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Ein Job, den kaum jemand kennt, aber für Münchens Nachtleben unverzichtbar ist: Andrea Ferber sorgt als Leiterin der „Moderation der Nacht“ dafür, dass Feiern, Clubs und Nachbarschaft miteinander funktionieren.
München – Wenn der Mond über München aufsteigt, explodiert die Stadt vor Energie: Lichter flackern in den Bars, Musik dringt aus den Clubs, Menschen rutschen an den Theken zusammen, brüllen sich in Konzertsälen heiser, tauchen in Theaterwelten ab. Für Nachtschwärmer ein Paradies – doch die lebendige Nacht hat auch ihre Schattenseiten: Betrunkene schlagen sich, werfen Flaschen, hinterlassen Glasscherben und Müll und nerven die Nachbarn. Damit das Chaos nicht überhandnimmt, braucht es jemanden, der den Überblick behält. Aber wer übernimmt diesen Job eigentlich?
In München wacht Andrea Ferber über die Nacht. Als Leiterin der „Moderation der Nacht“ (MoNa) vermittelt sie zwischen feiernden Menschen, wachsamen Behörden und genervten Anwohnern – eine Aufgabe, die selten zu finden ist und in einer Stadt wie München noch junges Terrain betritt.
Sie schaut, dass im Münchner Nachtleben alles glatt läuft: „Nachtbürgermeisterin“ Andrea Ferber © Katharina Lepik
MoNa startete 2021 mit nur einer Stelle, doch schon bald wurde klar: Eine Person kann das wilde Treiben der Stadt nicht bändigen. Heute teilen Andrea Ferber und ihre Kollegin Luzia Beer die Moderation des Münchner Nachtlebens, koordinieren Konflikte, beruhigen aufgebrachte Anwohner und unterstützen die Clubs als wichtigen Teil der Nachtkultur.
„Konflikte entstehen nachts, gelöst werden sie tagsüber“
„Viele denken, wir arbeiten nachts“, erzählt Ferber mit einem verschmitzten Lächeln. Tatsächlich sei das nicht der Fall: „Die Konflikte entstehen nachts, gelöst werden sie tagsüber.“ Ihr Alltag besteht vor allem aus Gremiumsarbeit. „Wir organisieren regelmäßig einen runden Tisch für das Nachtleben“, erklärt sie. Dort kommen Vertreter aus der Stadtverwaltung – etwa vom Sozialreferat – genauso zusammen wie der Verband der Münchner Kulturveranstaltenden (VDMK), die DEHOGA Bayern, die Polizei und verschiedene Akteure der Nachtkultur. Eines der zentralen Themen ist dabei das Feiern in der Innenstadt. In der Runde werden aktuelle Problemlagen ebenso diskutiert wie mögliche Lösungsansätze. Als Beispiel nennt Ferber das Uni-Viertel. „Das hat in letzter Zeit viel Aufmerksamkeit bekommen“, sagt sie. Viele junge Menschen träfen sich dort regelmäßig zum Trinken an öffentlichen Plätzen – nicht nur am Wochenende. Die Folgen seien Lärm, Müll und „viel Wildpinkeln“. Die Anwohner reagieren zunehmend verärgert. Gleichzeitig, betont Ferber, „brauchen junge Leute Orte zum Feiern“ – ohne dass zahlreiche Beschwerden bei der Stadt eingehen.
Mit dieser Problematik setzt sich die MoNa schon seit Längerem auseinander. Als Reaktion darauf initiierte die Stelle das Pilotprojekt „Munich Urban Celebrations“, kurz MUCs. Ziel ist es, jungen Menschen legale und begleitete Möglichkeiten zum Feiern im öffentlichen Raum zu eröffnen. Dafür stellt die Stadt ausgewählte Flächen zur Verfügung und unterstützt die Veranstalter bei Planung und Genehmigung – mit dem Anspruch, Freiräume zu schaffen, Konflikte zu reduzieren und urbane Feierkultur in geordnete Bahnen zu lenken. „Wir haben bislang drei Räume gesichert“, sagt Ferber. Der Fröttmaninger Berg, der Neuhofener Berg und der Schneckenplatz standen in diesem Jahr jungen Menschen zwischen 18 und 35 Jahren für selbst organisierte Jugendpartys offen. „Die Feiern werden eigenverantwortlich durchgeführt, MoNa unterstützt lediglich bei der Organisation“, betont Ferber.
