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Die Nerven bei der Wohnungssuche in München liegen häufig blank. Unsere Autorin kämpfte monatelang um ein neues Zuhause – und durchlief dabei verschiedene Episoden.
München – Zusammen mit der Maklerin quetschen wir uns in das mickrige Bad ohne Fenster. „So, dann erzählen Sie mal“, sagt die adrette 65-Jährige, rote Haarspange, roter Lippenstift, die Frisur sitzt perfekt – und schaut uns erwartungsvoll an. Mein Freund und ich stellen uns stotternd vor. „Ach ja, die Journalisten.“ Innerhalb der nächsten 15 Minuten scheucht sie uns durch die kleinen Räume der Wohnung. Fotos dürfe ich keine machen. „Da haben wir schlechte Erfahrungen gemacht. Und ja, die Person sah genauso unschuldig aus wie sie.“ Mit ihrem strengen Blick und ihrem Zweiteiler erinnert sie an Professor Umbridge aus den Harry-Potter-Filmen.
Keine leichte Aufgabe: Unsere Autorin hat monatelang nach einer Wohnung in München gesucht. © IMAGO / PanthermediaStufe 1: Reality-Check – du bist bei der Münchner Wohnungssuche nicht allein
Es handelt sich um eine unserer ersten Besichtigungen und dazu in Best-Lage (Dreimühlenviertel). Unsere Hoffnung ist daher kaum zu bändigen. Dass es sich bei der angegeben 65-Quadratmeter-Zwei-Zimmerwohnung für 1600 Euro warm, dann um eine wesentlich kleinere Wohnung samt Durchgangszimmer und in Wirklichkeit 1800 Warmmiete handelt, erfahren wir erst vor Ort. Einen Grundriss verweigert uns die Maklerin, sie könne ja nicht das ganze Haus abmessen. „Ich werde nur diejenigen anrufen, die es geworden sind. Ist klar, gell?“ Sie reißt uns die Bewerbermappe aus der Hand, öffnet die Tür und lässt das nächste Pärchen mit einem strahlenden Lächeln hinein.
Dass die Wohnungssuche in München schwierig ist, wusste ich. Aber wie schlimm die Situation wirklich ist, davon hatte ich keine Ahnung. Innerhalb von vier Monaten schreiben wir fast 200 Wohnungen an, nur 20 Makler und Eigentümer laden uns zur Besichtigung ein. (Eine übernahm netterweise der Flaucherfranzl, was ihn mehr als schockierte). Am Anfang freuen wir uns noch über jede Einladung zur Besichtigung. Bis wir vor Ort dann mit 50 anderen geladenen Bewerbern in der Schlange stehen. In 10er-Teams lässt uns die Maklerin in die Wohnung drängeln, ganz wie beim Einlass eines Münchner Clubs. Alle Pärchen sind ungefähr in unserem Alter und jedes buhlt um die Gunst des Maklers.
Auf eine Wohnung kommen über 500 Anfragen. Viele Vermieter nehmen die Anzeige daher nach nur wenigen Minuten wieder aus dem Netz. Angela F. und ihr Mann Hans (Namen von der Redaktion geändert) vermieten eine Dreizimmerwohnung in einem Hochhaus am Olympiapark. „Ich hatte innerhalb der ersten zehn Minuten über 200 E-Mails“, verrät F. uns bei der Besichtigung. „Wie soll ich da jemanden auswählen?“ Oft scheint es Zufall zu sein, ob wir eingeladen werden oder nicht, manchmal sind wir wohl schlicht zu spät dran.
Stufe 2: Frust und Verzweiflung – nach 200 Absagen ist die Luft langsam raus
Von oben erwähnter Maklerin haben wir freilich nie wieder etwas gehört. Rund um die Uhr habe ich in dieser Zeit mein Handy im Blick. Jede Pushnachricht der gängigen Immobilienportale checke ich sofort, innerhalb von zwei Minuten schicke ich unsere Anfrage. Mal gibt’s wochenlang keine einzige Rückmeldung, dann wieder vier Besichtigungen in einer Woche. Nach über 30 Absagen machen wir uns kaum noch Hoffnungen.
Wir sitzen in unserem WG-Zimmer – das wir uns seit Monaten zu zweit teilen – als wir die Nachricht erhalten: „Herzlichen Glückwunsch, ihr seid eine Runde weiter“. Bereits dreimal zuvor kamen wir in die engere Auswahl, von manchen Maklern auch „Finale“ genannt. Es fühlt sich wie in einer Castingshow bei RTL an. Mein Freund schlägt vor, dem Makler nochmal eine verzweifelte Nachricht zu schicken. Zwei Tage später blinkt folgende Nachricht auf meinem Handy auf: „Die Entscheidung ist gefallen. Leider hat sich der Vermieter….“. Ich brauche gar nicht weiterlesen, zu oft habe ich diesen Satz bereits gehört.
