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Deutsche Topkonzerne melden Milliardenverluste. Investoren halten Abstand vom Standort Deutschland. 22 Verbände sagen Stellenabbau für 2026 vorher.

Berlin – Die deutsche Wirtschaft steckt in einer hartnäckigen Krise. Während die Umsätze der größten Konzerne leicht steigen, brechen Gewinne ein und Tausende Arbeitsplätze fallen weg. Selbst traditionsreiche Unternehmen finden keine Investoren mehr – und die Mehrheit der Wirtschaftsverbände rechnet mit weiterem Stellenabbau im neuen Jahr.

Wirtschaftsstandort Deutschland: Gewinneinbruch trotz steigender Umsätze bei Top-Konzernen

Die 100 umsatzstärksten deutschen Unternehmen erwirtschafteten in den ersten neun Monaten 2025 zwar einen leicht höheren Gesamtumsatz von rund 1,55 Billionen Euro – ein Plus von 0,6 Prozent. Doch der Gewinn vor Steuern und Zinsen schrumpfte drastisch um 15 Prozent auf 102 Milliarden Euro. Das geht aus einer Analyse der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY hervor. Gut jedes zweite Unternehmen machte weniger Gewinn als im Vorjahr. „2025 war ein weiteres Krisenjahr für die deutsche Wirtschaft“, erklärte EY-Experte Jan Brorhilker.

Besonders hart trifft es die Autobauer: Der Gesamtumsatz von Volkswagen, BMW und Mercedes-Benz sank nur um zwei Prozent, doch der Gewinn im Tagesgeschäft brach um 46 Prozent auf rund 17,8 Milliarden Euro ein. Noch schlimmer erwischte es die Chemiekonzerne mit einem Gewinneinbruch um 71 Prozent. Lichtblicke gibt es dagegen im Technologiesektor, wo IT-Firmen ihren Gewinn nahezu verdoppeln konnten, sowie im Gesundheitssektor mit einem Plus von 40 Prozent.

Seit 2023 deutschlandweit massiver Stellenabbau von 100.000 Jobs: Insolvenzen auf Rekordniveau

Die angespannte Lage hinterlässt deutliche Spuren am Arbeitsmarkt. Von Januar bis September 2025 gingen bei den Top-100-Unternehmen rund 17.500 Jobs verloren. Seit 2023 sank die Beschäftigtenzahl insgesamt um etwa 100.000 Stellen. Besonders die Industrie ist betroffen: Hier wurden innerhalb eines Jahres 120.300 Stellen abgebaut – ein Minus von 2,2 Prozent. „Der Stellenabbau in der deutschen Industrie ist noch nicht abgeschlossen“, sagte Brorhilker.

Am härtesten trifft es auch hier die Autoindustrie. Die Beschäftigung schrumpfte um 6,3 Prozent auf 721.000 Angestellte, 48.800 Jobs fielen weg. Volkswagen will bis 2030 an seinen deutschen Standorten 35.000 Stellen streichen, der Zulieferer Bosch plant den Abbau von 22.000 Stellen in seiner Mobilitätssparte. Laut Brorhilker werden vor allem in der Verwaltung Stellen abgebaut, auch durch den zunehmenden Einsatz von KI-Technologien. „Die Lage auf dem Arbeitsmarkt dürfte angespannt bleiben, gerade für Berufseinsteiger“, warnte er.

Post-Covid Insolvenzen auf Rekordhoch: Mittelstand und Traditionsunternehmen ächzen

Die Krise zeigt sich auch in der vorläufigen Insolvenzstatistik. 2024 wurden laut Statistischem Bundesamt 21.812 Unternehmensinsolvenzen gemeldet – ein neuer Höchststand seit 2015. Im August 2025 lag die Zahl sogar 12,2 Prozent höher als im Vorjahresmonat. Besonders betroffen sind Verkehr und Lagerei mit 10,1 Insolvenzen je 10.000 Unternehmen, das Baugewerbe mit 8,9 Fällen sowie das Gastgewerbe mit 8,2 Insolvenzen. Immer mehr insolvente Unternehmen finden keinen Käufer mehr.

