Kiel. Der tiefgreifende Umbruch an der Stadtspitze hat begonnen: Nach nicht ganz sieben Jahren als Stadtrat für Finanzen, Personal, Ordnung und Feuerwehr verlässt Christian Zierau (parteilos) zum 31. Dezember das Rathaus der Landeshauptstadt Kiel, um Bezirksbürgermeister in Hamburg-Eimsbüttel zu werden. Im April enden zudem die Dienstzeiten von Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD) und dessen Stellvertreterin Renate Treutel (Grüne), Stadträtin für Bildung, Jugend und Kultur. Damit steht der Verwaltung eine monatelange Übergangszeit bevor.
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Wer Zierau nachfolgt, übernimmt vor allem als Dezernentin oder Dezernent für Personal ein Schlüsselressort, in dem seit Jahren ein grundlegender Wandel herrscht. Mit dem Diplom-Verwaltungswirt zog bei seinem Amtsantritt 2019 eine Kulturveränderung ins Kieler Rathaus ein: Die ausdrückliche Öffnung für Quereinsteiger erlaubte es etwa gelernten Kaufleuten, in die Verwaltung einzusteigen. Damit gehört der Mangel an Arbeitskräften zu den Treibern der Modernisierung im Kieler Rathaus. Das habe die Belegschaft „manchmal zum Brodeln gebracht“, sagt Zierau. Der angestoßene Abbau von 350 Stellen bis 2028 etwa sei unpopulär.
Kieler Flexunit als Vorbild für andere Städte
Von seinen Ansätzen für eine moderne Verwaltung fällt dem 50-Jährigen zuerst die Flexunit ein – jene freie Abteilung, deren derzeit rund 35 Beschäftigten überall dort einspringen, wo personell Not am Mann ist. „Die Flexunit ist drei Jahre alt und hat sich etabliert“, sagt Zierau mit Stolz, der auch beim Oberbürgermeister zu spüren ist. „Deine besondere Leidenschaft gilt dem Personal. Da gab es erhebliche Skepsis, besonders zur Flexunit. Heute wird die Idee in anderen Städten aufgegriffen“, sagte Ulf Kämpfer zum Abschied in der letzten Ratsversammlung des Jahres Mitte Dezember. Er erinnerte daran, dass die Stadt Kiel dafür schon ausgezeichnet wurde, etwa mit dem Deutschen Personalwirtschaftspreis 2024.
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Du hast die Zeit genutzt, um prägenden Eindruck zu hinterlassen.
Oberbürgermeister Ulf Kämpfer (SPD)
zu seinem scheidenden Kämmerer Christian Zierau
Nichtsdestotrotz bleibt es schwierig, genug Fachkräfte zu finden, unter anderem angesichts der anstehenden Pensionswelle. Auch deshalb werden 2026 Standorte und Öffnungszeiten des Stadtamts in Kiel geprüft. Im Raum stehen laut Zierau einheitliche Zeiten nur von 10 bis 15 Uhr. „Die Debatte wird kommen“, sagt er. Zugleich soll es aber mehr digitale Zugänge geben. „Die Abwägung darf dabei nicht nur Effizienz berücksichtigen, sondern sollte weitere Kriterien wie Erreichbarkeit oder Barrierefreiheit umfassen“, heißt es im „Stadtamt-Programm 2030 – Rathaus in einfach“, das er seiner Nachfolge als Arbeitsgrundlage hinterlässt, genauso wie die Vorlage „Moderne Verwaltung made in Kiel“.
Kiel: Geburtsurkunde bald digital
Zierau verweist darauf, dass bereits etliche Anliegen über das Internet geklärt werden können und ständig neue hinzukommen. „Der Staat hat den Schalter umgelegt und viel ermöglicht.“ Wer ein Auto an-, ab- oder ummelden möchte, könne das komplett digital machen. Dasselbe gelte – als weiteres Beispiel – ab Januar für die Ausstellung einer Geburtsurkunde in Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern. Frischgebackene Eltern müssen das noch nicht einmal selbst anstoßen. „Das kann eine Blaupause für andere Abteilungen sein“, sagt der scheidende Stadtrat, der in seinem Dezernat trotz aufwühlender Veränderungen offenbar nicht ganz unbeliebt ist: Kurz vor Weihnachten bereiteten ihm zahlreiche Kollegen einen Abschiedstag, an dessen Ende sie ihm unter Applaus in ein goldglitzerndes Sakko halfen.
Weniger golden sieht die Lage des Kieler Haushalts aus, den Zierau als Kämmerer verantwortet. Bei allem Sanierungswillen werden die hohen Defizite jedoch in weitgehender Einigkeit vor allem als Ergebnis nicht ausreichender Finanzierung durch Bund und Land gesehen. Zierau habe die Investitionen in Kiels Infrastruktur stetig ausgebaut, so Kämpfer. „Die Investitionsquote steuert auf 100 Prozent zu, wo wir sonst mit Ach und Krach 60 Prozent geschafft haben“, sagte der OB. Mit Blick auf Zieraus knapp sieben Jahre in Kiel resümierte Kämpfer: „Du hast die Zeit genutzt, um prägenden Eindruck zu hinterlassen.“
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Dazu gehören allerdings auch Erinnerungen an lange Warteschlangen im Rathaus, als der Bürgerservice vor rund vier Jahren völlig überlastet war, was zu einem Terminstau führte. Der Knoten wurde erst durchschlagen, als der Oberbürgermeister die Probleme zur Chefsache machte. Lange Prozesse in der Ausländerbehörde sind ebenfalls seit Jahren bekannt. Klienten erhalten dort zum Teil über Monate keine Rückmeldung.
Liegengeblieben war in Zieraus Amtszeit auch die Abrechnung von Rettungsdiensteinsätzen gegenüber den Krankenkassen. Das wurde Anfang dieses Jahres durch einen Bericht des Rechnungsprüfungsamts bekannt. Die Rede war von etwa 75.000 Einsätzen, die zum Teil bis ins Jahr 2020 zurückreichten. Der Stau wurde in diesem Jahr zwar nahezu abgebaut, doch Erträge von rund 44 Millionen Euro erreichten die Stadtkasse damit verspätet.
KN