Stuttgart – Draußen schossen Silvester-Raketen in den Himmel. In der Notaufnahme flossen Tränen und Blut.
Ich verbrachte Silvester 2025/2026 im Marienhospital in Stuttgart. Die Klinik ist auf abgesprengte Gliedmaßen spezialisiert. Immer wieder blickte ich in schockierte Augen. Hände zerfetzt. Gesichter verbrannt.
Protokoll einer blutigen Nacht
Das Team der Nachtschicht beginnt den Dienst um 20 Uhr. Im Flur mit dem kalten Licht überkommt mich ein beklemmendes Gefühl. In der Stadt wird gefeiert, Menschen prosten auf Glück und Gesundheit im neuen Jahr an. Einige von ihnen werden in den nächsten Stunden mit schweren Verletzungen durch diesen Gang einen OP-Saal geschoben werden. Aber das ahnt zu dieser Zeit niemand.

Robin Mühlebach (59) erlebte Leid, Schmerz und Hektik auf der Notaufnahme des Stuttgarter Marienhospitals
Foto: Michael Hahn
Gegen 20.30 Uhr kommt das erste Böller-Opfer. Schüler Meikl (14) hat eine blutende Hand. Zerfetzt von einem Kanonenschlag. Sein großer Bruder sagt: „Meikl wollte den Knallkörper aufheben, nachdem der nicht gezündet hatte. In diesem Moment ging das Ding in seiner Hand los.“
Patient mit abgesprengten Fingern
Wenig später der nächste Patient. 25 Jahre alt. Auch seine Hand steckt in einem Verband, gekühlt mit einer Eistüte. Das Gesicht schmerzverzerrt. Im Warteraum sitzt sein Vater. Er sagt: „Ich habe immer davor gewarnt: Finger weg vor den Knallern. Auf mich hat keiner gehört.“ Die Diagnose folgt später: Daumen gebrochen.

Sina (23, l.) und ihre Kollegin mussten einen Mann mit abgesprengten Fingern in die Klinik bringen
Foto: Michael Hahn
Andere Patienten haben weniger Glück. Ein junger Mann wird durch den Gang geschoben. Ein Notarzt ruft laut: „Überweisung aus Pforzheim. Teilamputation.“
Zwei Silvester-Opfer erleiden Verbrennungen
Die Helden dieser Nacht sind auch die vielen Sanitäter. Sie versorgen Verwundete zwischen explodierenden Feuerwerkskörpern und bringen sie mit Blaulicht in die Klinik. Darunter Sina (23). Ihr Patient hat drei Finger verloren. Frustriert sagt sie: „Einfach weggesprengt von einem Feuerwerkskörper. Ich bin für ein Böllerverbot, damit so etwas nicht mehr passiert.“

Dr. Sebastian Werner (38) leitete die Silvester-Schicht in der Notaufnahme
Foto: Michael Hahn
Gegen 2 Uhr habe ich genug gesehen und gehört. Fünf Patienten mit zerfetzten Händen oder Fingern. Dazu zwei weitere mit Verbrennungen. Oberarzt Dr. Sebastian Werner (38) verabschiedet den Fotografen und mich. Seine Worte bleiben hängen: „Ich befürchte, diese Verletzten waren heute Nacht nur der Anfang.“
Böller-Drama in Stuttgart: Explosion zerfetzt Meikl (14) drei Finger
Quelle: BILD31.12.2025