• Viele Lokalmedien in den USA sind von Schließungen und finanziellen Einbußen betroffen. Laut Medill School schlossen seit 2005 über 3000 Lokalzeitungen. Die Medienkrise betrifft auch große Städte wie El Paso.
  • Das gemeinnützige Onlineportal „El Paso Matters“, gegründet 2020 von Bob Moore, bietet unabhängigen Lokaljournalismus für die Grenzregion El Paso und setzt sich gegen die Informationskrise ein.
  • „El Paso Matters“ finanziert sich über Spenden und Stiftungen, bleibt kostenlos für Nutzer und hat sich von einem Nischenmedium zu einem wichtigen Informationsanbieter mit breiter Themenvielfalt entwickelt.

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Es sind nicht alle Mitarbeiter von „El Paso Matters“ dabei an diesem Montagmorgen, der ersten von drei Redaktionskonferenzen pro Woche. Brandy, zuständig für Social Media, hat frei. Und Diego, der Klimaexperte, ist mit seiner schwangeren Frau auf dem Weg ins Krankenhaus – das erste Kind ist unterwegs.

Aber Cindy ist da, die Herausgeberin. Elida, die Chefreporterin, Danny, der Militärfachmann, und Priscilla, die Expertin für Gesundheitsthemen. Und Bob Moore natürlich, der die virtuelle Konferenz von „El Paso Matters“ leitet – ein lokales US-Onlinemagazin, das seit 2020 die Grenzstadt zu Mexiko und die entlegene Region am Rio Grande in Texas mit täglichen Lokalnachrichten versorgt.

Gut recherchierte Informationen

Bob ist der Gründer und Chefredakteur von „El Paso Matters“, was man vielleicht am besten mit „El Paso zählt“ übersetzen kann. Bob ist 65 Jahre alt, ein Vollblutjournalist, der sechs Jahre lang Chefredakteur der „El Paso Times“ war. Bis er den Niedergang des Blattes vorausahnte und kündigte. Die Zeitung gibt es zwar noch – aber die Redaktion ist heute personell so ausgedünnt, dass sie sich keinen fundierten Lokaljournalismus mehr leisten kann, sagt Bob. Deshalb habe er nach einem neuen Weg gesucht, um El Paso mit unabhängigen und gut recherchierten Informationen zu versorgen.

„El Paso Matters“ ist eine Antwort auf die tiefe Medien- und Informationskrise in den USA. Laut der Medill School of Journalism von der Northwestern University haben allein 2025 136 Zeitungen dichtgemacht. Seit 2005 schlossen mehr als 3000 von ihnen – etwa 40 Prozent aller amerikanischen Lokalzeitungen.

Weil Donald Trump den öffentlich-rechtlichen Sendern NPR und PBS über eine Milliarde Dollar an Subventionen gestrichen hat, sind jetzt auch geschätzte 1500 lokale Partnersender akut bedroht, vor allem auf dem Land. Ganze Regionen drohen zu Informationswüsten zu werden, wenn es dort keinerlei unabhängige Informationen mehr gibt.

El Paso ist ein Beispiel dafür, dass es auch Großstädte treffen kann. Die Stadt mit ihren etwa 700.000 Einwohnern liegt im Windschatten der öffentlichen Wahrnehmung – die texanischen Zentren Austin und Dallas sind über 1000 Kilometer entfernt. Dabei ist El Paso mit seiner mexikanischen Zwillingsstadt Ciudad Juarez auf der anderen Seite der Grenze ein wichtiges Handelszentrum – und Brennpunkt der Einwanderung. El Paso ist eine der ärmsten Großstädte der Vereinigten Staaten, von viel Militär und prekären Arbeitsverhältnissen geprägt. „El Paso ist ein Warnsignal für das ganze Land“, meint Bob.

Medienwissenschaftler warnen schon lange vor dem Niedergang des Lokaljournalismus in den USA. Die Medienkrise sei in Wahrheit eine Krise der Demokratie, sagt etwa Thomas Patterson von der Harvard Kennedy School. Er sieht Lokaljournalismus als „Sauerstoff der Demokratie“, weil ohne ihn die öffentliche Debatte ersticke und Institutionen nicht mehr zur Rechenschaft gezogen würden. Studien fanden heraus, dass Korruption in Gemeinden ohne Zeitungen oder Lokalsender zunimmt und die Wahlbeteiligung abnimmt. Grenzregionen treffe es dabei besonders hart, fand die Brookings Institution heraus. In dem entstandenen Informationsvakuum fallen polarisierende, oft auch extremistische Parolen auf besonders fruchtbaren Boden.

