
Wer Hund oder Katze zu Hause hat, weiß, dass Knallkörper an Silvester für Angst und Panik sorgen können. Gerade für Wildtiere ist die Böllerei besonders bedrohlich.
Von Janina Schreiber, SWR
Feuerwerk und Lichterregen sollen für uns Menschen die bösen Geister vertreiben. Doch für Fuchs, Reh oder Hase können sie bösen Stress bedeuten: „Das ist etwas, was ganz anders ist als das, was Wildtiere so in ihrem täglichen Ablauf erleben. Das ist wirklich schon ein drastischer Moment“, sagt Janosch Arnold, Biologe und Leiter der Wildforschungsstelle des Landes Baden-Württemberg (FVA).
Energiebilanz gestört: Stress in der Winterruhe
Wenn Wildtiere in der kalten Jahreszeit weniger zum Fressen finden, schalten sie auf Energiesparmodus. Igel zum Beispiel fallen in einen Winterschlaf. Der könne durch Böller und Raketen im schlimmsten Fall unterbrochen werden. „Etwas, was auf dem Sparprogramm lief, wird auf einmal hochgefahren – und das birgt das Potenzial für einen höheren Energiebedarf,“ erklärt Wildtierexperte Arnold. Wenn dann ein plötzlich erwachter Igel nichts zu fressen findet, kann ihm das zum Verhängnis werden.
Vögel geraten durch Feuerwerk in Panik
Auch wenn flächendeckende Untersuchungen zu Wildtieren im Allgemeinen fehlen, bei Vögeln konnten Forschende die Böller-Effekte rund um Silvester gut messen. Arnold zitiert eine ältere Studie aus den Niederlanden, die sich einzig auf die Silvesternacht bezieht: „Man hat festgestellt, dass diese Events des Feuerwerks dazu geführt haben, dass ganz große Bewegungen von Vögeln und Vogelschwärmen beobachtet wurden – die nur in dieser Silvesternacht auftauchten.“
Die Vögel verlassen – aufgeschreckt durch den Knall und die Lichter – ihre gewohnten Rastplätze, fliegen höher und müssen sich neu orientieren. Und das mitten im Winter, wo eigentlich Energie gespart werden muss. Auch eine spätere Studie rund um ein Forschungs-Team des Max-Planck-Instituts für Verhaltensbiologie in Konstanz hat das bestätigt. Mit GPS-Trackern ausgestattete Wildgänse versuchten dem Feuerwerk zu entkommen, das zeigte das Bewegungsradar.
Böllerei in sensiblen Gebieten meiden
Fachleute sind sich einig: Besonders problematisch wird es dort, wo Feuerwerk nah an sensiblen Lebensräumen gezündet wird – etwa an Waldrändern oder Feuchtgebieten. Zwar ist in vielen Naturschutzgebieten Feuerwerk sowieso verboten. Doch Wildtiere erobern zunehmend auch unsere Städte und rücken näher an sie heran, sagt Janosch Arnold. Deshalb sei auch in Parks Achtsamkeit angebracht.
NABU fordert Böllerverbot
Der Naturschutzbund NABU fordert nicht nur wegen der Belastung für Wildtiere ein Böller-Verbot. „Die Politik muss endlich den Mut aufbringen, hier klare Entscheidungen zu treffen“, sagt Johannes Enssle, Landesvorsitzender beim Naturschutzbund NABU in Baden-Württemberg. Der NABU fordert, dass Pyrotechnik ab der Stufe zwei, also solche, die nur Erwachsene kaufen dürfen, nur noch auf öffentlichen Veranstaltungen zugelassen ist.
Positiver Nebeneffekt eines Verbots von privatem Böllern: Luft und Wege blieben sauberer, weil weniger Feinstaub und Müll entsteht – auch das wäre gut für Wildtiere. Die seien ohnehin schon mehrfachen Belastungen ausgesetzt, sagt Biologe Arnold: Lebensräume werden kleiner, Straßenbeleuchtung stört die Nachtruhe, genauso wie permanenter Stadtlärm. Die Böllerei an Silvester müsse da nicht noch hinzukommen.