Ein verstörtes Mädchen und seine verschwundene Schwester: Mit «Nachtschatten» zeigt der «Tatort» aus Dresden, wie wirkungsvoll das klassische Entführungsszenario sein kann.
Marion Löhndorf01.01.2026, 05.30 Uhr
Peter Schnabel (Martin Brambach, li.) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel, re.) ermitteln in einem durchweg spannenden Fall.
Steffen Junghans / MDR
Das neue Jahr fängt gut an. Mit einem durchweg spannenden «Tatort». Die neue Folge aus Dresden ist nicht langatmig und kommt ohne Belehrungen aus. Von der ersten Szene an ist man mitten in der Handlung: Ein junges Mädchen (Emilie Neumeister), verstört auf einem Bahnhof. Blutverschmiert, in der Hand ein Skalpell. Auf Menschen, die ihr helfen wollen, geht sie los. Nach ihrer Festnahme gibt Amanda der Dresdner Kripo Rätsel auf, die sich im Lauf der Ermittlungen vermehren.
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Amanda behauptet, ihre Schwester Jana retten zu müssen, die in Lebensgefahr schwebe. Ihr Vater (Maik Solbach) habe sie und ihre Schwester jahrelang gefangen gehalten. Die junge Frau gibt an, in einem Keller aufgewachsen zu sein. Aber wo? Ihr vollständiger Name und Wohnort sind ihr nicht zu entlocken.
Besessene Sucherinnen
Emilie Neumeister spielt das, als lebe sie immer noch abgeschnitten vom Rest der Menschen. Wie ein Alien landet sie in der Aussenwelt: «Hier ist alles so seltsam, und die Leute machen mir Angst.» Das klingt schön poetisch, aber Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) hält die Geschichte für ein Hirngespinst.
Auch die Psychologin (Abak Safaei-Rad) glaubt, das Mädchen sei ein Fall für die Psychiatrie. Nur Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) ist überzeugt, dass etwas dran sei an der Geschichte von der verlorenen Schwester. Mit derselben Besessenheit, mit der Amanda die Suche nach Jana einfordert, klemmt sich Winkler hinter den Fall. Gegen den Widerstand der Kollegen, was der ganzen Sache noch zusätzliche Dramatik verleiht.
Die Ermittlerin im Alleingang auf brandgefährlicher Mission – das alte Motiv wird hier wirkungsvoll in Bewegung gesetzt. Die Schauspieler sind in Hochform, ohne zu überzeichnen: Brambach als trockener Skeptiker Schnabel, Gröschel als empathische Kommissarin. Man ist ganz auf der Seite von Leonie Winkler, die ihren Instinkten folgt. Und sich von der Suche nach dem Mädchen im Verlies nicht abbringen lässt.
Unterirdische Familie
Denn von Anfang an wissen die Zuschauer schon mehr. In der ersten Szene liegt eine Leiche am Boden. Später werden Einzelszenen eingeschnitten, in denen man ein Mädchen – Amanda oder ihre Schwester Jana – in einem Kellerraum sieht. Ausweglos allein, im fensterlosen Halbdunkel, oft hungrig. Was eigentlich vorgeht, bleibt in dieser souverän inszenierten, atmosphärisch dichten Inszenierung (Regie: Saralisa Volm) lange verborgen. Ebenso wie die Frage, ob Amanda Opfer, Täterin oder beides ist.
Nur eines ist klar – und mit dem Wissen um ähnliche, reale Fälle (wie Natascha Kampusch) in die Wirklichkeit transportiert: In irgendeinem Kellerraum der Stadt, die nur am Rande erscheint, lauern Trauma und Terror. «Nachtschatten» ist ein klaustrophobischer Film der dunklen Innenräume und Seelengefängnisse. Und eine Geschichte aus einer besonders undurchdringlichen Familienhölle (Drehbuch: Viola M. J. Schmidt). Ein klassisches und unerschöpfliches Killerszenario also.
«Tatort» aus Dresden, am Donnerstag, 1. Januar 2026, um 20.10 Uhr auf SRF 2 und um 20.15 Uhr in der ARD.

