Trend 1: Trump wird bei Zöllen weich
Dass der US-Präsident seinen Spitznamen „Taco“ (Trump Always Chickens Out, in etwa: Trump knickt immer ein) verdient, beweist er in seiner Zollpolitik. Von den extremen Zollsätzen, die er im April 2025 angekündigt hatte, sind die wenigsten übrig geblieben; der Standardsatz für viele Staaten beträgt nun 15 Prozent (bis auf prominente Ausnahmen wie Brasilien und Indien). Doch auch diese historisch hohen Importzölle wird Trump weiter abmildern. Der Grund liegt in der Innenpolitik: 2026, wenn die Folgen der hohen Importzölle am stärksten durchschlagen werden, stehen Midterm-Wahlen für den Kongress an. Den Republikanern drohen dabei erhebliche Verluste, denn die Wähler haben gelernt, dass hohe Einfuhrzölle am Ende von ihnen zu zahlen sind. Schon im September und November 2025 hat die US-Regierung darum Hunderte Güter, darunter Rohstoffe und Agrarprodukte wie Kaffee und Bananen, wieder von Zöllen befreit – Importe im Wert von mehr insgesamt 530 Milliarden Dollar. Dabei dürfte es 2026 nicht bleiben. (fahe.)
Trend 2: Afrikas nächste Chance
„Europa wird im kommenden Jahrzehnt dringend auf Afrika angewiesen sein“, ist sich Unternehmensberater und Afrikakenner Stefan Liebing sicher. Während traditionelle Handelspartner wie Amerika und China wanken, bietet Afrika wachsende Absatzmärkte und Investitionsmöglichkeiten, etwa in den Bereichen Energie, Agrarwirtschaft, Digitalisierung und verarbeitende Industrie. Und: Viele der 54 Länder bieten Zugang zu strategisch wichtigen Rohstoffen. Diese sollte Deutschland sich sichern, um seine Abhängigkeit von China zu überwinden, plädiert der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI). Viele der 54 Staaten des Kontinents sind politisch relativ stabil, zeigen sich reformbereit und willens, sich zu entwickeln. Beispiele sind Uganda, Ruanda, Äthiopien, die Elfenbeinküste oder Senegal, für die 2026 ein Wirtschaftswachstum von sechs bis acht Prozent im Vergleich zum Vorjahr prognostiziert wird. Und: Nach Jahren des Rückgangs verzeichnet Afrika 2025 einen Rekordanstieg ausländischer Direktinvestitionen. Dieser wurde zwar vor allem durch ein Infrastrukturprojekt in Ägypten angetrieben, doch auch ohne dieses stiegen die Investitionen um 12 Prozent. (sbb.)
Trend 3: Das Völkerrecht leidet
Konflikte, Krisen, menschengemachte Katastrophen: Auch dieses Jahr wird kein einfaches werden. Das verbriefte Selbstbestimmungsrecht und die Souveränität der Völker werden mit Füßen getreten. Um die Jahreswende springt – neben den Kriegen rund um die Welt – besonders das Verhalten der amerikanischen Regierung ins Auge: Donald Trumps Angriffe auf Venezuela, aber auch seine Drohgebärden gegenüber Grönland und Panama. Wenn aber jeder auf der Weltbühne tut, was er will und was er kann, nicht eingegrenzt durch das, was er darf, schwindet die Glaubwürdigkeit der Demokratien. Mit der regelbasierten Ordnung schmilzt auch der Handel miteinander, weil die Risiken steigen. Regierungen suchen mit bilateralen Abkommen nur noch Gleichgesinnte, Unternehmen ziehen sich zurück, igeln sich ein. Laut der Personalberatung Egon Zehnder betrachten Manager die geopolitischen Wirren inzwischen als ihre größte Sorge. Die Rüstungsbranche aber wächst: 2022 machten die weltweiten Verteidigungsausgaben noch 1,59 Prozent der Weltwirtschaftsleistung aus. Inzwischen hätten sie die Zweiprozenthürde genommen, heißt es bei den Analysten von IISS. Die Wahrnehmung dessen, was auf der Weltbühne möglich ist, verschiebt sich – weg vom friedlichen Austausch, hin zu aggressiven Auseinandersetzungen. Die Abwärtsspirale dreht sich immer schneller. (che.)
