Auch wenn Sie in Ihrem neuen Buch („Krise der Aufklärung“. Über die Fortsetzbarkeit einer Lebensform. Suhrkamp Verlag, Berlin 2025. 208 S., br., 22,– €) der Überdehnung großer Worte entgegenwirken wollen, muss ich Ihnen eingangs die große kantianische Frage stellen: Was ist Aufklärung, Herr Hampe?

In Europa bezeichnen wir damit zumeist eine Epoche der wissenschaftlichen Revolution. Damit verbunden waren eine kontinuierliche Alphabetisierung der Bevölkerung, die Einführung der Schulpflicht und des Buchdrucks. Informationen konnten so besser verbreitet werden. Das gleiche gilt allerdings auch für Fehlinformationen. Daneben finden politische Revolutionen statt, die zum Beispiel in Frankreich den Feudalismus und die Monarchie von Gottes Gnaden abschaffen und durch eine Herrschaft des Bürgertums ersetzen. Einen solchen Elitenwechsel erleben wir auch heute in den Vereinigten Staaten von Amerika die intellektuelle Elite soll zurückgedrängt werden, das disruptive Unternehmertum strebt an die Macht.

Zugespitzt formuliert verwirklicht sich in den Vereinigten Staaten gerade eine konservative neoreaktionäre Revolution. Dabei werden vermeintliche Gewissheiten als Rechtfertigung konstruiert. Wie blicken Sie darauf?

So muss man das wohl charakterisieren. Sie knüpfen an die konservative Revolution an, die den Faschismus in Deutschland vorbereitete. Die Bewegung der Aufklärung hat dagegen im neunzehnten Jahrhundert erkannt, dass Wissenschaft keine absoluten Gewissheiten kennt. Das ist jedoch bis heute nicht ganz in der Öffentlichkeit angekommen, was in den Vereinigten Staaten von Leuten wie Elon Musk ausgenutzt wird. Paul Feyerabends „anything goes“-Relativismus wird von rechts so ausgelegt, dass jede Behauptung gilt und nicht, dass jede geprüft werden muss. Jeder soll zurecht behaupten können, die Erde sei flach oder stehe im Mittelpunkt des Universums.

Sie bemängeln auch die Technologieabhängigkeit Europas von den Vereinigten Staaten. Ganz deutlich wird das, wenn Donald Trump Richter des Strafgerichtshofs in Den Haag mit Sanktionen belegt und deren E-Mail-Accounts plötzlich abgeschaltet werden. Erleben wir hier eine Kolonialisierung der Kommunikationsräume?

Mehr noch. Elon Musk erpresst Europa technologisch. Das wäre nicht möglich, wenn Europa selbständiger wäre. Ich kann nur hoffen, dass der Effekt dieses unverschämten Verhaltens ist, dass mit diesen Leuten weniger Geschäfte gemacht werden und dass wir technologisch – aber auch militärisch – selbständiger werden. Die Bürokratisierung und Uneinigkeit in Europa sind problematisch. Es ist doch traurig, wenn nach zwanzig Jahren Verhandlungen mit lateinamerikanischen Staaten das Mercosur-Abkommen immer noch nicht abgeschlossen ist. Diese Schwächen werden von den Vereinigten Staaten machtpolitisch gnadenlos ausgenutzt.

Die Abhängigkeit, die Sie beschreiben, äußert sich auch ökonomisch. Die Wirtschaftswissenschaftlerin Shoshana Zuboff sieht westliche Gesellschaften bereits in einem fortgeschrittenen Stadium des Überwachungskapitalismus. Unsere Aufmerksamkeit und Daten werden gezielt monetarisiert.

Der amerikanisch-britische Philosoph Raymond Geuss gibt auf seiner Website an, dass er keine E-Mail-Adresse hat, sondern „on Royal mail“ ist. Das kann man vielleicht als Philosophieprofessor so machen. Letztlich müssten Sie dann sagen, dass sie bei der Digitalisierung nicht mehr mitmachen. Gäbe es jedoch eine größere Diversifizierung der Techindustrie, stünde der Überwachungskapitalismus nicht vor der Tür. China zeigt jedoch, dass sich diese Form der Überwachung auch staatlich und ohne Kalifornien organisieren lässt.

Im Hinblick auf postkoloniale Debatten und Diskurse wird die Aufklärung historisch als ein Treiber der Kolonialisierung analysiert. Kann man Denker wie Rousseau gänzlich von dieser Diagnose abkoppeln, wie Sie es im Buch andeuten?

