Dresden. Die ganze große Party schmeißen? Raclette und Spieleabend mit Freunden? Oder doch lieber auf dem Sofa einkuscheln? Wer in den letzten Wochen bei seinen Bekannten deren Silvesterpläne erfragt hat, bekam wahrscheinlich vor allem eine Antwort zu hören: Weiß ich noch nicht. Besonders wenn es um die Planung der Feiertage geht, so scheint es, entwickeln viele plötzlich eine Phobie vorm Festlegen.

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Ganz anders Rick Engelmann. Der weiß schon lange, was er am letzten Tag im Jahr vorhat. Arbeiten nämlich. Und zwar für die Dresdner Verkehrsbetriebe (DVB). Zwischen 20.50 und 4.15 Uhr steuert der große 27-Jährige mit Brille und Bart die Buslinie 68 durch die Silvesternacht.

An Silvester sind die Fahrgäste freundlicher

Und das offenbar nicht wegen der guten Vergütung – vom Silvesterzuschlag habe er gar nichts gewusst, bis er danach gefragt wurde. Sondern, weil er die Feiertagsfahrgäste besonders mag. Die Leute sind zu Weihnachten und Silvester dankbarer, findet Engelmann, und auch ein bisschen freundlicher. „Da bekommt man auch mal einen guten Rutsch und ein frohes neues Jahr gewünscht“, erzählt er.

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Auch an Heiligabend und am zweiten Weihnachtstag war der gebürtige Chemnitzer für die DVB unterwegs. Auch das hat ihn nicht geschmerzt, er lege schließlich keinen großen Wert auf Feiertage. Und viele seiner Freunde seien Kollegen, da beschwert sich also niemand, wenn er lieber arbeiten geht, anstatt die Zeit mit ihnen zu verbringen.

Kein Dienst ist wie der letzte, jeden Tag ist was anderes los.

Rick Engelmann

Bus- Und Bahnfahrer bei den DVB

Seit 2020 ist Engelmann Teil der DVB. Erst machte er eine dreijährige Ausbildung zur Fachkraft im Fahrbetrieb, seitdem fährt er Straßenbahn. Im letzten Jahr hing er noch den Busschein dran. Ihm gefalle es, zwischen Bus und Bahn zu wechseln, sagt er. Besonders Spaß zu fahren machten natürlich die neuen Elektrogelenkbusse, die so schön leise seien und so schön beschleunigten. Aber vor allem die Menschen von A nach B zu bringen, macht dem Dresdner Freude. So wisse er, dass er gebraucht werde, „damit es läuft“, wie er sagt.

Vom abgebrochenen Studium zu den DVB

Dabei waren die DVB gar nicht Engelmanns erste Wahl in Berufsdingen. Zunächst probierte er sich im Bachelor Verkehrswirtschaft an der TU Dresden aus, deshalb war er auch von Chemnitz in die Landeshauptstadt gezogen. Doch das Studium war nichts für ihn. Zu theoretisch, zu wenig Praxis. Also entschied er sich für die Ausbildung beim gelben Verkehrsunternehmen. Bereut hat er das bis heute nicht. Was vielleicht auch daran liegt, dass ihm der Beruf möglicherweise in die Wiege gelegt wurde.

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Sein Vater, erzählt Engelmann, war Reisebusfahrer. Weil Ferienzeit auch Reisezeit ist, war sein Vater dementsprechend immer im Dienst, wenn er schulfrei hatte. Anstatt enttäuscht auf dem heimischen Sofa zu sitzen, machten der Sohn und die Mutter das Beste draus und begleiteten den Vater bei seinen Fahrten im Bus, kümmerten sich sogar um den Bordimbiss für die Reisegäste.

Zeiten, an die sich Engelmann gern zurückerinnert. Den Job seines Vaters, der später auch im Chemnitzer Stadtverkehr arbeitete, hat er, wie es Außenstehende vielleicht tun würden, nie als eintönig wahrgenommen, im Gegenteil: „Kein Dienst ist wie der letzte, jeden Tag ist was anderes los“, sagt Engelmann und spricht dabei auch von seiner eigenen Arbeit.

Keine Angst vor Böllern und Raketen

Bei seinem Silvesterdienst ist der Fahrer zwischen Niederwartha und Goppeln unterwegs beziehungsweise zwischen Cossebaude und Leubnitzer Höhe, am Neujahrstag nur noch bis zum Postplatz. Dass ihm Böller oder Feuerwerksraketen in die Quere kommen, davor scheint er keine Angst zu haben. Im Bus fühle er sich sicher, sagt er. Bei seiner letzten Silvesterschicht, es ist inzwischen seine dritte, musste er allerdings einen Böller aus den Straßenbahnschienen pulen, bevor er weiterfahren konnte. Aber auch das war kein Grund zur Aufregung für ihn.

Ganz auf Silvester muss Engelmann trotz seiner Schicht von Mittwoch auf Donnerstag nicht verzichten. Schließlich stehen alle Bahnen und Busse der DVB, vor allem aus Sicherheitsgründen, rund um Mitternacht still. Für das Zeitfenster hat sich Engelmann mit Kollegen und Freunden an der Leubnitzer Höhe verabredet, wo sie anstoßen und das Feuerwerk beobachten wollen. Einer bringt Wiener Würstchen mit, der andere Nudelsalat. Dazu gibt es Kindersekt. Und einen kleinen Partyhut für jeden. Sogar ihre Busse wollen die DVB-Fahrer vorher mit Girlanden verzieren, erzählt Engelmann mit Begeisterung in der Stimme. Ein bisschen scheinen die Feiertage ihm also doch etwas zu bedeuten.

DNN