Trend 4: Das Ende der Leitzins-Achterbahn
Der doppelte Preisschock von Corona und Ukrainekrieg ist offenbar ausgestanden: Für nahezu alle Industrie- und Schwellenländer erwarten die Ökonomen weiter leicht sinkende Inflationsraten. Das liegt natürlich an den gesunkenen Energiepreisen, aber auch daran, dass das noch Anfang 2025 befürchtete Wettrüsten bei Zöllen, das die Verbraucherpreise treibt, ausgeblieben ist. Damit dürfte das häufige Auf und Ab an Leitzinsen, das mit der Corona-Krise eingesetzt hatte, ausgestanden sein. Die meisten Notenbanken werden sie angesichts der Preisentwicklung und eher schwachen Konjunktur weitgehend stabil halten. Von diesem globalen Trend gibt es jedoch zwei bemerkenswerte Ausnahmen: In China sorgen Wirtschaftskrise und Preiskampf für eine anhaltende Deflation, die die Welt belastet. Und in den USA wird wegen Donald Trumps Importzöllen mit deutlichen Preisanstiegen gerechnet. Dennoch übt der Präsident Druck auf die Notenbank (Federal Reserve, Fed) aus, die Zinsen weiter zu senken – und kann im Frühjahr sogar einen handverlesenen, folgsamen Notenbank-Chef einsetzen. (fahe.)
Trend 5: Der Klimaschutz hat wieder Aufwind
Seit dem Krieg in der Ukraine und dem Antikurs von US-Präsident Donald Trump scheint das Thema Klimaschutz abgeschrieben. Dabei schreitet die Erderwärmung ungebremst voran und gefährdet die Lebens- und Wirtschaftsgrundlagen. Auch wenn der öffentliche Eindruck ein anderer ist, der Klimaschutz nimmt an Fahrt auf. Viele Länder – sogar China – haben CO₂‑Preise eingeführt, die in den kommenden Jahren steigen. Das heißt, das Nutzen fossiler Brennstoffe wird immer teurer, erneuerbare Energien werden billiger und attraktiver. Zum 1. Januar greift in der EU der „Carbon Border Adjustment Mechanism“ (CBAM), auch als CO₂-Grenzausgleich bezeichnet, vollständig. Der Importzoll soll die europäische Industrie vor Wettbewerbsnachteilen schützen und verhindern, dass emissionsstarke Produktion einfach in andere Länder verlagert wird. Dazu werden Technologien wie CO₂-Abscheidung und -Speicherung weiter erprobt und erforscht. (sbb.)
Trend 6: Die Schwellenländer werden hofiert
Selten waren die Chancen für Schwellenländer größer als in diesen Monaten. Unter dem Druck der US-Zollpolitik auf der einen, Chinas wirtschaftlicher Umstrukturierung auf der anderen Seite stellt sich auch Europas Industrie dort neu auf. „Die Globalisierung wird nicht abgeschafft, sondern neu vernetzt“, hieß es bei der Welthandelsorganisation (World Trade Organisation, WTO) Mitte Dezember. Brüssel plant endlich Freihandelsabkommen fast wie am Fließband – Mercosur, Indien, Malaysia, Indonesien, die Philippinen, aber auch Australien. Ein Land wie Vietnam macht seit Jahren vor, wie man – in einem straff geführten Einparteienstaat – Chancen heben kann: einheitlicher Rechtsrahmen, geschulte Arbeitskräfte, Grund und Boden für Investoren. Schon heute gehen 84 Prozent des Exports Südostasiens über seine Grenzen hinaus. Die Ausfuhr von Zwischenprodukten Südostasiens nach China hat sich in zehn Jahren verdreifacht. Niedrige Inflationsraten und damit niedrige Zinsen verleihen nun Luft für Investitionen in die überfällige Digitalisierung. Billiglöhne reichen Investoren nicht mehr; es geht um geographische Erreichbarkeit, um politische Sicherheit, Liefertreue, Zugang zu Grundstoffen. Für die Schwellenländer hängt jetzt alles davon ab, wie ihre Regierungen sie aufstellen. (che.)
Trend 7: Brandherd Nordostasien
Der Nordosten Asiens wird unsicherer. Und das nicht nur wegen Taiwan, das Peking weiterhin für sich reklamiert. Nachdem in Japan die konservative Ministerpräsidentin Sanae Takaichi am Ruder steht und nachdem Südkorea sich zur Waffenschmiede entwickelt, ist die Trennlinie noch klarer: Hier das hochgerüstete China, dort Taiwan, Japan und Südkorea, in deren Rücken Australien und traditionell die USA als Verbündete standen. Donald Trumps Washington hat an einer Auseinandersetzung wenig Interesse: „Die Verhinderung eines Konflikts um Taiwan, idealerweise durch die Aufrechterhaltung der militärischen Überlegenheit, ist eine Priorität“, heißt es in der neuen US-Sicherheitsstrategie. Der Grund: „Der Infopazifikraum erwirtschaftet bereits fast die Hälfte der weltweiten Wirtschaftsleistung auf Basis der Kaufkraftparität. Dieser Anteil wird im Laufe des 21. Jahrhunderts mit Sicherheit noch steigen.“ Die innere Schwäche Chinas und seiner Partner Russland und Nordkorea auf der einen Seite, Nationalismus in Japan und Südkorea auf der anderen lassen die Risiken dennoch wachsen: Einerseits, dass sich Chinas Ministerpräsident Xi Jinping Taiwan greift, weil er den Moment als passend empfindet. Andererseits, dass es zu folgenschweren Zusammenstößen kommt. (che.)