Mir ist nicht bekannt, dass Kant und Rousseau von der Kolonialisierung profitiert hätten. Die zu ihrer Zeit gängigen rassistischen Vorstellungen haben dazu beigetragen, dass es keine Kritik von Aufklärern an den Profiteuren der Kolonialisierung gegeben hat. Sie wurde auch als Verbreitung der Vernunft verkauft. Das war schlimm. Aber Rousseau oder Kant haben ihre Theorien nicht zum Zwecke der Ausbeutung und Ausrottung von Völkern auf anderen Kontinenten entwickelt. Sie konnten aber dafür missbraucht werden.

Was hat die vieldeutige Verwendung des Begriffs der Aufklärung mit dieser postkolonialen Kritik zu tun?

Vage Begriffe können auf gegensätzliche Weise verwendet werden. Freiheit wird gegenwärtig von Menschen verwendet, die nur nach Macht streben und kein Interesse an Meinungsfreiheit haben. Begriffe der Aufklärung wie „Vernunft“ oder „Freiheit“ sind vage und das macht die Aufklärung zu einem ambivalenten Projekt. Man hat Menschen ihre Kultur und ihre Freiheit genommen mit der Behauptung man würde ihnen die Vernunft bringen, wahres Glück und wahre Freiheit. Indigene Völker, die in Lateinamerika von spanischen Konquistadoren unterworfen oder umgebracht wurden, wurden aber natürlich nicht „zur Vernunft“ gebracht.

Neue Formen des Imperialismus sehen wir gerade im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Ihrem Buch ist zu entnehmen, dass Sie Verhandlungen mit Putin für sinnlos halten.

Sie sind sinnlos, weil er Verhandlungen nur dazu nutzt, den Krieg in die Länge zu ziehen.

Sie sehen die steigende Nachfrage nach Therapien als Hinweis darauf, dass das Innenleben der Einzelnen wichtiger wird als das Gemeinschaftliche. Andererseits empfehlen Sie Selbstfindung als eine wichtige Etappe zur Erneuerung der Aufklärung. Ist das nicht ein Widerspruch?

Ich verstehe Therapien nicht als Selbstfindungsveranstaltung, sondern als Einsicht in die eigene Komplexität. Wir sind nicht nur autonome Subjekte, die genau wissen, was psychisch in ihnen abläuft. In einer Therapie kann herausgefunden werden, dass im Hintergrund unseres Denkens, Fühlens und Handelns alles Mögliche liegen kann, das uns erst einmal nicht klar ist. Diese Selbsterkenntnis ist dringend nötig, um ein noch weit verbreitetes zu primitives Selbst- und Freiheitsverständnis zu entlarven. Wenn Sie eine Psychotherapie gemacht haben, wissen Sie, wie schwer es ist, sich etwas abzugewöhnen, was einem selbst und anderen schadet. Sie merken auch, wie leicht sie manipuliert werden können.

Kann diese Erkenntnis auch dazu beitragen, dass sich Menschen verstärkt einem Gemeinschaftlichen zuwenden?

Wenn wir glauben, dass wir nicht manipulierbar sind, dass wir Herr im eigenen Haus sind, kümmern wir uns zu wenig um die Qualität der Gemeinschaften, in denen wir uns befinden. Wenn wir bestimmte Menschen sein wollen, müssen wir sehr genau darauf achten, in was für Gemeinschaften wir leben, denn sie formen uns, ob wir es wollen oder nicht.

Der Begriff Veränderung spielt eine große Rolle in Ihrem Buch. Wie hat sich Ihr eigenes Denken mit der Zeit gewandelt?

Ich bin in der privilegierten Situation, dass ich als Hochschullehrer mein Denken immer verändern muss. Wenn ich das nicht machen würde, würde ich mich in einen Prediger verwandeln. Das habe ich immer versucht zu verhindern. Ich bin auch mit der Lebenserfahrung aufgewachsen, dass sich die Welt immer weiter befriedet und technologischer Fortschritt mehr Wohlstand bringt. Im letzten Drittel meines Lebens ist das nun alles den Bach runtergegangen. Das erstaunt mich schon sehr. Diese Erfahrung machen viele Menschen. Da haben wir vorher viel zu primitiv gedacht und konnten das deshalb nicht vorhersehen.

Wenn sich das eigene Denken ständig verändern muss, stellt sich auch die Frage, wie gutes Philosophieren heute geht.

Es darf sich nicht durch Karriereinteressen kidnappen lassen und muss sich stark daran orientieren, was praktisch relevant ist. Die europäische antike Philosophie wurde von der Idee angetrieben, eine Lebensform zu finden, die nicht von politischer und religiöser Bevormundung geprägt ist. Wir sollten das Ideal dieses philosophischen Lebens wachhalten.