„Nicht alle von uns können große Dinge tun. Aber wir können kleine Dinge mit großer Liebe tun.“ Dieses Zitat von Mutter Teresa, das mir in der Weihnachtspredigt von Eva von Winterfeld in der Unterbarmer Hauptkirche begegnete, gab mir zu denken. Wir alle werden täglich konfrontiert mit „großen Dingen“ – und dadurch mit unserer scheinbaren Unwirksamkeit. Dabei sind wohl ausnahmslos alle „großen Dinge“ in dieser Welt durch kleine Schritte entstanden.
Dadurch, dass jemand einfach angefangen hat, etwas bis dahin Unvorstellbares zu tun, beispielsweise Ende der 1970er Jahre in einem Berliner Hinterhof Solartechnik zu entwickeln. Das hat damals niemanden interessiert und schien auch keine Zukunft zu haben.
Vergangenen Sommer wurde ich für die Eröffnung einer Gedenkausstellung zum achtzigsten Jahrestag des Atombombenabwurfs auf Hiroshima in der Alten Glaserei um einen Redebeitrag gebeten. Diesen entwickelte ich damals aus den »kleinen Dingen« und den Erfahrungen in der lokalen Kulturarbeit, weshalb ich mir erlaube, ihn zum Jahresabschluss hier in dieser Kolumne zu veröffentlichen. Sein Titel lautet „Frieden machen“: Frieden ist ein großes Wort. Ein Gefühl der Geborgenheit möchte sich ausbreiten bei seinem Klang, ein endgültiges Lösen aller Spannungen – bis hin zur „Ruhe in Frieden“.
„Si vis pacem, para bellum!“ – „Wenn du Frieden willst, rüste zum Krieg!“, lautet ein Zitat von Publius Flavius Vegetius Renatus, einem Kriegstheoretiker des 4. Jahrhunderts. Aktuell scheint dies europaweit die Losung zu sein. Gigantische Sondervermögen und ein drastisch wachsender Anteil unseres Bruttoinlandsprodukts sollen uns für den Frieden rüsten. Der Frieden basiert hier auf einer Vorstellung der Stärke, des Gerüstetseins. Es ist ein Frieden in den Kategorien des Krieges, ein realistischer Frieden, möglicherweise … „Ich mache meinen Frieden“, heißt es in der deutschen Sprache, wenn wir uns mit etwas abfinden, durch etwas hindurch sind, wenn wir etwas annehmen. Hier schwingt schon mit, dass Frieden nicht immer ideal, nicht etwas Umfassendes sein muss oder kann – zumindest, solange wir leben.
Ich möchte hier von scheinbar kleinen Dingen sprechen. Spätestens, seit wir im Kollektiv den Kulturort Insel in Wuppertal leiten, sind mir diese scheinbar kleinen Dinge ans Herz gewachsen, sind sie mir vertraut in meiner alltäglichen Praxis. Alle in unserem Team kommen aus unterschiedlichen Lebensbereichen, sind in unterschiedlichen Lebensphasen und haben unterschiedliche politische Einstellungen. Wir machen unsere gemeinsame Arbeit freiwillig und können jederzeit auseinandergehen. Dies auszuhalten, ja: produktiv werden zu lassen, ist für uns Alltag. Es ist wie ein Mikrokosmos. Gemeinsam tragen wir die Verantwortung für etwas Größeres.
Die scheinbar kleinen Dinge begegnen mir in der Überzeugung, dass „Frieden“ keine Utopie ist, sondern eine Entscheidung, die wir alltäglich treffen. Eine Entscheidung für den Frieden und gegen Unfrieden. Selbstverständlich gelingt das nicht immer. Oder, um mit Mahatma Gandhi zu sprechen: „Es gibt keinen Weg zum Frieden, denn Frieden ist der Weg.“
Ich halte eine Tür hinter mir auf und ernte ein Lächeln, ein „Danke“ oder auch nichts. Ich versuche pünktlich zu sein und Menschen nicht auf mich warten zu lassen. Ich sage „bitte“, ich sage „danke“. Ich sage „das hast Du gut gemacht“.