Sie hat MoNa mitentwickelt: Eva Jüsten leitet die Stelle für Gemeinwesenmediation. © Andrea FerberMediation statt Eskalation
„Frau Ferber und Frau Beer sind außerdem Mediatorinnen“, ergänzt Eva Jüsten, Leiterin der Stabstelle für Konfliktmanagement im Sozialreferat, die MoNa aufgebaut hat. Geht eine Beschwerde zum Nachtleben ein, wird der Fall zunächst geprüft. „Wir recherchieren, ob die Bezirksinspektion bereits involviert ist, und sprechen häufig auch mit der Polizei“, so Jüsten. Anschließend folgen Einzelgespräche mit beiden Seiten, erklärt Ferber. Meist wenden sich die Betreiber an die Nachtkulturmanagerinnen – allerdings oft sehr spät. „Sie kommen erst zu uns, wenn bereits viel versucht wurde und kaum noch Spielraum bleibt.“ In der Mediation bringen Ferber und Beer beide Parteien an einen Tisch und begleiten den Lösungsprozess. „Wir sind dabei eine neutrale und unabhängige Instanz“, betont Ferber. „Wir suchen nicht selbst nach Lösungen, sondern unterstützen die Beteiligten dabei, sie gemeinsam zu entwickeln.“
Kollegin Luzia Beer verantwortet bei MoNa zudem den Bereich Awareness. Sie unterstützt Initiativen und Projekte, die ein sicheres, respektvolles und inklusives Nachtleben fördern und bietet Supervision, Coaching sowie Fall- und Teamberatung für ehrenamtlich Engagierte an. Ziel ist es, die Handlungskompetenz der Akteure zu stärken und ein achtsameres Miteinander in der Münchner Nachtkultur zu etablieren. Dabei arbeitet Beer mit städtischen Fachstellen – etwa der Gleichstellungsstelle für Frauen oder der Koordinierungsstelle zur Gleichstellung von LGBTQ+ – sowie mit nichtstädtischen Akteuren wie dem Frauennotruf zusammen. Um bestehende Lücken in der Awarenessarbeit zu schließen, beauftragte der Stadtrat Beer mit der Erarbeitung eines Awareness-Leitfadens. „Sozusagen verbindliche Awareness-Standards für Veranstaltungen der Stadt“, erklärt Jüsten.
Vom Zufall zum Traumberuf
Weder Jüsten noch Ferber hätten ursprünglich damit gerechnet, einmal für das Münchner Nachtleben zuständig zu sein. Jüsten arbeitete zunächst als Juristin bei der Stadt. „Während einer meiner Erziehungszeiten habe ich eine Mediationsausbildung besucht – und mich sofort verliebt“, erinnert sie sich. Vor 15 Jahren übernahm sie die Stelle für Gemeinwesenmediation; später kam das Allparteiliche Konfliktmanagement (AKIM) hinzu. „Dann wurde deutlich, wie groß der Bedarf im Nachtleben ist“, sagt Jüsten. Gemeinsam mit Brigitte Gans, einer Kollegin, baute sie schließlich MoNa auf.
Ferber kam eher zufällig zu der Stelle. Sie studierte Kommunikationswissenschaften in London und arbeitete anschließend lange freiberuflich. Während der Corona-Pandemie wechselte sie zur Stadt und begann als Assistenz bei der Moderation. Als die Leitungsstelle frei wurde, bewarb sie sich. „Dank ihres Studiums und ihrer Vorerfahrung“ – sie ist in München geboren, kennt die Subkultur und die Clubs – „bekam sie den Job“, erzählt Jüsten lächelnd. Ferber selbst sagt: „Die Stelle hat mich quasi gefunden.“