Eigentlich wollte Uwe Genz bis 70 schaffen. Aber ein Schlaganfall kam ihm dazwischen. „Alles geht langsamer“, erklärt er. Fast drei Jahrzehnte lang hätte der Koch dann das Restaurant Rösch im Stuttgarter Westen betrieben, nun hat er zwei Jahre früher als geplant aufgehört. Dabei bereitet ihm das Kochen keine Schwierigkeiten, nur die Worte fehlen ihm seither. „Das Drumherum wird immer mehr“, beklagt der 68-Jährige – und ihm wurde es nun zu viel. Ende Dezember gab er sein gut-bürgerliches Restaurant auf.

Weil er um die Ecke gewohnt hatte, stieß er 1987 auf das Rösch. „Es hat alles gepasst“, sagt er über den Anfang. Mit dem Vorgänger wurde er sich einig, mit dem Hausbesitzer kam er „wunderbar“ aus. Damit hatte Uwe Genz seinen Platz gefunden, an dem er sich beruflich verwirklichen konnte.

Nach der Ausbildung durch Frankreich getrampt

„Koch wollte ich schon immer werden“, sagt der 68-Jährige, „das liegt mir im Blut.“ Eine familiäre Prägung liege bei ihm zwar nicht vor, außer, dass Daheim alles selbst gekocht wurde. Wie er auf die Idee kam, kann er gar nicht genau erklären. Im Alter von 18 Jahren begann er seine Ausbildung im Mövenpick Restaurant am Schlossplatz, das später für das neue Kunstmuseum weichen musste. Durch Frankreich trampte er bis ans Meer und zurück. Überall heuerte er als Spüler in den Restaurants an, schaute zu, um zu lernen, machte sich Aufschriebe. Erst im Maison Kammerzell in Straßburg fiel auf, dass er das Handwerk beherrschte, und er wurde prompt an den Herd gestellt. „Etwas Schönes zu finden und sich selbstständig zu machen, war die Idee“, sagt er über die Zeit danach, was ihm im Alter von 30 Jahren gelang.

Das moderne Rösch wirkt auch ein bisschen historisch: „Die Leute sind wegen des Essens gekommen“, sagt Uwe Genz. Foto: Lichtgut / Ferdinando Iannone

Sein damaliger Lebensgefährte Olaf Frankenstein zog fürs Rösch extra aus Berlin nach Stuttgart. Bis zu seinem Tod Mitte der 1990er Jahre betrieben sie das Restaurant gemeinsam, nach zehn Jahren Pause kehrte Uwe Genz wieder zurück und beendeten den ständigen Pächterwechsel. Der Name Rösch blieb eine Konstante, er stammt ihm zufolge vom Bauherr des Hauses. Ein bisschen historisch wirkt auch die gediegene, etwas in die Jahre gekommenen Einrichtung aus dunklem Holz. Die Fenster wurden vor ein paar Jahren ausgetauscht, um mehr Licht hineinzulassen. Auch in der Küche sei ziemlich viel kaputt, erzählt der Koch, ihm habe es trotzdem getaugt. Mit einem Nachfolger an der Ecke Scheffel- und Bebelstraße rechnet er jedoch nicht.

Mit Handschlag verabschieden sich die Gäste von Uwe Genz in den letzten Tagen vor der endgültigen Schließung Ende Dezember. „Es war eine schöne Zeit“, sagt einer. „Vielen Dank für die besonderen Sachen, die es bei Ihnen gegeben hat“, sagt eine ältere Dame. Für seinen Gänsebraten war der Koch bekannt, den bestellten manchmal alle Gäste im Restaurant, wenn er auf der Karte stand, obwohl anderes zur Auswahl stand. Was es bei ihm gab, schrieb er immer auf eine Tafel vor der Türe. Morgens ging er einkaufen und schaute, was zu haben war. Danach verfasst er seine Speisekarte. Gefüllte Kalbsbrust hat er gern zubereitet, Kalbsherz an Balsamico-Jus, Zwiebelrostbraten, Linsen mit Spätzle und Saiten, aber auch Glasnudeln oder Fisch. Klassisch, wie früher kochte er, „alles frisch, alles selbst gemacht“.

Treue Gäste im Rösch seit 1987

Mehrere seiner Gäste waren ihm seit 1987 treu, die meisten stammten aus der Umgebung, einige von weiter weg. Dass sie über die vielen Jahren hinweg ins Rösch kamen, um sein Essen zu genießen, nimmt er als schönste Erinnerung mit. „Sie fallen jetzt nicht in ein Loch?“, fragt eine seiner Stammkundinnen besorgt. Daraufhin muss der Koch lachen. Für die Rente hat er einen Plan: „Ich gehe jeden Tag in die Wilhelma“, erklärt er voller Ernst. Seine Mittagspause verbrachte er oft im Maurischen Garten, jetzt muss er nicht mehr zurück an den Herd im Rösch eilen. „In der Wilhelma ist es wie im Urlaub“, findet der 68-Jährige.