Rund 4000 Eimer Sand holten mehrere ältere und ein junger Mann im April und Mai 1962 aus dem Boden, um einen Fluchtstollen aus der DDR zu graben. Die neue Dokumentation des Archäologen Torsten Dressler erweist sich als hoch spannende Lektüre über dieses und andere Projekte.
Der Weg in die Freiheit musste geräumig sein. Denn Elisabeth „Liesbeth“ Thomas, knapp 62 Jahre alt, war einigermaßen korpulent und nicht allzu gelenkig. Zudem wollte sie die DDR keinesfalls ohne eine Menge Wäsche und die Familienbriefe verlassen, verpackt in einem sperrigen Koffer. Daran war der erste Fluchtversuch des Ehepaars Thomas gescheitert. Eigentlich nämlich wollten der 81-jährige Max und seine Frau schon im Januar 1962 durch den Tunnel der Familie Becker unter der Oranienburger Chaussee von Glienicke/Nordbahn im DDR-Bezirk Potsdam nach West-Berlin kriechen. Doch der Stollen aus dem Haus Nr. 13 war schlicht zu eng für Lisbeth und ihren Koffer.
Für den „Eisernen Gustav“, wie man den willensstarken Fuhrunternehmer gern nannte, war das inakzeptabel. Er beschloss, einen eigenen Fluchtstollen zu graben – so bequem, dass auch seine Frau hindurchpasste. Zusammen mit den Männern mehrerer befreundeter Paare, alle 50 Jahre oder älter, dem 19-jährigen Sohn der Eheleute Schauer sowie einem Bauingenieur namens Willy legte Max Thomas im April 1962 auf seinem Grundstück rund hundert Meter vom Haus der Beckers entfernt los.
Bei täglich 10 bis 14 Stunden Arbeit benötigten sie 16 Tage für den rund 32 Meter langen Tunnel unter der Oranienburger Chaussee. Etwa viertausend Eimer Sand mussten aus dem Gang herausgeholt werden. Denn damit Lisbeth mitkommen konnte, sollte der unterirdische Fluchtweg geradezu komfortable Maße haben: 70 Zentimeter breit, aber mindestens 1,30 und bis zu 1,75 Meter hoch. Kein anderer Stollen unter dem vermeintlich „antifaschistischen Schutzwall“ erreichte jemals eine auch nur annähernde Höhe – sie maßen bei Längen zwischen 15 und 160 Metern meist nur 70 bis 90 Zentimeter im Quadrat, waren maximal einen guten Meter hoch.
Die Fluchttunnel von Berlin, die hauptsächlich von Ende 1961 bis 1965 gegraben wurden (mit einer zweiten, kleineren „Konjunktur“ 1970 bis 1973) sind historisch weltweit einzigartig. Denn hier versuchten Menschen aus einer Diktatur in eine eingemauerte Teilstadt zu entkommen – etwas ganz anderes als etwa bei Fluchtstollen aus Gefängnissen oder Gefangenenlagern. Ungefähr 75 ernsthafte solche Fluchtprojekte sind durch Zeitzeugenerinnerungen, Stasiakten, Unterlagen der DDR-Grenzer, westlichen Papieren und Fotos dokumentiert; durch etwa die Hälfte davon konnten Ostdeutsche flüchten. Verdient gemacht hat sich darum vorrangig Dietmar Arnold, Gründer und Vorsitzender des Vereins Berliner Unterwelten, der nahe der Bernauer Straße sogar ein Tunnelmuseum betreibt, in dem man in einen echten, 1970/71 gegrabenen, allerdings nicht erfolgreichen Stollen schauen kann.
Während mit geschichtswissenschaftlichen Methoden das Thema Fluchttunnel praktisch auserforscht ist, fehlte bisher eine archäologische Dokumentation. Denn die wissenschaftliche Ausgräberei beschränkt sich keineswegs auf Überreste von Zivilisationen, die mehrere Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende zurückliegen. Es gibt auch die Archäologie der Moderne, die sich mit Spuren von Ereignissen des 20. Jahrhunderts befasst.