„Willkommen sind wir bis heute nicht“

Dem möchte „El Paso Matters“ vorbeugen. „Dabei hat niemand auf uns gewartet“, sagt Bob. Besonders am Anfang seien sie auf große Widerstände bei offiziellen Stellen gestoßen. Man habe sich erst einen Namen machen müssen. „Willkommen sind wir aber bis heute nicht“, sagt Elida, die Chefreporterin. „Manchmal müssen wir Behördenleiter ziemlich energisch auf ihre Informationspflichten hinweisen.“ Oft versuchten sie, die Reporter mit offiziellen Pressemitteilungen abzuspeisen, deren Wahrheitsgehalt kritischen Nachfragen oft nicht standhalte.

Bob sieht besonders die wachsende Macht der sozialen Medien kritisch. Dort habe sich eine Kultur des Hörensagens breitgemacht, gegen die man oft anschreiben müsse. „Unsere Recherchen haben häufig nichts mit den platten Narrativen in den sozialen Medien zu tun“, sagt Bob. „Unser Publikum muss sich darauf verlassen können, dass die Informationen bei uns Hand und Fuß haben – das ist unsere Währung.“

Bob führt die Konferenz ruhig, aber bestimmt. Die Reporter informieren die Kollegen des insgesamt 13-köpfigen Teams über die Fortschritte bei ihren Recherchen. Cindy will sich ein Bild von den Haftbedingungen in Fort Bliss machen, dem Gefängnis der Einwanderungsbehörde ICE. Sie sollen katastrophal sein, berichtete eine Bürgerrechtsorganisation. Bob hat die Geschichte eines Immigranten aus Guatemala recherchiert, der offenbar trotz richterlichen Einspruchs nach Afrika abgeschoben werden soll. „Ich habe die Story fast rund“, sagt Bob – er bekomme noch Einblick in Gerichtsakten.

Und Priscilla hat herausgefunden, dass eine Organisation von Abtreibungsgegnern offenbar vorsätzlich mit halbseidenen Informationen zur gesundheitlichen Gefährdung operiert. Die Abtreibungsgesetze in Texas gehören zu den rigidesten in den USA. Priscilla hat von einer Abtreibungsklinik im benachbarten Bundesstaat New Mexico erfahren, dass die Hälfte der texanischen Patientinnen mittlerweile aus El Paso kommt.

Bei der „Blattkritik“ hat Angela den Überblick. „Die erste Story zu Fort Bliss lief super“, berichtet sie. Auch die Abfragen bei Tiktok und Instagram gingen nach oben. „Gut“, sagt Bob und wirkt zufrieden. Diese Zahlen sind für ihn ein Indiz dafür, dass immer mehr jüngere User auf die Seite gehen. Sie sind Bob wichtig.

Überhaupt – er könne nicht meckern. „El Paso Matters“ wird 163.000-mal pro Monat angeklickt. 65 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Aus dem lokalen Randmedium ist ein Leitmedium geworden. Das zeigt sich auch an der breiteren Themenpalette. Anfangs ging es nur um lokale Politik. Jetzt auch um das kulturelle Leben in El Paso und das lokale Sportangebot.

„El Paso Matters“ ist sicherlich auch zur Erfolgsstory geworden, weil sich die Informationen nicht hinter einer Bezahlschranke verbergen. „Wir sind kostenlos geblieben, weil wir auch die sozial Schwächeren erreichen wollen“, sagt Bob. Viele könnten sich ein Abonnement gar nicht mehr leisten.

Onlinemagazin wird aus Spenden finanziert

„El Paso Matters“ finanziert sich ausschließlich über Spenden. Stiftungen wie die Ford- oder MacArthur-Foundation gaben in den letzten fünf Jahren 3,5 Millionen Dollar. Private Spender überwiesen Beträge zwischen fünf und 50.000 Dollar. Das Modell macht Schule unter den vielen gemeinnützigen Non-Profit-Initiativen, die es mittlerweile in der wachsenden Szene der amerikanischen Lokalmedien gibt.

Damit ist „El Paso Matters“ ein Beispiel für eine neue, erfolgversprechende Form des Lokaljournalismus. Chefreporterin Elida bringt es so auf den Punkt: „Wir machen hier einen verdammt wichtigen Job, finde ich.“

Diego ist übrigens nur Stunden später Vater geworden. Cisco heißt der Kleine.

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