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Während in diesen Tagen Millionen Europäer ihre Fitnessstudio‑Verträge verlängern oder sich dem „Dry January“ verschreiben, wirkt dieses Ritual privater Selbstoptimierung zum Jahreswechsel 2025/26 merkwürdig aus der Zeit gefallen.

2025 war nicht einfach nur ein weiteres turbulentes Jahr in den Geschichtsbüchern, sondern das Jahr, in dem die alte Weltordnung endgültig zu Grabe getragen wurde.

Wer am 1. Januar 2026 ehrlich zurückblickt, erkennt: Gute Vorsätze reichen nicht mehr – es braucht eine Überlebensstrategie.

Die Ereignisse des vergangenen Jahres – von den tektonischen Verschiebungen des „Liberation Day“ im April bis hin zum offenen Angriff auf die Unabhängigkeit der US‑Notenbank – waren der finale Warnschuss vor den Bug des alten Kontinents.

Die Botschaft, die viele in Berlin, Brüssel und Paris noch immer nicht hören wollen, lautet: Der Westen, wie wir ihn kannten, existiert nicht mehr.

Für das politische und ökonomische Jahr 2026 bedeutet das eine radikale Neukalibrierung: Die Zeit strategischer Naivität ist vorbei.

Wir können uns keine Neujahrsvorsätze mehr leisten, die im Februar schon vergessen sind.

Was Europa jetzt braucht, ist ein schonungsloser Blick auf die Realität – und die Bereitschaft, sich von drei bequemen Illusionen zu verabschieden, die uns viel zu lange in falscher Sicherheit gewiegt haben.

Illusion 1: „Die USA kommen zurück“

Der hoffnungsvolle Blick über den Atlantik ist in Europa zu einem politischen Reflex geworden. 2026 müssen wir lernen, diesen Reflex zu unterdrücken. Die Annahme, die transatlantische Beziehung werde nach einer kurzen Phase der Irritation in den Normalzustand der 1990er Jahre zurückkehren, ist gefährlich und lähmend.

Der Kapitalmarkt, oft der ehrlichste Indikator für geopolitische Realitäten, hat längst abgestimmt. Gold hat 2025 um rund 60 Prozent zugelegt, während sich globale Investoren zunehmend aus Dollar‑Positionen zurückgezogen und ihre Engagements in sicheren Häfen neu sortiert haben.

Das ist kein bloß zyklisches Rauschen, sondern ein strukturelles Misstrauensvotum gegen die alte Leitwährung. Für Europa heißt das: 2026 muss das Jahr der finanziellen und sicherheitspolitischen Emanzipation werden.

Wir müssen lernen, ohne den „großen Bruder“ zu schwimmen. Das bedeutet keinen Anti‑Amerikanismus, sondern Souveränität.

Eine europäische Säule in der NATO, die diesen Namen verdient, und eine Euro‑Zone mit vertieften Kapitalmärkten, die Schocks aus Übersee eigenständig absorbieren kann, sind keine „Nice‑to‑have“-Projekte mehr. Sie sind die Lebensversicherung für unser Modell.

Illusion 2: „Der Markt regelt das mit China“

Jahrzehntelang lautete das Mantra in Deutschland und Europa: „Wandel durch Handel“.

Man glaubte, mit genügend Exporten würden sich die Systeme irgendwann angleichen. 2025 hat diese Hoffnung endgültig widerlegt. Der Wettbewerb mit China ist kein normales Ringen um Marktanteile, sondern ein systemischer Verdrängungswettbewerb.

Wenn in Shenzhen Innovation in einer Taktzahl entsteht, von der Europa nur träumen kann, ist das keine Einladung zu fairem Wettbewerb, sondern der Versuch einer technologischen Übernahme. Gleichzeitig hat die Eskalation der US‑Zölle im vergangenen Jahr die globale Handelsordnung ins Wanken gebracht und Europa zwischen die Fronten gedrückt.

Die europäische Antwort darauf darf 2026 nicht länger larmoyant sein. Wir müssen aufhören, Industriepolitik als Sündenfall der Marktwirtschaft zu betrachten. Gezielte Förderung von Schlüsseltechnologien wie E‑Mobilität, Robotik und Künstlicher Intelligenz ist in diesem Jahr keine klassische „Subvention“, sondern Notwehr.

Wer möchte, dass „Made in Germany“ oder „Made in Europe“ 2036 noch Gewicht hat, muss strategische Autonomie über Lieferketten und Produktionskapazitäten zurückgewinnen.

Der Markt regelt vieles – aber er regelt keine Geopolitik.

Illusion 3: „KI übernimmt meinen Job“

Während Europa auf der makroökonomischen Ebene zu zögerlich agiert, herrscht auf individueller Ebene oft Hysterie.

Die Angst, Künstliche Intelligenz (KI) werde massenhaft Jobs vernichten, ignoriert die demografische Realität des Kontinents: Europa schrumpft, der Engpass sind Arbeitskräfte, nicht Arbeitsplätze. Der Arbeitskräftemangel wird uns über das neue Jahr hinaus begleiten – ob wir wollen oder nicht.

Auch hier gilt jedoch: Wer sich zurücklehnt, verliert. 2026 wird das Jahr der Spezialisten. KI ist kein Job‑Killer, sondern ein Mittelmaß‑Killer. Sie bestraft Durchschnittlichkeit und belohnt Exzellenz. Wer generalistisch Aufgaben erledigt, die ein Algorithmus schneller und günstiger übernimmt, gerät unter Druck. Wer dagegen tiefe menschliche Expertise – ob im Handwerk, in Strategie, Pflege oder Forschung – mit Technologie kombiniert, gehört zu den Gewinnern.

Für Bildungssysteme und Unternehmen bedeutet das: weg von der Ausbildung breiter Generalisten, hin zur Förderung von „Deep Skills“.

Technologie ist der Hebel, der es Europa erlaubt, trotz schrumpfender Bevölkerung Wohlstand zu halten – aber nur, wenn der Kontinent sie beherrscht und nicht bloß konsumiert.

Das Gebot der Stunde: Strategische Autonomie

Was folgt aus dem Ende dieser drei Illusionen?

Das Motto für 2026 kann nicht „Wachstum um jeden Preis“ oder „Rückkehr zur Normalität“ heißen. Es muss strategische Autonomie lauten.

Europa ist auf sich allein gestellt: Weder Washington noch Peking werden den Kontinent retten, beide verfolgen ihre nationalen Interessen mit einer Härte, die Europa erst wieder lernen muss.

Das klingt düster, ist aber kein Pessimismus, sondern Realismus – und Realismus ist der erste Schritt zur Stärke.

Europa verfügt über immense Substanz: einen der größten Binnenmärkte der Welt, intellektuelle Ressourcen, finanzielle Stärke und eine Geschichte der Resilienz. 2026 ist das Jahr, in dem diese Substanz endlich machtpolitisch genutzt werden muss.

Anstatt uns vorzunehmen, „mehr Sport zu treiben“, sollten wir uns vornehmen, „mehr Realität zu wagen“.

Wer mit klarer Strategie und ohne Illusionen in dieses Jahr geht, kann den Sturm nicht nur überstehen, sondern in ihm navigieren. Wer hingegen darauf hofft, dass sich der Wind legt und die alte Welt zurückkehrt, wird früher oder später kentern.