Das Schlimmste daran ist, dass ich dachte, wir sind gut vorbereitet. Unsere wichtigsten Tipps zur Wohnungssuche einmal zusammengefasst:
- Spread the News: Bereits Wochen vor der Suche streuten wir bei unseren Freunden und Kollegen die Nachricht, dass wir auf Wohnungssuche sind.
- Zeitungsannonce: Mehrmals schalteten wir in den Wochenendausgaben unserer Zeitung eine Anzeige samt Foto von uns.
- Hausverwaltungen: Wir schrieben über 20 Hausverwaltungen an und fragten initiativ nach freien Wohnungen.
- Online-Anzeigen: Bei verschiedenen Online-Portalen erstellten wir ein Gesuch.
- Bewerbermappe: Zu jeder Bewerbung schickten wir die Unterlagen samt Vorstellungs-PDF „Wer wir sind“ mit und hatten die Mappe auch bei jeder Besichtigung dabei.
- Newsletter: Wir meldeten uns für zahlreiche Newsletter an und schalteten auch eine Anzeige bei „Budenschleuder“.
- Premium-Account: Erst weigerten wir uns, aber schließlich holten wir uns doch ein Premium-Abo bei ImmoScout24.
Stufe 3: Selbstzweifel – sind wir zu wählerisch?
Die Absagen kratzten irgendwann an unserem Selbstwertgefühl. Verdienen wir zu wenig? Sind wir auf den Fotos nicht sympathisch genug? Ist unser Beruf Schuld? Schließlich: Sind wir zu wählerisch? Wir wünschten uns eine Zwei- bis Drei-Zimmerwohnung, mit Badewanne und Balkon, ab 60 Quadratmeter. Die Badewanne steht ganz oben auf unserer Kriterienliste. Eine perfekte Altbauwohnung in Haidhausen lehnen wir deshalb ab – und bereuen das noch lange.
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Beinahe hätten wir eine schöne Wohnung mit großer Terrasse in Neuhausen genommen, die der Makler augenscheinlich loshaben wollte. Der Schimmel im Schlafzimmer sei Mieter verschuldet, versichert er uns. Dass der Hobbyraum im Keller seit den starken Regenfällen unter Wasser steht und die Mieter aufgrund des Schimmels auszogen, erfahren wir nur durch Zufall.
Unser Budget liegt bei maximal 1600 Euro warm. Dazu bevorzugen wir die gängigen Viertel, vor allem Schwabing sowie die Bezirke in Isarnähe. Ja, unsere Kriterien stimmen wohl mit denen aller Suchenden überein. Bei einem durchschnittlichen Quadratmeterpreis in diesen Vierteln von über 20 Euro kaum zu bekommen. Wir passen unser Budget also an und weiten die Suche aus.
Mietspiegel in München:
Ein Quadratmeter in München kostete durchschnittlich 20,05 Euro im dritten Quartal 2025 im Vergleich zu 18,92 Euro im dritten Quartal 2024. Dies entspricht einem Anstieg von etwa sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Quelle: ImmoScout24
Stufe 4: Resignation und eine Portion Glück
Irgendwann gebe ich mich dem Stress der Wohnungssuche hin. Ich gewöhne mich daran, am Tag mindestens eine Stunde damit zu verbringen, Vermieter zu kontaktieren. Ob auf der Toilette, in der Badewanne oder beim Kochen: Das „Tindern“ in Immobilienapps ist mein ständiger Begleiter.
Die Besichtigungen werden zur Routine und auch eine Anzeige mit einem Quadratmeterpreis von 42 Euro in Schwabing schockiert mich nicht mehr. Aufgeben ist keine Option, wir brauchen eine Wohnung.
Die besagte Anzeige von Immoscout24: Ein Vermieter verlangt 42 Euro pro Quadratmeter für eine Zweizimmerwohnung in Schwabing. © Screenshot ImmoScout24
Wenige Tage bevor unser Premium-Abo endet, erhalten wir die lang ersehnte Zusage für eine Wohnung in Thalkirchen (74 Quadratmeter für 1620 Euro kalt). Glück ist die entscheidende Zutat, die uns bisher gefehlt hatte. Die Fotos der Wohnung sind schlecht belichtet, sodass sich weniger Leute bewerben. Am Tag der Besichtigungen haben wir den ersten Termin, die Maklerin ist von uns direkt überzeugt. „Ich wusste bereits als ihr zur Tür raus seid, dass ich euch die Wohnung geben will“, erzählt sie uns nach der Unterschrift im Mietvertrag. „Ich hab sogar den zweiten Besichtigungstag abgesagt.“ Ich hätte sie am liebsten umarmt. (Quelle: Eigene Erfahrung, Immoscout24)