Trend 8: Die globalen Handelsströme verschieben sich
Zugegeben, ganz neu ist dieser Trend nicht: Schon seit mehreren Jahren verlagern sich die Handelsströme weg von den alten Industriestaaten hin nach Asien und Lateinamerika. Aber er beschleunigt sich. 2025 war das höhere Tempo zunächst an den fluktuierenden Frachtpreis-Indizes abzulesen, inzwischen bestätigen Export- und Importzahlen diese ersten Eindrücke. Erklären lässt sich dies aus drei Gründen. Erstens schwächeln die Volkswirtschaften des Westens derzeit, während sie in den Schwellenländern – abgesehen von China – kräftig zulegen. Zweitens leiden Energieexportländer, deren Hauptabnehmer die alten Industriestaaten sind, derzeit entweder unter dem niedrigen Ölpreis oder aber unter Sanktionen. Drittens haben die aktuelle US-Handelspolitik, aber auch die Huthi-Bedrohung im Roten Meer und der chinesische Umgang mit Seltenen Erden viele Unternehmen und Staaten dafür sensibilisiert, sich alternative Lieferanten und Rohstoffquellen zu sichern. All dies spricht dafür, dass sich dieser Trend nicht so schnell umkehren wird. (fahe.)
Trend 9: Saudi-Arabien steht am Scheideweg
Diese Sorge Riads möchten andere Länder gern haben: Im neuen Jahr könnte die Staatsverschuldung Saudi-Arabiens erstmals auf mehr als 30 Prozent des Bruttoinlandsprodukts steigen – vor 15 Jahren waren es immerhin nur 10 Prozent. Damit muss sich der monarchische Herrscher Muhammad Bin Salman (MBS) dieses Jahr die Frage stellen, wie viel seiner ambitionierten Strategie „Vision 2030“, mit der er die Volkswirtschaft weniger abhängig von Öl machen will, er noch durchdrücken kann – und ob dies tatsächlich eine steigende Staatsverschuldung wert ist. Denn derzeit liegt der Ölpreis mit knapp über 60 Dollar je Barrel (159 Liter) fast ein Drittel unter dem Betrag, der für einen ausgeglichenen Staatshaushalt der Ölnation nötig wäre. Vor allem aber wurden für einige der wichtigsten Investitionsprojekte der „Vision 2030“ Billionen Riyal in den Sand gesetzt – wortwörtlich: Gerade musste das wichtigste Megaprojekt The Line, ein 170 Kilometer langer Stadtkorridor durch die Wüste, auf einen Bruchteil zusammengestrichen werden – eine Folge von Verschwendung und technisch unüberwindlichen Hürden. (fahe.)
Trend 10: Peking ringt mit der Krise
China muss in diesem Jahr die Wirtschaftswende schaffen. Statt die Welt mit Waren zu überschwemmen, muss Peking den heimischen Konsum anheizen. Dafür wird die Regierung weitere Hunderte Milliarden Dollar in das System drücken. Helfen kann das nur, wenn die Menschen der Staatswirtschaft wieder vertrauen. Der erschütterte Immobilienmarkt deutet nicht darauf hin, die Arbeitslosenrate ebenfalls nicht. 2026 wird die Rekordzahl von fast 13 Millionen Studenten in den Arbeitsmarkt drängen. Erst im Dezember ging es bei einer Wirtschaftskonferenz der Staatsführung darum, Stellen zu schaffen und die Einkommen zu erhöhen, statt weiter staatlich zu subventionieren. Die Zentralregierung will die Überschuldung der Regionen eindämmen, zugleich aber selbst mehr in öffentliche Projekte investieren. Digitalisierung, Robotik und Klimaschutz könnten davon profitieren. Doch drohen neue Risiken: der Bau von „weißen Elefanten“, die niemand braucht, Korruption, Überproduktion aus automatisierten Fabriken, der Ausbau der Rüstung. Die wabernde Immobilienkrise durch das Umwidmen von Leerstand in Sozialwohnungen wird auf Widerstand stoßen. Ein Großrisiko liegt darin, dass Abnehmerländer auf die Flut chinesischer Billigwaren mit Handelsbarrieren reagieren – und Chinas Krise damit anheizen. Die amerikanische Denkfabrik Rhodium Group schätzt Chinas Wachstumsrate 2025 auf nur noch rund 2,5 Prozent – halb so hoch wie die Regierung. (che.)