Dresden. Ein stetiges Surren begleitet Matthias Breitkopf, der energisch in die Pedale seines Fahrrades tritt. Heute muss er liefern. Zehnmal will er an einem Tag den Alp du Huez, eine Bergankunft bei der Tour de France in den französischen Alpen, bezwingen. Seit früh um 5 Uhr sitzt er im Sattel, 150 Kilometer ist er bereits gefahren und hat 6300 Höhenmeter bewältigt. „Jetzt kommt der siebte Anstieg“, sagt der Dresdner und schaut dabei auf einem Monitor, der auf einer Klappkiste aufgebaut ist.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Die Radtour ist eine virtuelle Challenge auf einem Rollentrainer. Anstelle des Hinterrades wird das Fahrrad auf eine Rolle installiert, die mit einem Computerprogramm verbunden ist. Je nach Schwierigkeitsgrad der Strecke wird ein entsprechender Widerstand erzeugt, gegen den der Fahrer antreten muss. „Es ist wie ein Spiel, nur, dass man leidet“, kommentiert der 48-Jährige. Neben ihn fährt gerade sein Kumpel Sebastian Glaubitz unterstützend einen Anstieg mit. Er ist an diesem Montag nach den Feiertagen extra aus Görlitz hierhergekommen.
Extremtour bringt Spendengeld
Während es draußen dunkelt und Regen einsetzt, fährt Matthias Breitkopf weiter in einem kleinen Raum von Lacrima. Das ist ein Trauerzentrum für Kinder und Jugendliche, die ein nahes Familienmitglied verloren haben. Die Einrichtung der Johanniter-Unfall-Hilfe finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Für seine Extremradtour hat Matthias Breitkopf im Vorfeld Spender gesucht sowie Firmenpatenschaften für die zehn Bergetappen. Das Ziel von 10.000 Euro erreichte er schon vor dem Start. Da heißt es nun, durchziehen.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Der Tod kommt nicht erst, wenn man über 80 ist.
Robert Dietsche
Lacrima-Trauerzentrum
„Das Geld geht nie an mich, nur an den Verein. Ich bilde den Rahmen“, erklärt der Hobbysportler, der beruflich bei einem Fraunhofer-Institut arbeitet. Breitkopf hatte vor fünf Jahren begonnen, sportliche Herausforderungen mit Spendenkampagnen zu verbinden. Er lief beispielsweise hundert Kilometer für die Kinderhilfe des Dresdner Uniklinikums und fuhr mit dem Rad 63 Mal die Görlitzer Landeskrone zugunsten eines Hospizes hoch. Nun strampelt er sich für Lacrima ab, während seine Frau und die Töchter ihn mit Essen und Getränken versorgen.
Beistand in schlimmen Lebensphasen
Ebenfalls seinen Urlaub über den Jahreswechsel unterbrochen hat Robert Dietsche, der das Trauerzentrum Lacrima leitet. Der 65-Jährige sieht gerade nach der Pizza, die für den Radfahrer im Ofen gart. Ab und zu lüftet er den Raum, versucht es, dem Sportler bei Lacrima so angenehm wie möglich zu machen. „Das ist mein Ehrenamtsbeitrag“, sagt er.

Seit rund sieben Jahren gibt es Lacrima in Dresden. Denn „der Tod kommt nicht erst, wenn man über 80 ist“, so Dietsche. Es sei die schlimmste Lebensphase für ein Kind, wenn der Vater oder die Mutter stirbt, sagt der Koordinator von Lacrima. „Wir begleiten durch die akute Trauer“. Das geschieht in kleinen Gesprächsgruppen.
Weiterlesen nach der Anzeige
Weiterlesen nach der Anzeige
Es gehe darum, das Ereignis zu verarbeiten, mit dem Schmerz und den Gefühlen zurechtzukommen und letztlich wieder nach vorn schauen zu können, wie Dietsche erklärt. Es ist ein Prozess, der sich über ein Jahr und auch länger hinziehen kann. Für die Kinder gibt es spezielle Trauerspiele, die es ihnen ermöglichen, sich dem schweren Thema anzunähern. Gerade die Kleinen kämen mit einer großen Anspannung und die Spiele seien da Türöffner, beantworteten kindgerecht Fragen rund um den Tod.
Etwa 50 Kinder und junge Erwachsene kommen zweimal wöchentlich zu Treffen in das Lacrima in der Dresdner Altstadt. „Wir sind eine feste Einrichtung, aber mit dem großen Manko, dass wir von nirgendwoher Gelder bekommen“, sagt Dietsche. Mit den Spendengeldern, die Matthias Breitkopf einfährt, können die Ehrenamtlichen des Trauerzentrums geschult werden, Supervisionen finanziert werden.
Nachts gegen Viertel zwölf steigt Matthias Breitkopf vom Rad. Er hat die zehn Etappen geschafft und dabei 250 Kilometer und 10.000 Höhenmeter bewältigt. Und was noch schöner ist: Das Spendenbarometer zeigt 11.922 Euro an.
Spenden sind noch bis 7. Januar möglich: https://radler-helfen.de/lacrima/lacrima-aktuelles/live-tour-de-lacrima-2025/
DNN