Am späten Vormittag des Neujahrstags 2026 stehen rund 30 Männer und Jungen in der Mitte des Hermannsplatz in Berlin-Neukölln und rufen „Allahu Akbar“, „Gott ist groß“.
Hinter der Gruppe lehnen Schaufeln und Besen, in einer Schubkarre
liegen Holzkneifzangen, wie man sie vom Grillen kennt, daneben einige
riesige, orangefarbene Müllsäcke, prall gefüllt mit Böllerüberbleibseln. Jemand macht ein Gruppenfoto,
vor sich halten die Männer und Jungen zwei große Transparente; „Liebe
für Alle, Hass für Keinen“, steht auf einem davon, „Die Sauberkeit ist
die Hälfte des Glaubens“ auf dem anderen. Fast alle Männer tragen orangefarbene Warnwesten der Berliner Stadtreinigung, auf dem Rücken steht „Kehrenbürger“.  

Die meisten würden die Aufräumer am Neujahrstag für die BSR halten, erzählt der Imam.
© Marcus Glahn für DIE ZEIT

Jedes Jahr am ersten Januar veranstaltet die muslimische Reformgemeinde Ahmadiyya Muslim Jamaat in deutschen Innenstädten einen Neujahrsputz, um die Überreste von Böllern und Raketen der Silvesternacht wegzuräumen, seit mehr als dreißig Jahren. Mehr
als zehntausend Menschen in mehr als 240 Städten machten Angaben des
Verbands zufolge in den vergangenen Jahren bei der Aktion jeweils mit. Und obwohl der Neujahrsputz immer schon auch eine zumindest gesellschaftspolitische Ebene hatte, wirkt er nach einem Jahr,
in dem die AfD bei der Bundestagswahl zweitstärkste Kraft wurde und
Bundeskanzler Friedrich Merz öffentlich und (absichtlich) raunend über
das deutsche „Stadtbild“ nachdachte,
auf einmal maximal politisch. „Wir reden nicht über das Stadtbild. Wir
verbessern es“, hat die Berliner Ahmadiyya-Gemeinde ihre
Pressemitteilung betitelt. Mit der Aktion wolle man ein Zeichen setzen
für Verantwortungsbewusstsein, Integration und gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

Dass
der Neujahrsputz aber nicht nur eine PR-Aktion ist, versteht man, wenn
man einige Stunden vor dem Gruppenfoto in Orange beim ersten offiziellen
Gebet des Jahres in der Khadija-Moschee in Berlin-Pankow dabei ist. Draußen in der Dunkelheit vertröpfeln langsam die letzten Explosionen des Silvesterfeuerwerks, im Gebetsraum sitzen rund fünfzig Männer und hören Scharjil Khalid, einem der beiden Imame der Moschee, bei seiner Predigt zu. Er spricht darüber, dass 2025 ein schwieriges Jahr gewesen sei, ein Jahr vieler Anfeindungen gegen Muslime.
Er spricht aber auch darüber, wie wichtig es sei, das Jahr
rechtschaffen zu beginnen. Für einen guten Muslim sei die Liebe zur
Schöpfung genauso wichtig wie die Liebe zu Gott, und das sei auch der Grund für die
heutige Aktion, erklärt er. Der Neujahrsputz sei Dienst an der
Schöpfung, praktisch ein
Neujahrsvorsatz, den man sofort erfülle. Nach der Predigt liest ein
Gemeindemitglied das Neujahrsgrußwort des Bundesvorsitzenden der
Ahmadiyya-Muslime in Deutschland vor. Auch er ermahnt die Anwesenden, durch ihre Taten gute Beispiele zu sein – empfiehlt aber ebenso, im neuen Jahr auf regelmäßigen Sport und gesunde Ernährung zu achten.  

