
2023 legte die Heritage Foundation ein Manifest für einen Umbau der USA vor. Neun Monate nach dem Amtsantritt von Trump zeigt sich: „Project 2025“ wird immer mehr zur politischen Realität. Welche Teile sind bereits umgesetzt?
Lange galt „Project 2025“ als theoretisches Gedankenspiel konservativer Vordenker: eine radikale Vision für eine zweite Amtszeit von Donald Trump. Entworfen von der einflussreichen Heritage Foundation, sollte es vor allem ein Gegenentwurf zur Präsidentschaft von Joe Biden sein.
Der neue Kurs: weniger Gewaltenteilung, mehr Macht beim Präsidenten, eine Rückbesinnung auf konservative, christlich geprägte Werte – und ein klarer Bruch mit der bisherigen außen- wie innenpolitischen Ordnung der Vereinigten Staaten.
„Project 2025“ beschreibt detailliert, wie Macht gebündelt, Behörden umstrukturiert oder geschlossen, Beamte ersetzt und Institutionen politisch gesteuert werden sollen. Einer der Architekten, Russell Vought, ist inzwischen Haushaltsdirektor im Weißen Haus mit direktem Draht zum Präsidenten. Der stritt lange ab, „Project 2025“ zu kennen, geschweige denn gelesen zu haben.
Doch vor kurzem zeigten sich die beiden Männer sehr vertraut und Trump lobte Vought als Ideengeber. Der wiederum freute sich bei einer Pressebegegnung im Weißen Haus über Trumps Engagement für das Projekt: „Trump war sehr begeistert von all den Plänen.“ Trump selbst betont immer wieder seine uneingeschränkte Entscheidungsgewalt: „Ich kann tun, was ich will! Ich bin der Präsident!“ Und das zeigt sich besonders in drei Bereichen.
Als Haushaltsdirektor im Weißen Haus hat Vought großen Einfluss und kann dafür Sorge tragen, dass die Ideen von „Project 2025“ umgesetzt werden.
Umbau der Machtstrukturen
Trump regiert quasi fast ausschließlich per Dekret. Organisationen wie USAID hat er aufgelöst, die Aufgaben an privatwirtschaftliche Akteure oder parteitreue Netzwerke ausgelagert, das Bildungsministerium ausgehöhlt.
Hunderttausende Bundesbedienstete wurden von der „Effizienz-Behörde“ DOGE entlassen. Neu eingestellt wird nur, wer Loyalität zeigt, nicht zwangsläufig Kompetenz.
Das Justizministerium wurde umgebaut, die Unabhängigkeit der Gerichte wird offen infrage gestellt. Regierungssprecherin Karoline Leavitt kritisierte Richter als „parteiische Aktivisten“.
Was auf den ersten Blick wie Verwaltungsreformen wirkt, ist ein Eingriff in das Gleichgewicht demokratischer Institutionen, mit weitreichenden Folgen.
America First – erneut Staatsdoktrin
Außenpolitisch setzt die Regierung voll auf Abschottung, nicht nur bei der Migrationspolitik. Internationale Abkommen und multilaterale Zusammenarbeit wurden aufgekündigt wie das Pariser Klimaschutzabkommen oder die Zusammenarbeit innerhalb der Weltgesundheitsorganisation. Klimaschutz, Menschenrechte oder globale Verantwortung spielen keine Rolle mehr.
Stattdessen lautet das Motto „America First“, nicht nur als Schlagwort, sondern als konkrete politische Leitlinie.
Trump selbst macht keinen Hehl daraus, was er von alten Partnern wie der EU hält: „Die EU wurde nur gegründet, um uns auszunehmen.“ Statt Kooperation gibt es Zölle, Strafmaßnahmen und eine Abkehr vom internationalen Dialog, wenn die USA nicht am längeren Hebel sitzen.
Zurück zu traditionellen Werten
„Project 2025“ bleibt nicht bei den Machtstrukturen stehen, es will die Gesellschaft neu definieren. Die USA sollen zurückgeführt werden zu traditionellen, christlich geprägten Werten. Vielfalt, Gleichberechtigung, Inklusion? Laut Präsident Trump „Tyrannei“, die nun beendet sei.
Bildungspolitik wird patriotisch neu ausgerichtet, Bücher zum Beispiel zur Sklavereigeschichte verboten. Sozialprogramme werden gestrichen, Sexualaufklärung eingeschränkt.
Der LGBTQ-Schutz wird abgebaut, Abtreibung stark reguliert. Kriegsminister Pete Hegseth bringt es auf den Punkt: „Keine Diversitätspolitik mehr, keine Typen in Frauenkleidung. Wir sind fertig mit dem Mist.“
Warum die USA einen Kriegsminister haben
Die USA hatten von 1789 bis 1949 schon einmal ein „Departement of War“, ein Kriegsministerium. Danach hieß es „Department of Defense“, also Verteidigungsministerium. Damit sollte laut Historikerinnen und Historikern die Rolle des Ministeriums bei der Konfliktverhütung betont werden.
Donald Trump war diese Bezeichnung aber „zu defensiv“. Im September 2025 entschied der US-Präsident per Erlass, das Verteidigungs- wieder in Kriegsministerium umzubenennen. Er begründete das auch mit der angespannten Lage im In- und Ausland. „Wir wollen defensiv sein, aber wir wollen auch offensiv sein. Das müssen wir. Es klang für mich einfach besser“, sagte der Republikaner.
Der offizielle Titel wird zwar nicht vom Präsidenten vergeben, sondern vom US-Kongress. Doch auf der Homepage des Pentagons war bereits kurz darauf vom Kriegsministerium die Rede.
Der bisherige Verteidigungsminister Pete Hegseth begrüßte die Entscheidung. Er arbeitet seit seinem Amtsantritt daran, im US-Militär ein „Krieger-Ethos“ zu verankern und bezeichnet sich selbst als Kriegsminister. Auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte begrüßte Hegseth beim Treffen des Bündnisses im Oktober 2025 mit dessen neugewähltem Titel: Kriegsminister.
Mehr als ein Drittel umgesetzt
Für Kritiker ist das der Anfang vom Ende der liberalen Demokratie. Steven Livingston, Professor für Politikwissenschaften an der George-Washington-Universität, beobachtet diese von „Project 2025“ geplanten Verschiebungen im System mit Sorge: „Das ist Teil eines Gesamtpakets. Wir sehen auch Eingriffe in Medien, Universitäten oder Museen. Denn sie sind eine potenzielle Opposition, die kontrolliert oder neutralisiert und befriedet werden muss.“
Hürden gibt es bislang nur bei Projekten, bei denen nicht allein die Exekutive bestimmen kann, sondern die der Zustimmung des Kongresses und eventuell von Gerichten bedürfen, wie etwa bei Kürzungen bei der Gesundheitsversorgung Medicare/Medicaid.
„Project 2025“ ist rund ein Jahr nach der Präsidentschaftswahl kein Zukunftsprogramm mehr, es ist politische Realität. Und für Trumps Anhänger der ersehnte Systemwechsel. Von 318 Maßnahmen, die im Plan formuliert wurden, sind 118 bereits umgesetzt, 67 weitere in Arbeit.
Die Geschwindigkeit ist bemerkenswert: In nur neun Monaten seit dem Amtsantritt Trumps hat sich das politische Gesicht der USA tiefgreifend verändert. Für das Team MAGA beginnt nun die Erfüllung seiner Vision vom „wahren Amerika“. Die Spaltung des Landes wird damit tiefer.
