Entwicklungen in der Möbelwelt gehörte im vergangenen Jahr, dass sich viele Hersteller erstmals trauten, ihre bewährten Klassiker, die Cash Cows, mal ganz anders zu zeigen. Heißt: Anders, als wir sie kennen aus Anwaltskanzleien, Zahnarztpraxen und großflächig verglasten Architektenhäusern. Nicht als schwarzlederne, chromglänzende, maskuline Imponierstücke, die wir so oft gesehen haben, dass wir sie eigentlich gar nicht mehr sehen, geschweige denn aufregend finden, sondern in Farben wie Rot, Blau oder Grün statt Schwarz, in mattem Metallic statt glänzendem Chrom und in Samt statt in Leder. Als hätten sie sich abgesprochen, erlösten Knoll, Cassina und Thonet zur Mailänder Möbelmesse die Moderne aus ihrer Statuserstarrung. Am weitesten wagte sich Cassina mit den „Grand Confort“-Sesseln von Perriand, Le Corbusier, Jeanneret in Samt und Metallic vor – mehr Bar oder Boudoir als Büro. Auch die Möbel von Mies van der Rohe gibt es jetzt je nach Modell in Samt oder farbigem Lack. Denn: Schwarzes Leder und Chrom sind nicht die einzige historische Wahrheit, wie etwa Knolls Kreativdirektor Jonathan Olivares berichtet. Gerade in den frühen Jahren waren Stahlrohrmöbel lackiert. „Die Farblackierungen wieder einzuführen, erfolgt im Einklang mit der Geschichte, aber auch motiviert durch Trends in der Gestaltung von Innenräumen“, sagt Olivares. Und nicht zuletzt war da natürlich noch der Hersteller Thonet, der gemeinsam mit Modedesignerin Jil Sander den Stuhl „S 64“ von Marcel Breuer neu eingekleidet hat. So wird die Moderne wieder aufregend. Bitte mehr davon! Jasmin Jouhar
Mehr Mut im Interieur
Lange dominierte in deutschen Innenräumen die Farbe Beige. Cremefarbene Sofas, naturbelassene Leinenvorhänge, Wände in Eierschale und helle Holzmöbel aus Birke und Fichte sind schließlich eine sichere Bank. Damit ist es nun offenbar vorbei: Wer sich durch Wohnmagazine und Instagram arbeitet, erkennt, dass Inneneinrichtung auch hierzulande endlich mutiger geworden ist – und auch als gestalterische Disziplin ernster genommen wird. „Vor ein paar Jahren stand oft Minimalismus im Vordergrund: glatte Flächen, Weiß, Reduktion. Mittlerweile spüre ich bei meinen Bauherren eine größere Offenheit für Farbe, Struktur und Geschichte. Die meisten meiner Kunden wünschen sich vor allem eine Atmosphäre, die persönlich ist und nicht austauschbar wirkt“, sagt der Berliner Architekt und Interiordesigner Christopher Sitzler. Wände (und Decken!) werden 2026 in Burgunder oder Ochsenblutrot gestrichen und mit Jacquard-Stoffen, gemusterten Vorhängen und hochflorigen Teppichen gepaart. An Sofas und Kissen baumeln Rüschen, Hussen und Quasten, und Vintage-Stücke aus charaktervollen Hölzern (siehe auch: Mehr Maser) lösen skandinavische Holzmöbel ab. Stilistisch passt das zur Nostalgiewelle, die derzeit immensen Einfluss auf Mode und Popkultur nimmt, in der zeitgenössischen Interpretation wirkt es jedoch vor allem modern und mutig. Und etwas mehr Mut würde uns allen ohnehin gut stehen. Nicht nur in den eigenen vier Wänden. Valerie Präkelt
Mut: Jetzt sind Farbe und starke Muster angesagt.Ragnar Schmuck/Fabian Freytag
Mehr Klang, der gut tut
Kennen Sie Klanglandschaften? Nein, nicht die Beschallung mit „Last Christmas“ und „Feliz navidad“ in Supermärkten und an Weihnachtsbuden, die in den vergangenen Wochen den Absatz von Lebkuchen und Glühwein ankurbeln sollte. Auch nicht Fahrstuhlmusik oder das Hintergrundgedudel in Cafés. Ein Wald mit dem Knacken der Hölzer und dem Gesang des Windes in den Ästen kann eine Klanglandschaft sein oder der Wellengang an der Küste, aber auch ein Garten mit Bienen und Vögeln und selbst ein belebter Platz in einer Stadt mit seiner Tonkulisse aus Schritten, Gesprächen, Gelächter und dem nahen Verkehrslärm. Praktisch jeder Ort hat seinen Sound aus menschlichen Aktivitäten, Geräuschen von Tieren oder physikalischen Ereignissen wie Wind, Wellen oder Regen. Oft ist es eine Kombination aus allen dreien. Wenn es gut gemacht ist, werden auch als unangenehm empfundene öffentliche Räume vielleicht nicht zu Oasen der Entspannung, aber zu Orten mit geringerem Stressniveau. „Klang hat einen ebenso wichtigen, wenn nicht sogar wichtigeren Einfluss auf unser Wohlbefinden als die Optik“, sagt die Schweizer Klanglandschaftsgestalterin Nadine Schütz. Das kommt endlich auch bei den Stadtoberen nicht nur in ihrer Heimat an, wo sie das Audiovisual Lab am Institut für Landschaftsarchitektur der ETH Zürich mit aufgebaut hat. Auf einer Brücke in der Pariser Vorstadt Saint-Denis, die 48 nebeneinander liegende Gleise überquert, durfte sie eine Windharfe und ein Regeninstrument installieren. Ein solches Zusammenspiel mit Verkehr würden wir auch gern erleben. Dazu: weniger Beton und mehr Grün. Das dämpft die harte Akustik auf Plätzen und kann in Wohnblocks (nicht nur) mobilitätsbeschränkten Menschen ein Fenster zum Leben draußen öffnen: Bisher wie ausgestorben wirkende Innenhöfe würden Vögel und Insekten anziehen. Karin Finkenzeller