Imam Scharjil Khalid (31) nimmt unter deutschen Muslimen eine zunehmende Entfremdung wahr und sorgt sich.
© Marcus Glahn für DIE ZEIT

Die Ahmadiyya Muslim Jamaat, die in Deutschland rund 55.000 Mitglieder
zählt, ist eine relativ junge muslimische Glaubensrichtung. Gegründet im
späten 19. Jahrhundert in Indien, unterscheidet sich die Reformgemeinde
vor allem dadurch von anderen Strömungen, dass ihre Mitglieder den Gründer Mirza Ghulam Ahmad als den verheißenen wiedergekehrten Messias, oder Mahdi, verehren. Damit ist im Islam allerdings nicht der Sohn Gottes, sondern lediglich ein Prophet Gottes gemeint. Ihre Anhänger nennen sich Ahmadis. 

Der Prophet und Gründer der Ahmadiyya-Bewegung, umgeben von seinen Kalifen (Stellvertretern)
© Marcus Glahn für DIE ZEIT

In Pakistan, dem Heimatland vieler Ahmadis seit der Teilung von Indien, ist die Gemeinde starken Repressalien ausgesetzt. 1974
ließ das pakistanische Parlament die Reformgemeinde offiziell zu Nichtmuslimen erklären, seit 1984 ist es für ihre Mitglieder illegal,
sich als Muslime zu bezeichnen und islamische Gebote öffentlich zu
befolgen. 

Vor der Putzaktion gibt es Frühstück im Gemeindehaus der Moschee.
© Marcus Glahn für DIE ZEIT

Viele
der Ahmadis, die heute in Deutschland leben, kamen deshalb als
Asylsuchende hierher. Und genau das mache die derzeitige
gesellschaftliche Lage in Deutschland besonders bedrohlich für sie,
erzählt der Imam Scharjil Khalid,
während die Gemeindemitglieder frühstücken. Doch auch für die
Mitglieder mit deutscher Staatsbürgerschaft war 2025 ein schwieriges
Jahr, sagt er. „Es war ein Jahr, das von vielen Debatten geprägt war, bei denen auch Muslime stark im Fokus standen, besonders als Gefährdergruppe, als problematische Gruppe“, sagt Khalid. 

© ZEIT ONLINE

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Er selbst geriet im vergangenen Jahr mit einem Kolumnisten der B.Z. aneinander. Es ging dabei um den Nahen Osten. Khalid hatte in einem Gastbeitrag in der Berliner Zeitung über
antimuslimischen Rassismus Israel „mörderischen Rassismus“ vorgeworfen und Deutschland angeklagt, diesen mit Waffenlieferungen zu
unterstützen. Der Vorwurf des Kolumnisten: Khalid meine damit den Krieg
gegen die Hamas, außerdem habe er den 7. Oktober 2023 nicht erwähnt.
Khalid schrieb eine Replik. Er erklärte, dass er sich mit seinem Vorwurf
an Israel nicht auf den Krieg gegen die Hamas bezogen habe, sondern auf die Tode palästinensischer Zivilisten. Außerdem wies er den Kolumnisten
darauf hin, dass die Ahmadiyya der einzige muslimische Verband in
Deutschland mit einer eigenen Gemeinde in Israel sei, und im Anschluss
an den Anschlag vom 7. Oktober Friedensgebete mit jüdischen Gemeinden in
mehreren deutschen Städten organisiert hätte. Der Kolumnist schrieb
keine Replik. 

