Musik machen ist nie eine große Arbeit. Jedenfalls für ihn. Sicher: Die Proben können anstrengen. Das Konzert dann aber ist pures Vergnügen – wenn der Druck weg ist, den die zeitlich und logistisch eng getaktete Vorbereitung bedingt. Auch wenn die Konzerte seit vielen Jahren auch an Weihnachten und am Jahreswechsel stattfinden. Das kennt er schon aus Knabenchorzeiten. Patrick Hahn, seit 2021 Generalmusikdirektor (GMD) des Sinfonieorchesters Wuppertal, hat gerade sein letztes Konzert im Orchestergraben der Oper Barmen absolviert, steht vor seinem letzten Neujahrskonzert in der Historischen Stadthalle. Auftakt in ein Jahr der letzten Male. Zum Sommer verlässt er die Stadt. Was allemal einschneidender für ihn ist als das Arbeiten an Feiertagen.
Der Terminkalender ist prall gefüllt: Am Samstag dirigierte Patrick Hahn noch „Die Fledermaus“ an der Deutschen Oper Berlin, am Sonntag dann „Hänsel und Gretel“ in Wuppertal. Bevor er am heutigen Silvestertag wieder nach Berlin reist, um dort die Strauss-Operette aufzuführen, wurde das Neujahrskonzert in Wuppertal geprobt. Der Jahreswechsel fällt dennoch nicht ins Wasser: Er wird in der Hauptstadt nach dem Konzert mit Kollegen aus dem Orchester gefeiert. Und am Vormittag des 1. Januar sitzt der 30-Jährige wieder im Zug nach Wuppertal. Sorgen ums Ankommen angesichts der aktuellen Streckensperrungen der Bahn hat er nicht. „Dann steig‘ ich halt in Hamm aus und nehme den Regionalzug“, sagt er zuversichtlich. Außerdem ist immer ein zeitlicher Puffer eingeplant. Die Lektüre im Zug ist übrigens nicht das Programm des morgen anstehenden Konzerts, sondern Wagners „Walküre“, die am 18. Januar in Wuppertal konzertant gegeben wird.
Musik an Sonn- und Feiertagen ist Hahn vertraut: Schon in der Jugend spielte er die Orgel bei zwei Messen in zwei Kirchen hintereinander und gab im Anschluss Konzerte für Patienten in einer Rehaklinik in der Steiermark, „das dankbarste Publikum, das man sich vorstellen kann“. Wie Arbeit fühlte sich das schon damals nicht an. Wenn auch das frühe Aufstehen für das Orgelspiel manchmal schwerfiel. Was der Österreicher damals begann, um das Taschengeld aufzubessern, pflegt er heute noch. Allerdings, dem Beruf geschuldet, unregelmäßig. Gerade erst war er im alten Kirchenchor aktiv.
Nachdem er den Dezember weitgehend in Berlin verbracht hat, war er über die Weihnachtstage zu Hause bei der Familie, Eltern und zwei Brüdern. Pünktlich an Heiligabend schneite es dicke Flocken in der 4500 Seelen Marktgemeinde Eggersdorf bei Graz. Hahn baute mit seiner Nichte im „Winter Wonderland“ einen Schneemann. Rührte bewusst keine Partitur an. „Die nächsten Monate werden ja selbst verschuldet sehr intensiv“, blickt der GMD auf den konzertanten Ring, der sich nach dem fulminanten „Das Rheingold“-Auftakt bestens verkauft. „Die Kunst hat überzeugt, daran hatte ich nie Zweifel“, freut er sich, der Spagat ist geschafft, sowohl Nicht-Wagnerianer als auch passionierte Wagnerianer zu überzeugen.
