Der 88-jährige Zirkusgründer Henk van der Meijden verfolgt die Debatte um Tiere im Zirkus sehr aufmerksam, sagt er im Gespräch mit unserer Redaktion: „Wir beobachten den Austausch der Argumente ganz genau.“ Zugleich signalisiert er Bereitschaft zum Umdenken: „Wenn das Stuttgarter Publikum keine Tiere mehr im Programm sehen will, werden wir darauf künftig verzichten.“ Man wolle kein Programm gegen den Willen der Besucherinnen und Besucher machen.

Tierschutz sei auch den Zirkusbetreibern wichtig, betont Henk van der Meijden. Den Pferden gehe es im Zirkus gut, sonst hätte man die beiden Nummern gar nicht erst gebucht. Regelmäßig schauten Tierärzte nach den Tieren, zudem habe das städtische Veterinäramt alle Darbietungen genehmigt. „Den Pferden geht es besser als so manchem Haustier daheim“, sagt der Niederländer, der als Legende in der Zirkuswelt gilt.

Am Montagabend haben Tierschutzaktivisten zum vierten Mal vor dem Zelt des Weltweihnachtscircus auf dem Cannstatter Wasen demonstriert. Anlass sind zwei Pferdenummern in der Show, die noch bis zum 6. Januar 2026 in Stuttgart gastiert: die Ungarische Post von Angelina Richter mit 20 Pferden sowie eine Freiheitsdressur ohne Halfter und Zügel, bei der die Tiere auf Stimme und Körperhaltung von Pferdeflüstererin Giulia Giona reagieren.

Peta kritisiert „Rollkur“ und Stress bei Zirkuspferden in Stuttgart

Die Tierrechtsorganisation Peta berichtet von Videoaufnahmen, die zeigten, wie man in Stuttgart bei der Ungarischen Post Pferde in extrem enge Kopf-Hals-Positionen zwinge, in die sogenannte Rollkur – eine Praxis, die nicht zulässig sei. Zudem seien bei einigen Tieren deutliche Stresssignale wie Schweifschlagen, Schäumen oder Kopfschlagen zu beobachten. Häufig sei auch ein offener Mund zu sehen, vermutlich aufgrund der engen Zäumung.

Die Organisation hat die Vorfälle den zuständigen Behörden gemeldet und fordert ein generelles Verbot von Pferden in Unterhaltungsshows. Peta appelliert an die Öffentlichkeit, Veranstaltungen zu meiden, in denen Tiere eingesetzt werden.

Die von Peta behaupteten „klaren Stresssignale“ seien in dieser Woche erneut vom Veterinäramt überprüft worden, berichtet Zirkuschef Dalien Cohen, der Schwiegersohn von Henk van der Meijden. Zwei Amtstierärzte der Stadt Stuttgart seien vor Ort gewesen. „Sie haben die Acts, die komplette Tierhaltung und alle Tiere eingehend kontrolliert und erneut bestätigt, dass die Vorwürfe von Peta unbegründet beziehungsweise falsch sind“, so Cohen.

Stadt hat „Kleinigkeiten“ beanstandet, die zum Wohl der Pferde verändert wurden

Dazu erklärt Sven Matis, Sprecher der Stadt Stuttgart: „Wir können bestätigen, dass die Veterinäre vor Ort waren. Es wurden Auffälligkeiten in der Manege festgestellt, mit dem Zirkus besprochen sowie schriftlich verfügt. Die Haltung, Unterbringung und Pflege der Pferde sind ordnungsgemäß.“

Was für „Auffälligkeiten“ das waren? Auf unsere Nachfrage teilt Matis am Dienstagnachmittag mit: „Über die Einzelheiten möchten wir nicht öffentlich sprechen. Darüber haben die Fachleute mit dem Zirkus gesprochen. Es waren aber keine grundsätzlichen Erwägungen, sondern Kleinigkeiten, die anzupassen sind, um das Wohlergehen der Pferde zu verbessern.“

Zirkuschef Dalien Cohen sagt dazu: „Es geht um die korrekte Kopf-Hals-Position. Man hat schriftlich festgehalten, wie die aussehen muss.“ Die Beschwerden wegen eines „zu engen Anbindens“ seien dagegen unzutreffend.

Zirkuschef in Stuttgart beklagt: Sachlicher Dialog kaum möglich

Für Zirkuschef Dalien Cohen ist es „schwer nachvollziehbar“, wie „sogenannte Tierschützer derart harte Behauptungen ohne belastbare Fakten aufstellen können“. Wenn dann fachlich ausgebildete und zuständige Stellen wie das Veterinäramt „mit klaren, fundierten Einschätzungen“ kämen, würden diese pauschal als „nur Beamte“ abgetan, die angeblich nichts von Tieren verstehen würden. „So ist ein sachlicher Dialog mit Menschen, die Fakten grundsätzlich ablehnen, kaum möglich“, bedauert Dalien Cohen und verweist darauf, dass die Ungarische Post von Angelina Richter zu dem prestigeträchtigen Zirkusfestival in Monte Carlo eingeladen sei.

Giulia Giona mit ihrer Freiheitsdressur. Foto: LICHTGUT Tierschützerin: „Tierfreie Shows begeistern das Publikum genauso“

„Erfolgreiche Zirkusunternehmen zeigen, dass tierfreie Shows das Publikum genauso begeistern können“, erklärt Emilia Schüler, Pressesprecherin des Kollektivs Tierbefreiung, das mit Animal Rebellion vor dem Zirkus demonstriert hat. So habe sich der Circus Roncalli bereits in den 1990er Jahren von Wildtierdressuren verabschiedet und 2018 auch die Pferde aus dem Programm genommen.

Zukunft der Tiere im Zirkus: Publikum entscheidet mit

Die Debatte um Tiere im Zirkus ist nach der Abreise des Tauben-Magiers in Stuttgart erneut entbrannt. Während Aktivisten ein generelles Tierverbot, nicht nur für Wildtiere, fordern, verweisen die Veranstalter auf bestehende Kontrollen, Genehmigungen und ihr Engagement für das Wohl der Tiere. Henk van der Meijden will aber nicht ausschließen, dass künftig gar keine Tiere mehr im Weltweihnachtscircus zu sehen sind – dies hänge vom Publikum ab. Bisher ist der Jubel jedenfalls sehr groß, wenn die Pferde in der Manege ihre Darbietungen vorführen.

Zu den Demonstrationen seien jeweils etwa zehn bis 15 Personen gekommen, sagt van der Meijden und fährt fort: „Das hilft, die Größenordnung eines solchen Protests ins Verhältnis zur tatsächlichen Besucherzahl zu setzen.“