Kiel. Christian Kuhnt ist Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Er freut sich ganz besonders auf die nach Jahren der Sanierung für Mitte Januar 2026 geplante Wiedereröffnung des Konzertsaales am Kieler Schloss. Den Kieler Nachrichten hat er verraten, warum das so ist. Es ist eine Liebeserklärung geworden.
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Es erging mir beim ersten Mal wohl wie allen, die aus der Fremde nach Kiel kommen: Man steht vor dem Konzertsaal, den man in Kiel stolz „Schloss“ nennt – und reibt sich verwundert die Augen. Denn die gläserne Fassade hat mit Märchenromantik ungefähr so viel zu tun wie ein köstliches Fischbrötchen mit Haute Cuisine.
Am 7. November 1959 meldete das Hamburger Abendblatt: „Das Kieler Schloss: Abriss und Wiederaufbau“. Eine Überschrift, die stutzig macht. Denn vom alten Schloss war nach den Kriegsjahren kaum mehr als der Westflügel, der berühmte „Rantzaubau“, übriggeblieben. Ein vollständiger Wiederaufbau? Der wäre nicht nur ein Mammutprojekt gewesen, sondern hätte auch nicht zu den ehrgeizigen Plänen gepasst, die schon seit den 1930er-Jahren in den Schubladen lagen.
Moderne Architektur statt nostalgische Rekonstruktion
Die Zeit der Residenzen war vorbei, Kiel blickte nach vorn. Statt nostalgischer Rekonstruktion entschied man sich für eine Vision: Für stolze 17 Millionen DM sollte ein „kulturelles Zentrum zwischen Nord und Ostsee“ entstehen – ein Ort, der Menschen zusammenbringt, Kunst und Musik Raum gibt und die Stadt mit neuem Leben erfüllt.
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Der Entwurf des Neubaus folgte dieser Idee konsequent: großzügige Räume für verschiedene Kultureinrichtungen, moderne Architektur und als Herzstück ein Konzertsaal, den Kiel so dringend brauchte. Aus den Trümmern wuchs etwas völlig Neues: ein Haus für die Zukunft, für Begegnungen – ein Ort, der Geschichte und Moderne miteinander verbindet.
Eine charmante Fußnote: Bereits einen Monat vor der feierlichen Einweihung Ende Mai 1965 fand unter dem Titel „Konzert zum Feierabend“ die erste Musikveranstaltung mit dem Tanzorchester des NDR statt. Heute würde man das wohl „niedrigschwellig“ oder „nahbar“ nennen – damals war es einfach eine sympathische Selbstverständlichkeit.
Kulturbeflissene stolpern über Namen „Kieler Schloss“
Die Initiatoren unseres besonderen Kulturortes an der Förde sprachen anfangs brav vom „Konzertsaal am Kieler Schloss“ – geografisch korrekt. Doch irgendwann verschwanden die beiden ersten Worte wie eine Sprotte beim Imbiss. Übrig blieb: „Kieler Schloss“.
Während die Kieler das längst gewohnt sind, stolpern kulturbeflissene Gäste darüber wie über eine lose Bordsteinkante. Dabei hat dieser Ort Besseres verdient, als belächelt zu werden. Dieser Text über „mein“ Schloss ist keine Chronik – er ist eine Liebeserklärung.
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Schon damals war es um mich geschehen: Gib mir Schloss, gib mir mehr Schloss!
Christian Kuhnt
Intendant des Schleswig-Holstein Musik Festivals
Man muss nur eintreten, um sich verführen zu lassen: in einen Saal, der zu den modernsten Konzertorten der Republik zählt. Ich erinnere mich noch genau an meinen ersten Besuch vor knapp 30 Jahren. Da offenbarte sich alles, was diesen Raum ausmacht: eine Akustik von überwältigender Unmittelbarkeit, Intimität, Nähe. Schon damals war es um mich geschehen: Gib mir Schloss, gib mir mehr Schloss!
Kommen Sie mit mir durch die Eingangstür hinein ins Foyer mit seinen Kronleuchtern. Wir schleichen uns am Einlasspersonal vorbei in den Saal: Rote Polster auf 1200 Klappsitzen, goldene Bordüren, weiße Wände mit Lampen, die an Badezimmer der 70er erinnern. Und die große Frage: Wo ist hier eigentlich die Bühne? Die Antwort: Es gibt eigentlich keine. Die Musik beginnt direkt vor der ersten Reihe, ohne Sockel. Keine museale Distanz, keine Absperrkordel.
Die Kunst ist mitten unter uns – so nah, dass man fast den Atem der Musiker spürt. Ein bisschen wie im Zirkus, nur ohne Zwergponys. Und genau das macht mein Schloss so einzigartig: Hier ist Musik kein fernes Heiligtum, sondern ein lebendiges Erlebnis.
KN