Seit November 2024 darf sich Isabell Werth offiziell „Legende“ nennen. Damals wurde sie beim Deutschen Sportpresseball als solche geehrt. Eine Legende kann laut Duden verschiedene Bedeutungen haben. Zum Beispiel eine „Person oder Sache, die so bekannt geworden ist, einen solchen Status erreicht hat, dass sich bereits zahlreiche Legenden um sie gebildet haben“.
Oder „etwas, was erzählt, angenommen, behauptet wird, aber nicht den Tatsachen entspricht“. Auf die erfolgreichste Dressurreiterin der Welt trifft beides zu. Eine Legende, die sich seit Jahren um Isabell Werth rankt, ist, dass sie ihre Karriere im Leistungssport bald beenden wird.
„Es hat die kühnsten Träume übertroffen“
Isabell Werth ist 56 Jahre alt. Seit mehr als 35 Jahren reitet sie in der Weltspitze mit. Die Spekulationen, dass damit nach den Olympischen Spielen von Paris, wo sie 2024 ihre achte Goldmedaille gewann, Schluss sein würde, befeuerte sie einst selbst. Paris werde eine Zäsur, sagte sie 2021 der „Bild“-Zeitung, danach werde sie sich „langsam, aber sicher aus dem Spitzensport zurückziehen“. Was sie damals noch nicht wusste: 2026 findet die Reitweltmeisterschaft in Aachen statt, ein Ort, an dem sie viele Erfolge erlebt hat – den wohl größten vor bald 20 Jahren.
2006 war nicht nur das Jahr des Fußballsommermärchens in Deutschland. Kurz darauf begannen die Weltreiterspiele in Aachen. „Wir haben alle erwartet, dass es tolle Weltmeisterschaften würden. Aber es hat die kühnsten Träume übertroffen“, sagte Werth seinerzeit, nachdem sie dem Reitsport einen seiner bis heute bedeutendsten Momente beschert hatte. Nicht nur das Springreiten fand damals im Hauptstadion statt, sondern auch die Dressur, die bis dahin im Schatten des Parcoursspektakels stand.
Vieles wird in Aachen 2026 anders sein
Doch dann wurde Isabell Werth vor 40.000 Zuschauern Team- und Einzelweltmeisterin. Mit Satchmo, keinem einfachen Pferd, sondern einem, das sich ihr oft widersetzte. Es litt an einem Augenfehler, der es immer wieder Schatten sehen ließ und in Panik versetzte. Eine Operation brachte Besserung, und Satchmo ebnete Werth den Weg zurück in die Weltspitze.
Die WM 2026 findet in einer Zeit statt, in der sich der Reitsport nach vielen Skandalen um seine Reputation sorgt. Vieles wird in Aachen diesmal anders sein. Im Springen gibt es kein Finale mit Pferdewechsel mehr, Distanz- und Westernreiten gehören nicht zu den sechs WM-Disziplinen. Dafür rückt die Para-Dressur ins Programm.
Eine Konstante könnte Isabell Werth sein, die ihre Karriere vielleicht mit der Stute Wendy krönen wird. Die Chancen stehen gut, die Konkurrenz im eigenen Land ist geschwächt, Olympiasiegerin Jessica von Bredow-Werndl setzt auf Nachwuchspferde. Die Favoriten im Ausland sind zwar jünger, aber viel unerfahrener als Werth.
Wenn am Abend des 15. August das Flutlicht angeht und sie sich für die Kür qualifiziert hat, wird sie 57 Jahre alt sein. „Ich muss jetzt nicht mit 60 und 65 noch auf Championaten reiten“, auch das sagte sie einmal. Bleibt abzuwarten, ob die WM 2026 nicht nur ein neuer Höhepunkt, sondern auch Schlusspunkt ihrer Laufbahn und die Legende vom Karriereende schon wahr wird.
Auf ihre Aussagen von 2021 angesprochen, sagte sie kürzlich, „langsam“ sei ein dehnbarer Begriff. Bei den Sommerspielen 2028 wäre Isabell Werth jedenfalls noch nicht 60.