Vor vier Jahren wurden noch zwei von drei insolventen Firmen gerettet, jetzt sind es laut Daten der Unternehmensberatung Falkensteg deutlich weniger als die Hälfte. „Wir bekommen in unseren internationalen M&A-Prozessen mittlerweile sehr häufig die Rückmeldung, dass Investoren ganz grundsätzlich in Deutschland nicht mehr investieren“, berichtete Falkensteg-Partner Jonas Eckhardt gegenüber der Wirtschaftswoche. „Deutsche Unternehmen sind in vielen Branchen einfach raus.“

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Die Liste der Abwicklungen ist lang: Der schwäbische Weltmarktführer Mayer & Cie., die Autozulieferer AE Group und Allgaier, der Autoverleiher Starcar, die Bekleidungskette Gerry Weber oder die deutschen Standorte des Schweizer Solarzellen-Unternehmens Meyer Burger. Strukturelle Probleme wie ausbleibender Bürokratieabbau, hohe Energie- und Personalkosten belasten den Standort zunehmend. „Das Hauptproblem ist, dass wir in Deutschland kein Umfeld mehr haben, in dem es für einen Unternehmer oder Investor attraktiv ist, zu investieren“, konstatierte Eckhardt. Auch die Banken seien bei der Finanzierung von Übernahmen kriselnder Unternehmen noch zurückhaltender geworden.

Für das neue Jahr zeichnet sich keine schnelle Besserung ab. Laut der traditionellen Verbandsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft rechnen 22 von 46 Wirtschaftsverbänden 2026 mit einem Stellenabbau. Nur neun Verbände erwarten mehr Mitarbeiter in ihrer Branche, 15 gehen von einer stabilen Beschäftigung aus. Unter den Branchen, die Personal abbauen wollen, sind beschäftigungsintensive Bereiche wie die Metall-, Chemie-, Stahl- und Automobilindustrie sowie der Maschinenbau und das Handwerk. „Wer auf ein baldiges und umfassendes Ende der Wirtschaftskrise gehofft hat, wird auch 2026 enttäuscht“, sagte IW-Direktor Michael Hüther laut einer Pressemitteilung der IW Köln. Die deutsche Wirtschaft stabilisiere sich auf niedrigerem Niveau. Hinter den schlechten Ergebnissen stehen altbekannte Ursachen: zunehmender Protektionismus, anhaltende Exportschwäche und hohe Standortkosten verschlechtern die preisliche Wettbewerbsfähigkeit.

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Dennoch gibt es auch positive Signale: 19 von 49 befragten Wirtschaftsverbänden rechnen 2026 mit höherer Produktion oder mehr Umsätzen als im Vorjahr. „Ein Ende der Misere ist in Sicht“, sagt Hüther. Eine „leichte Stimmungsaufhellung“ werde erkennbar. Zu den Aufsteigern gehören Branchen, die vom Sondervermögen oder dem Anstieg der Verteidigungsausgaben profitieren, etwa Luft- und Raumfahrt, Schiffbau oder Teile des Baugewerbes. Auch der Dienstleistungssektor meldet eine bessere Lage als im Vorjahr.

EY-Experte Brorhilker blickt daher vorsichtig optimistisch in die Zukunft: „Von der deutschen Autoindustrie gab es im Jahr 2025 vor allem schlechte Nachrichten. Aber die strategische Neuausrichtung und starke neue Modelle, auch und gerade im Elektrosegment, bieten durchaus Chancen, dass das Tal der Tränen bald durchschritten sein wird.“ Eine Beruhigung der geopolitischen Lage, verbunden mit dem Investitionspaket der Bundesregierung, könnte eine konjunkturelle Trendwende einleiten, von der viele Branchen profitieren dürften. Doch die Herausforderungen bleiben gewaltig.

Denn die deutsche Wirtschaft ist nicht das einzige, das aktuell unrund läuft. DIHK-Präsident Peter Adrian kritisierte kürzlich die Sozialabgaben, die inzwischen mehr als 40 Prozent der Lohnaufwendungen ausmachen. „Wer morgens aufsteht und hart arbeitet, ist von unserem System nicht unbedingt begünstigt.“ Und Rentenexperte Axel Börsch-Supan warnte sogar vor Sozialausgaben von rund 50 Prozent, sollte sich die aktuelle Rentenpolitik fortsetzen. „Wenn wir immer mehr für Soziales ausgeben, schwächen wir das Wachstum“, so der Ökonom. (ls/dpa)