Für das Neujahrskonzert gab es nun zwei Proben mit dem Orchester am Montagabend und die Haupt- und Generalproben am Dienstag. Das Programm ist „ein buntes Sammelsurium“ aus Johann Strauss (Sohn), Schostakowitsch, Bernhard Lang, Georg Kreisler und Modest Mussorgskis „Bilder einer Ausstellung“ in einer jazzigen Komposition von Yaron Gottfried: Vom Ursprung sind nur ein paar Motivfetzen übrig geblieben, stattdessen gibt es Raum für Improvisation. Spielen wird das Frank Dupree Trio, das die Wuppertaler bereits Open Air auf dem Laurentiusplatz erleben konnten. „Ein schöner Abschluss“ für seine Neujahrskonzerte in Wuppertal, mit einem ungewöhnlichen Programm, das „heimatverbunden“ ist, indem es Hahns Lieblingskomponisten Strauss einschließt, zeitgenössische Entdeckungen und Kreisler aufbietet und „durch den Jazz eine moderne Lesart hat“. Eine spezielle Neujahrsreferenz gibt es nicht, Konfettiregen sind wegen der Reinigung untersagt. Silvester-Einlagen hat Hahn in Wuppertal zuletzt 2022 bei der „Lustigen Witwe“ von Lehár erlebt: ein Schwipslied mit echtem Sektgenuss. Was ihn in Berlin erwartet, weiß er nicht. Im letzten Jahr, als der Silvestertag mitten in der China-Tournee lag, gab es zwar Countdown und Feuerwerk, dort wird das Neujahrsfest traditionell abererst später begangen.
Kein Weihnachtsschmuck, aber eine Nussknacker-Queen
Die Wohnungssuche verlief kurz: Bereits die erste Besichtigung war erfolgreich, damals im August 2021. Das viele Licht, der Weitblick (vom eigenen Balkon) und die Nähe zur Oper überzeugten. „Ich konnte mir gut vorstellen, hier zu sein.“ Die Wohnung im dritten Stock eines Hauses, das 1903 aus einer Mischung von Gründerzeit- zum Jugend-Stil erbaut und 1993 in die Denkmalschutzliste aufgenommen wurde, weist viele Elemente der damaligen Zeit auf. Von der kunstvollen Wohnungstür, Stuckdecken über hohen Wänden bis hin zu den hellen Eichendielen. Vier Räume hat Hahn hier. Sein Stil ist „manchmal minimalistisch, funktional, praktisch und dezent chic“. Er habe viel Spaß beim Einrichten, Planen, dem Auswählen der Farben, „ich mag die Kombination aus Neu und Altbau“. Binnen drei Monaten schaffte er die Einrichtungsgegenstände an, fand sie meist im Internet, lagerte sie zunächst bei den Eltern. Mit Vater und Bruder wurden sie dann nach Wuppertal gebracht. An die Wände hängte er viele Kunstwerke, darunter auch zwei von Timm Ulrich, mit hintergründigem Wortwitz, die Hahn besonders schätzt, und eine fotokünstlerisch bearbeitete Straßen-Landschaft aus Autowracks. In einer Vitrine steht eine kleine Nussknacker-Queen in leuchtend blauem Outfit, eine limited Edition aus dem Erzgebirge, die rasch vergriffen war. Überall finden sich Vasen mit Blumensträußen von Konzerten. Weihnachtsschmuck fehlt dagegen, auch wenn Hahn schon einige Jahresendzeiten in Wuppertal verbracht hat. „Der muss ja wieder irgendwohin siedeln“, wehrt er ab. Außerdem „hat die Mama endlos Schmuck“. Zumindest die Kerze in der Laterne auf dem Fenstersims hat weihnachtlichen Flair.
Bleibt der Blick nach vorn: Persönlich wünscht sich der sympathische junge Mann für 2026, dass „der starke familiäre Rückhalt, der mich geprägt hat, bleibt“. Betont, dass er damit auch Gesundheit für die Eltern meint. Gedanken an die Abschiedsmonate von Wuppertal hegt er (noch) nicht: „Es ist soviel zu tun, dass das Gefühl nicht aufkommt, „das wird verdrängt“. Unabhängig davon ist die Zukunft bis ins Jahr 2028 terminiert. Der Kalender enthält viele Opernproduktionen. Das immer wieder vermutete feste Engagement an einem Haus ist nicht dabei, „das ist nicht der Grund, weshalb ich gehe“, winkt Hahn ab.
Langfristig hat er nur noch seine Wohnung in Wien, lebt wieder mehr aus dem Koffer. Daran ist er gewöhnt. Lediglich der weit vorausschauende Umgang mit den Noten, damit die immer dort sind, wo sie für die anstehenden Proben gebraucht werden, ist schwierig und fehleranfällig. Das Reisen mit der Bahn wird bleiben, das Auto, das für Wuppertal angeschafft wurde, damit er bei schlechtem Wetter nicht auf das Rad angewiesen ist, kommt dafür nicht infrage. Vielleicht bleibt es ja da.