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Der Schauspieler Idris Elba engagiert sich in sozialen Projekten, etwa mit seiner „Elba Hope Foundation“, und wird dafür mit dem OBE-Orden geehrt. © Aaron Chown/dpa
Eine neue Studie zeigt wachsenden Rassismus in Großbritannien. Die Labour-Regierung reagiert mit demonstrativen Auszeichnungen für Prominente mit migrantischen Wurzeln, aber schweigt ansonsten zu der Debatte.
Was macht einen Menschen zur Britin respektive zum Briten? Welche Werte stecken dahinter, wie tief müssen die Wurzeln auf der Insel sein? Zum Jahresbeginn geben diese Fragen wieder einmal Anlass zu Diskussionen. Demonstrativ hat die Labour-Regierung zu Neujahr einen Schwarzen Schauspieler und eine indischstämmige Komödiantin zu Ritter und Ritterin ernannt. Einer neuen Studie zufolge aber nimmt auch im Königreich die Zahl jener zu, die Britischsein weniger an Werten wie Toleranz oder Gesetzestreue festmachen, sondern ethnische Kriterien dafür anführen.
Traditionell erhalten zur Jahreswende mehr als tausend Briten einen Orden, der noch immer das „britische Empire“ im Namen trägt. Unter den Geehrten stechen diesmal zwei Prominente mit Migrationshintergrund heraus: der Schauspieler Idris Elba, dessen Eltern aus Sierra Leone und Ghana eingewandert sind, und die Autorin Meera Syal, deren Wurzeln im Punjab liegen. Beide sind in England geboren. Den Geburtsort halten einer Feldstudie des Labour-nahen Thinktanks „IPPR“ zufolge mittlerweile immerhin 36 Prozent der Briten für essenziell für die Zugehörigkeit zur Nation. Immerhin zehn Prozent der Befragten glauben, nur Weiße könnten gute Brit:innen sein. Zwar seien solche Ansichten noch in der Minderheit und sehe die Mehrheit das Land als Gemeinschaft von Bürger:innen, nicht basierend auf ethnischer Homogenität, resümieren die Autor:innen der Studie. Aber die Regierung müsse „die Teilung der Gesellschaft“ zurückweisen.
Aktuell führt der rechte Nationalpopulist Nigel Farage mit seiner Partei „Reform“ einst verpönte ethnische Sichtweisen auf die britische Gesellschaft in die Debatte ein. So beschwerte sich eine von deren Abgeordneten über eine angeblich zu große Zahl von Angehörigen ethnischer Minderheiten im Fernsehen: „Werbespots voll von Schwarzen, voll von Asiaten, das macht mich verrückt.“ Zwar entschuldigte sich Sarah Pochin anschließend für ihre Ausdrucksweise, pochte aber darauf, die Spots seien „nicht repräsentativ für die britische Gesellschaft“.
Der rechte TV-Sender „GB News“, bei dem Farage und seine Gesinnungsgenossen jährlich Hunderttausende verdienen, lässt regelmäßig Lucy White zu Wort kommen. Die rechte Aktivistin erlangte im November traurige Berühmtheit mit ihren Angriffen auf Nus Ghani, die Vize-Präsidentin des Unterhauses: „Dort sollte niemand vertreten sein, der in Pakistan geboren ist.“ Offen vertreten auch Reform-Kommunalpolitiker diese Haltung: Brite könne nur sein, wer auf der Insel geboren ist. Wie absurd dieser Gedanke ist, lässt sich an Boris Johnson ablesen: Der Geburtsort des früheren Premiers ist New York.
Johnsons Nachfolger hat sich zur jüngsten Eskalation der Debatte bisher nicht geäußert. Im vergangenen Jahr begrüßte Labour-Regierungschef Keir Starmer ausdrücklich die ethnische und religiöse Vielfalt des Landes und beschrieb Nationen als „basierend auf fairen Regeln“. Wie heikel das Thema bleibt, erfährt er derzeit am Fall des ägyptischen Dissidenten Alaa Abd el-Fattah. Dem zwölf Jahre lang inhaftierten Blogger hatte Johnsons Regierung 2021 die britische Staatsbürgerschaft zuerkannt, vor kurzem erlaubte Kairo ihm die Ausreise nach Großbritannien. Seither tobt eine Kontroverse um vergangene antisemitische und holocaustleugnende Äußerungen des heute 43-Jährigen. Konservative und Rechte forderten seine Abschiebung und den Entzug der Staatsbürgerschaft.