Wenn wertvolle Gemälde heute für Ausstellungen angefragt werden, sind die Hürden hoch: Versicherungsprämien sind zu kalkulieren und strengste konservatorische Vorgaben zu berücksichtigen. Kunstwerke werden daher in Klimakisten transportiert, die sich vor dem Ein- und Auspacken 24 Stunden akklimatisieren müssen, um die kostbaren Stücke beim Transport möglichst keinen Temperaturschwankungen auszusetzen. Die Malschicht könnte sonst brüchig werden. Besonders wertvolle Gemälde reisen zudem in Spezialkisten, die mit Schwingungsdämpfern ausgestattet sind. Dass diese heute selbstverständlichen, Ausstellungsplanungen in horrende Kosten treibenden Standards kaum mehr als vierzig Jahre alt sind, bezeugen ältere Sammler, Kunsthändler und Museumskollegen, die Kunstwerke noch in Decken oder Luftpolsterfolie gehüllt im Kofferraum zu Ausstellungen transportierten.

Munch meinte, seine Werke seien das Wetter gewöhnt

Geht man in der Kunstgeschichte weiter zurück, stößt man auf faszinierende Berichte und Fotografien von Meisterwerken unter freiem Himmel – und dies nicht nur bei überstürzten, zum Beispiel krisenbedingten Umlagerungen, sondern als Teil eines scheinbar selbstverständlichen Umgangs mit den kostbaren Werken.

Künstler selbst gingen oft am wenigsten zimperlich mit ihren Werken um. Mehr noch: Der norwegische Maler Edvard Munch etwa liebte es, seine Bilder der Witterung auszusetzen, um ihnen den letzten Schliff zu verleihen. „Als Maler war Munch vor allem ein großer Suchender. Er probierte alles aus“, berichtet Munchs Biograph und Zeitgenosse Rolf Stenersen. Wenn dem Maler seine Werke allzu atelierfrisch erschienen, setzte er sie gerne tagelang der Sonne und dem Regen aus. „Dann passen die Farben oft besser zueinander“, soll Munch dazu geäußert haben.

Vincent van Goghs Gemälde „Die Ernte“ wurde um das Jahr 1916 herum im Garten der Sammler Karl Ernst und Gertrud Osthaus aufgestellt.Vincent van Goghs Gemälde „Die Ernte“ wurde um das Jahr 1916 herum im Garten der Sammler Karl Ernst und Gertrud Osthaus aufgestellt.Bildarchiv Foto Marburg

Der Munch-Sammler und Kunsthistoriker Curt Glaser erinnerte sich daran, dass bei seinen Besuchen bei Munch manche der Leinwände „draußen in Regen und Schnee“ hingen: „Es war ein schneeheller Tag, und an den Außenwänden der Häuser in dem großen Garten standen neben- und übereinander die farbenstarken Gemälde, die gar nicht genug Licht trinken zu können scheinen, die erst hier im Freien, in der vollen, prallen Helligkeit ihren ganzen Zauber entfalteten. Während wir langsam von einem Bilde zum anderen schritten, begann Schnee zu fallen. Munch stapfte mit einem Strohwisch in der Hand umher, fegte bald das eine, bald das andere Bild ab, damit man es sehen konnte. Ich war etwas besorgt, daß der Schnee den Bildern schaden könnte. Aber Munch meinte: ‚Nein, nein, das sind sie gewöhnt.‘“

Auch von Emil Nolde ist überliefert, dass er seine Aquarelle zeitweise Schneeflocken und klirrender Kälte aussetzte und sich freute, „wenn auf dem Papier die gefrorenen Farben in kristallinen Sternen und Strahlungen sich setzten“.

Aus dem Garten wird ein Museum

Ein anderer Grund, im Atelier entstandene Gemälde unter freiem Himmel zu platzieren, war das zum Fotografieren der Werke notwendige helle Tageslicht. So hat sich im Nachlass des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner eine Aufnahme erhalten, die die während seines Aufenthalts auf Fehmarn entstandenen Gemälde im Sonnenlicht zeigt, angelehnt an die Mauer des Leuchtturms Staberhuk. Offensichtlich aus demselben Grund zeigt eine Reihe bemerkenswerter Fotografien die von Karl Ernst Osthaus für die Folkwang-Sammlung erworbenen Gemälde Vincent van Goghs, ausgerahmt und an eine Pergola drapiert im Hagener Garten seines Museums.

Gertrud Osthaus, die Frau des Sammlers, hatte immer wieder versucht, die Wirkung der farbstarken Gemälde van Goghs, Gauguins und Noldes in die Möglichkeiten der Schwarz-Weiß-Fotografie zu übersetzen: „Das Schwierige ist, die richtigen Tonwerte herauszubringen“, berichtete sie 1916 über ihre fotografischen Versuche: „Da muß man probieren und studieren. Mir hat eine gute Gelbscheibe, hinter dem Objektiv angebracht, sehr geholfen.“ Für einen ihrer Versuche der adäquaten Wiedergabe von van Goghs farbstarker Malerei wird sie dessen Bilder kurzerhand in den Garten des Museums gebracht haben.

Ein bekannterer Fall von heutigen „Million-Dollar-Paintings“ unter freiem Himmel ist die Aktion „Vorgartenausstellung“ auf dem Grundstück der Wuppertaler Galerie Parnass, mit der die Düsseldorfer Maler Konrad Lueg, Sigmar Polke und Gerhard Richter 1964 auf ihre neuesten Werke aufmerksam machten. Richter war erst 1961 aus der DDR nach Westdeutschland gekommen, wo er 1962 mit seiner Malerei nach Schwarz-Weiß-Fotos den „Kapitalistischen Realismus“ begründet hatte. Im Februar 1964 waren die jungen Künstler von Düsseldorf nach Wuppertal gefahren und zeigten ihre neuesten Arbeiten in einer Art Guerilla-Aktion im Vorgarten der Wuppertaler Avantgarde-Galerie, wo sie ihre Gemälde an den Gartenzaun und Mauervorsprünge lehnten.

Von Gerhard Richter waren einige der frühesten Werke seines Werkverzeichnisses dabei, darunter die Gemälde „Sargträger“ (1962, Pinakothek der Moderne, München) und „Bomber“ (1963, Städtische Galerie Wolfsburg). Die Aktion hatte den gewünschten Erfolg: Bereits im November des Jahres wurden die drei Künstler von Rolf Jährling, dem Inhaber der Galerie, eingeladen, ihre Werke in der Gruppenausstellung „Neue Realisten“ auch in den Galerieräumen zu präsentieren.

Ein Warhol auf dem Dach von Bob Dylans Wagen

Das spektakulärste Bilddokument eines heute kaum mehr bezahlbaren Gemäldes unter freiem Himmel ist die Fotografie des Abtransports eines Warhol-Gemäldes auf einem Autodach in den Straßen von Manhattan. 1965 besuchte Bob Dylan Andy Warhol in dessen Atelier an der East 47th Street und erhielt von ihm die 2,10 mal 1,34 Meter große Fassung des Gemäldes „Double Elvis“, die sich heute in der Sammlung des Museum of Modern Art befindet.

Als Bob Dylan Warhols Factory verließ, musste er feststellen, dass das Bild nicht in den Kofferraum seines Wagens passte. Die Verbringung in freier Weltstadtluft hat, soweit man das durch Autopsie im Museum heute feststellen kann, keine bleibenden Schäden hinterlassen. Stattdessen ist das Gemälde nicht zuletzt durch die ikonischen Fotos des Transports in die Pop-Geschichte eingegangen.