Bei Muslimen, sagt der Imam, bemerke er generell aufgrund der gesellschaftlichen Entwicklung der vergangenen Monate und Jahre eine gewisse Entfremdung von Deutschland: „Viele sagen mir: Ich habe gar keine großen Erwartungen an die Politik mehr. So wie die bundespolitische Entwicklung ist, sind wir jetzt der Sündenbock.“ 

Kurzes Gebet vor dem Neujahrsputz
© Marcus Glahn für DIE ZEIT

Die Sonnenallee ist sauberer in diesem Jahr – Arbeit gibt es trotzdem jede Menge.
© Marcus Glahn für DIE ZEIT

Nach dem Frühstück ziehen die Männer vor der Moschee die BSR-Westen an. Ein kurzes Gebet, dann
teilt sich die Gruppe auf, die Hälfte will vor dem Rathaus Pankow
aufräumen, der Rest fährt nach Neukölln. Vor dem Rathaus warten schon
einige Kamerateams, Khalid gibt Interviews, in denen er immer wieder
erklärt, dass diese Aktion nicht in erster Linie als Statement stattfindet. Ein paar Grundschuljungs mit schwarzen Kappen, auf denen „Muslime für Frieden“ steht, und „Kehrenbürger“-Westen spielen mit zwei Besen, der Gemeindevorsitzende verteilt Schaufeln und Müllsäcke. Die
Gruppe bewegt sich in Richtung Sonnenallee, die vielleicht aufgrund
der Böllerverbotszone heute weniger verwüstet aussieht als an anderen
Neujahrstagen. Die Männer putzen sich vorwärts, manche Stellen müssen
sie richtiggehend schrubben, bevor sich der rote Böllerbrei vom Asphalt löst. In der Kneipe
Bierbaum 2 ist zumindest stimmungstechnisch noch Silvester, eine Frau
tritt vor die Tür, bedankt sich mit heiserer Stimme und gibt dem
Gemeindevorsteher zehn Euro für die Gemeindekasse. Sie hätten noch nicht viele Anfeindungen
beim Neujahrsputz erlebt, erzählt der Imam. „Dafür sind zu wenige wach –
und die meisten halten uns eh für die Stadtreinigung“, fügt er dann
hinzu und lacht. 

Farhad Tahir (28) dachte vor zwei Jahren kurz ans Auswandern – und entschied sich dann um. Zu deutsch, sagt er.
© Marcus Glahn für DIE ZEIT

Farhad
Tahir filmt alles mit seinem Handy mit. Der 28-Jährige kommt aus Mainz,
seine Eltern zogen vor seiner Geburt aus Pakistan nach Deutschland.
Hier in Berlin arbeitet er freiberuflich als Regisseur und kümmert sich
ehrenamtlich um die Social-Media-Plattformen der Gemeinde. Ein Instagram-Post, der in diesem Jahr im Vorfeld über den Neujahrsputz berichtete, hätte mehr als 5.000 Kommentare bekommen, sagt er: „Da waren schon so 95 Prozent negativ.“

Vor zwei Jahren habe Tahir kurz überlegt auszuwandern, sagt er. Nach England vielleicht, dachte er damals, weil es da eine große pakistanische Community gebe, und er hoffte, in England als Regisseur leichter Arbeit zu finden als hier. Er habe es dann nicht gemacht – „weil wenn ich gehe, wer putzt dann hier? Wenn jeder Dritte, der hier ist, geht, dann sind ja kaum noch Leute für den Neujahrsputz da.“ Außerdem sei Deutschland einfach sein Land. „Ich bin deutsch durch und durch – ich liebe meine Heimat“, sagt er und lacht. 

An manchen Stellen lässt sich der festgetretene Böllermatsch nur mit Schrubben entfernen.
© Marcus Glahn für DIE ZEIT

Nach
etwas mehr als einer Stunde kommt die Putzkolonne am Hermannplatz an.
Links und rechts an der Straße stehen jetzt orangefarbene Müllsäcke, die
die BSR später abholen wird.
Die Männer stellen sich fürs Abschlussfoto auf, sie scherzen, dann
beten sie kurz. Dann rufen sie, alle zusammen „Allahu Akbar“ – dann ruft
einer „Berlin“, und alle lachen. Weil sie das alles eben nicht nur als Muslime oder Bewohner der Bundesrepublik gemacht haben, sondern als Muslime und Bewohner der Bundesrepublik.