Typische Arbeitsgebiete sind Schlachtfelder des Ersten und Zweiten Weltkriegs, ferner Lager, seien es nationalsozialistische Mordfabriken, die 1941 bis 1943 im seinerzeit besetzten Polen Millionen Menschenleben verschlangen, seien es oberirdisch verschwundene Wohnorte von Fremdarbeitern. Sehr spannend sind zudem Funde in verschütteten Kellern kriegszerstörter Gebäude; dabei wurden beispielsweise 2010 nahe des Alexanderplatzes 16 verschollen geglaubte, vermeintlich „entartete“ Skulpturen entdeckt.
Und eben die Reste der Berliner Mauer. Die Grenzbefestigungen, mit denen das SED-Regime Ostdeutsche hindern wollte, die DDR zu verlassen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen, wurde in den 1990er-Jahren oberirdisch nahezu spurlos abgeräumt. Doch unter der Erdoberfläche, also dort, wo sich Archäologen wohlfühlen, gibt es viel zu entdecken.
Fast zwei Jahrzehnte schon arbeitet der selbstständige Archäologe Torsten Dressler immer wieder mal entlang des einstigen Todesstreifens rund um West-Berlin; seine ersten wissenschaftlichen Untersuchungen hier, im Fachjargon Surveys genannt, fanden 2007 statt. Jetzt ist die beinahe monumentale, zweibändige Dokumentation seiner Arbeit erschienen, nebenbei auch eine überaus eindrucksvolle Doktorarbeit („Die Berliner Mauer. Grenzanlagen und Fluchttunnel“. Konrad-Verlag Weißenhorn. 704 S., 69,95 Euro). Es ist zugleich streng wissenschaftliche wie hoch spannende Lektüre.
Zu den wichtigsten Themen der mehr als vier Kilo bedruckten Papiers gehören die erfolgreichen Fluchttunnel in Glienicke/Nordbahn, gelegen unmittelbar östlich des (zu Mauerzeiten) West-Berliner Ortsteils Frohnau. Die Verwaltungsgrenze zwischen dem Umland und der Großstadt verlief hier westlich der Oranienburger Chaussee – und weil sich daran die Sektoren der westlichen Schutzmächte orientierten, lebte das Ehepaar Thomas seit 1945 ebenso wie die Familie Becker in der sowjetischen Zone, den französischen Sektor vor Augen.
Schon seit 1952 markierte hier ein (durch ostdeutsche Grenzpolizei kontrollierter, aber durchaus noch überwindbarer) Jägerzaun das Ende der DDR und den Beginn der Freiheit. Nach der Absperrung der innerstädtischen Sektorenlinie am 13. August 1961 errichteten auch hier Grenzer rasch mehrere parallele Stacheldrahtverhaue. Die Beckers gruben als erste unter der Oranienburger Chaussee einen Fluchtstollen, der am 24. Januar 1962 insgesamt 28 Menschen in die Freiheit brachte. Gut drei Monate später, am Abend des 5. Mai, war dann der Thomas-Tunnel fertig.
Weil Dressler sich nicht beschränkt auf die eigentlichen Methoden seines Faches, sondern zusätzlich ähnlich wie ein Historiker arbeitet, bietet seine Publikation zusätzlich zur archäologischen Perspektive in weiterer Hinsicht substanziell neues Material. Zum Thomas-Tunnel zum Beispiel bisher unveröffentlichte Interviews von 2014 mit dem letzten noch lebenden Mitgräber, Detlev Schauer, und einem damaligen DDR-Grenzer.
Schauer hatte 1962 als gerade 19-Jährige einen Teil der Schufterei im Stollen geleistet. Sein Onkel war durch den Becker-Tunnel geflüchtet, nun wollte die Familie Schauer einen ähnlichen Weg gehen. Erstaunlich scheint vor allem, wie improvisiert das ganze Unternehmen war.