Mehr Grün zu Grau
Es gibt diese Lichtblicke beim Spazierengehen. Wenn dort, wo sonst vor allem Grau herrscht, frisches Grün ins Auge fällt. Wenn winziger Farn zwischen Schotter sprießt, wenn Löwenzahn den geharkten Kies aufmischt. Oder wenn Klee zwischen Platten keimt. Kleine Freuden. Manchmal gibt es aber auch eine Überraschung am Wegesrand. Wenn das Grau plötzlich verschwunden ist. Wo Schotter lag, wachsen auf einmal Storchschnabel, Purpurglöckchen und Bergenien. Kleines Immergrün und Thymian erobern sich Flächen, Efeu den Sichtschutz. Mitunter sind es allmähliche Veränderungen – alle paar Wochen ein bisschen Stein weniger, ein paar Pflanzen mehr. Ein Vorgarten, der im eigenen Tempo wächst. Manchmal verschwindet sogar Pflaster, um mehr Platz für Stauden zu schaffen. Dann blühen Lavendel, Brandkraut und Prachtkerzen, wo vorher Ödnis war. Im Winter mag es zwar karg sein, aber das Frühjahr bringt frische Spitzen, erstes Grün, vielleicht sogar Narzissenblüten. Später sommerlichen Duft und im Herbst silbrige Gräserwedel. Die Pflanzen begleiten durch das Jahr, wie es Schotter niemals könnte. Das lässt das Herz höher schlagen – nicht nur bei denjenigen, die dort täglich ein und aus gehen, sondern auch bei Passanten. Es sind zarte Anfänge. Aber sie lassen hoffen, dass sich dieser Trend ausbreitet wie Klee oder Löwenzahn. Davon wollen wir auf jeden Fall mehr sehen! Ina Sperl
Aufbruch: Wenn sich die Natur durchsetzt.Getty
Mehr Maserholz
Wer die Augen schließt und an Maserholz denkt, sieht womöglich einen quadratischen Couchtisch von Willy Rizzo vor sich. In der Mitte seiner gut zehn Zentimeter starken Platte, die auf einem kleineren schwarzen Quader ruht und wunderschön gemasert ist, ist eine mit Messing ausgekleidete Aussparung, die Platz für die Minibar bietet. Geht’s noch extravaganter? Der Möbelentwurf stammt aus den Siebzigerjahren und ist heute – wenn überhaupt – nur noch als antiquarisch erhältlich. Die glänzende, karamellfarbene Oberfläche hat etwas Theatralisches. Das Holz steht für Luxus und versucht seinen Wert erst gar nicht zu verbergen, günstig ist es nämlich nicht. Obwohl es oft Wurzelholz genannt wird, stammt es eigentlich aus Maserknollen – unregelmäßigen Wucherungen, die sich an Stamm oder Ästen vieler Baumarten bilden. Ihre kuriosen Kreise und Linien sind niemals identisch. Manchmal mischen sich kleine Augen darunter, die wie ein anderes Accessoire vergangener Zeiten anmuten: der Schönheitsfleck. Heute zeigt sich der holzgewordene Marmor auch mal mit mattem Finish und in kühleren Holzarten und neben Couchtischen auch als Kommode oder Sitzgelegenheit. Oder wie wäre es mit einer Küchenfront aus Maserholz? So langsam, wie die edle Knolle wächst, bahnt sich auch ihr leises Comeback an, das bestens zum Post-Purismus und einer neuen Dramatik (siehe: Mehr Mut) in Sachen Interior passt. Leonie Rolinck
Charakterstark: Nachttisch aus Maserholz, entworfen vom Studio Haddou Dufourq.Ludovic Balay
Mehr Lust auf die 50er
Keine Angst vorm alten Haus! Sie sind schon da, stehen in einer über Jahrzehnte gewachsenen Gegend und kommen in größerer Zahl auf den Markt: Häuser aus der Nachkriegszeit sind eine echte Chance für alle, die vom eigenen Zuhause mit Garten träumen. Zudem punkten sie oft mit baulichen Details (massive Holztreppen! zierliche Balkongeländer!), mit denen kaum ein Neubau aufwarten kann. Und sie haben Geschichte: Sie erzählen von der Zeit des Wiederaufbaus und den damaligen Wohnwünschen. Wäre da nicht ihre nach heutigen Maßstäben schlechte Energiebilanz und der oft hohe Sanierungsaufwand, könnten Einfamilienhäuser aus den Fünfzigern zu Lieblingen der Einfamilienhausszene werden. Damit die Kosten für Sanierung und Umbau nicht das Budget sprengen, muss man sich aber von der Idee verabschieden, den Altbau auf Neubaustandard bringen zu wollen. Weniger gesetzliche Vorgaben wären da hilfreich. Und mehr kreative Lösungen. Was dann aus so einem vermeintlich biederen, veralteten Typen werden kann, haben zum Beispiel das in Düsseldorf ansässige Architekturbüro Nidus und die Planerin Viviane Schaumburg gezeigt. Die einen haben mit wenigen Eingriffen ein vormals langweiliges Backsteinhaus in Norddeutschland verwandelt, die andere hat für ihre Familie ein ebensolches Einfamilienhaus in Oberursel zum modernen Zuhause gemacht. Nicht nur für 2026 gilt: Nachmachen erwünscht! Birgit Ochs