Ich akzeptiere, dass mein Gegenüber eine andere Weltsicht, eine andere Wahrheit hat als ich, und interessiere mich dafür. Finden wir etwa doch Gemeinsamkeiten?
In der Nähe unseres Hauses treffe ich beim Spazierengehen seit Jahren regelmäßig auf einen älteren, türkisch anmutenden Mann. Er wirkt wie in Trauer, schaut immer zu Boden, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Als ich ihm letztes Jahr im Herbst begegne, mein Vater war gerade gestorben, richtet er sich plötzlich auf, sieht mir in die Augen und sagt „Guten Tag“. Als hätten wir Trauernden uns erkannt.
In ihrem Buch „Streiten“ unterscheidet die Philosophin Svenja Flaßpöhler zwischen Gegnern und Feinden. Unsere Gegner, in einer diskursiven Auseinandersetzung oder im Sport, können wir besiegen oder überzeugen wollen, doch am Ende bleiben sie, was sie sind: Menschen unter Menschen. Unsere Feinde hingegen möchten wir vernichten, sie sind etwas grundsätzlich Anderes, es gilt: sie oder wir.
Auch Tiere, um sie einsperren und töten zu können, erklären wir – Tiere unter Tieren – zu etwas ganz Anderem. „Solange er den Kreis seines Mitgefühls nicht auf alle Lebewesen ausdehnt“, so der Arzt, Theologe, Musiker und Philosoph Albert Schweitzer, „wird der Mensch selbst keinen Frieden finden“.
Frieden fängt damit an, was wir essen. Die Sprache macht unsere Mitmenschen zu Feinden. Feindbilder zu malen ist eine der vorzüglichsten Aufgaben von Propaganda. Das kann sehr überzeugend, beinahe erlösend sein: „Mit denen, die dieses oder jenes wollen oder tun, ist kein Friede möglich“, heißt es dann, „wir müssen sie auslöschen. Nur dann kann es Frieden geben …“.
Im Jahr 1995 und nochmal einige Jahre später war ich in Südafrika unterwegs und durfte Zeuge eines einmaligen Prozesses sein. Mein Jungsein und meine Naivität schützten mich damals vor der Gewalt, der ich mich potenziell aussetzte, indem ich Bus und Zug fuhr, was dort bis dahin kaum Weiße taten, indem ich nachts zu Fuß durch Kapstadt lief, wie ich es von Zuhause kannte, indem ich mich von einem der Bewohner durch eine Township fahren und zu einem abendlichen Treffen mitnehmen ließ.
Ich wusste nicht viel von der damals ganz jungen Vergangenheit der Apartheid und ihren Schrecken. Im Fernsehen liefen die Prozesse der sogenannten Wahrheitskommission. Vertreterinnen und Vertreter des vormaligen Apartheid-Regimes, die für Inhaftierungen verantwortlich gewesen waren oder Menschen gefoltert hatten, konnten straffrei davonkommen, wenn sie mit ihren Opfern oder deren Angehörigen über ihre Taten ins Gespräch kamen.
Live und landesweit im Fernsehen. Menschen rangen mit ihren Wahrheiten, weinten, schrien oder lagen sich in den Armen. Es wurde verziehen. Es war ein unglaublicher Vorgang. Ihm vorausgegangen waren die Reden Nelson Mandelas – nach 27 Jahren aus politischer Haft entlassen –, die scharf waren, aber immer im Sinne der Gegnerschaft, nicht der Feindschaft. Es sollte damals eine Zukunft geben.
Individuell gewendet macht das Bild des Gerüstetseins für den Frieden vielleicht etwas Sinn: Um Frieden zu machen, müssen wir frei sein, müssen wir uns einigermaßen souverän fühlen, müssen wir im Alltag lächeln können.
Achten wir also auf uns. Versuchen wir, unseren Frieden zu machen. Jeden Tag. In ganz kleinen Etappen, die den Weg des Friedens bilden. „Peace is not something you wish for“, sagte einmal John Lennon, „It‘s something you make, something you do, something you are, and something you give away.“