Der „Eiserne Gustav“ hatte Anfang April 1962 im Wohnzimmer ein Loch in den Holzfußboden seines nur teilweise unterkellerten Hauses gesägt und angefangen zu graben. Aber schnell zeigte sich: An dieser Stelle bot der zähe Lehmboden zu viel Widerstand. Täglich gerade einmal sechzig Zentimetern voranzukommen, erschien Max Thomas wenig verheißungsvoll. Also suchte er auf seinem Grundstück einen besseren Ausgangspunkt. Dazu pflanzte er – immer unter den Augen der patrouillierenden DDR-Grenzer auf der gesperrten Oranienburger Chaussee – mehrfach eine kleine Tanne ein- und um. Schließlich fand er, dicht am Hühnerstall, relativ lockeren Sandboden.
Am 20. April 1962 begannen die eigentlichen, streng geheimen Ausschachtungsarbeiten. „Das Loch wurde immer größer“, berichtete Detlev Schauer, als sei das Vorhaben vollkommen normal gewesen: „Dann ging das immer weiter.“ Max Thomas, erinnerte er sich, „war wirklich noch rüstig für sein Alter“. Von Zimmer des Wohnzimmers aus beaufsichtigte er das ganze Projekt. Immer wenn Grenzer sich der geheimen Tunnelbaustelle näherten, löschte er das Licht dort – der 19-Jährige und die anderen Männer hörten dann sofort auf zu graben und verhielten sich still. Waren die stets mit Maschinenpistolen bewaffneten Grenzer wieder weg, ging es weiter.
Die DDR-Uniformierten durften natürlich nicht wissen, wie faustdick es der alte Mann hinter den Ohren hatte: „Manchmal kamen Vopos bei ihm am Fenster vorbei, da hat er ein bisschen dusselig gequatscht und sie so auch ein wenig mit abgelenkt“, beschrieb Schauer.
Es dämmerte gerade am Abend des 5. Mai 1962, als Max Thomas das Startsignal für die Flucht gab. Der Stollen war jetzt so weit, dass er jenseits des letzten Stacheldrahtzauns endete. In der Dunkelheit wurde von unten her der Ausstieg geöffnet, und alle eingeplanten Flüchtlinge konnten auf West-Berliner Seite wieder an die Oberfläche kommen.
Erst fünf Tage später entdeckten DDR-Grenzer die Flucht und inspizierten den Stollen. Mindestens drei Uniformierte stiegen auf West-Berliner Seite aus dem Untergrund, kehrten aber allesamt zurück. Die Stasi fotografierte den gesamten „Tatort“. Dann wurde der Thomas-Tunnel mit einer Betonplombe verschlossen.
Ein früherer DDR-Grenzer, der 1962 vor Ort im Einsatz war und das Ehepaar Thomas kannte, sagte Dressler 2014: „Als ich gehört habe, dass die den Tunnel gebaut haben, musste ich so lachen.“ Eine gewisse Achtung war unverkennbar bei seinen nächsten Worten: „Das war ein lustiger Bursche, der alte Max Thomas!“
Am Einstieg im Hühnerstall stießen die Ermittler der Stasi übrigens auf einen sperrigen Koffer. Als sie ihn öffneten, fanden sie Wäsche und die Briefe der Familie Thomas. Ob Lisbeth ihren Schatz vergessen hat oder ob ihr Mann sie im letzten Moment davon abbrachte, sich mit dem Gepäck zu belasten, muss offen bleiben.
Sven Felix Kellerhoff ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenfeldern gehören neben Nationalsozialismus und Bundesrepublik auch die DDR und besonders die Teilung Berlins. Mit Fluchttunneln befasst er sich seit rund zwei Jahrzehnten, die Arbeit von Torsten Dressler verfolgt er seit 2010.