Es gibt diese Momente im Leben, bei denen auf die Frage „Wo warst Du als …?“ das Bild sowohl des Ereignisses als auch der persönlichen Umgebung sofort vor dem inneren Auge erscheint. Meine persönlichen Top-Momente: der Mauerfall, der Anschlag auf das World Trade Center und die Ankunft des Sohnemanns.
Auch sportlich gibt es diese Momente, wie der Sieg Hans-Joachim Hartnicks bei der Friedensfahrt oder Waldemar Cierpinski und Heinz-Florian Oertel im Marathon bei den Olympischen Spielen. Doch auch aus Union-Sicht gibt es da einige solcher Erlebnisse. Für Fans des 1. FC Union Berlin, älter als ich es bin, der Pokalsieg in Halle 1968. Aber auch der erste Sieg gegen die Weißwein-Roten nach Wiederaufstieg 1976 auf der Zickenwiese, der Sieg im FDGB-Pokalhalbfinale in Dresden im Mai 1985, der Klassenerhalt in der „Stadt mit den 3 Os“ 1988, das erste Freundschafts-Stadtderby im Januar 1990, das Pokalfinale 2001, der Aufstieg 2019. Und was gibt es Schöneres, als die obige Frage auf Union-Ereignisse stolz zu beantworten mit: natürlich im Stadion!
Leopold Querfeld und das Tor, das gar nicht fallen konnte
Im gerade zurückliegenden Jahr 2025 ist ein solcher Moment für mich dazugekommen. Als Leopold Querfeld zu Ostern dieses Wahnsinnstor beim 4:4 gegen den VfB Stuttgart schoss. Es war der unwahrscheinlichste Schuss, welcher seit Berechnung der Torwahrscheinlichkeit in der Bundesliga den Weg ins Tor gefunden hat. Aus 35 Metern, mit 118 km/h. Der geht statistisch bei 100 Versuchen einmal rein. Das Tor von Andrej Ilic zum 4:4-Halbzeitstand machte diesen gleichzeitig zur torreichsten ersten Hälfte der Bundesligageschichte. Wahnsinn! Dies mit meinem Sohn im Stadion erlebt zu haben – unbezahlbar! Das ist die Union-Geschichte des Jahres 2025, die bleibt. Für immer.
Auch erwähnenswert: Ein Jahr ist vorüber, und der Trainer ist immer noch da. Hurra! Das hängt natürlich mit dem Klassenerhalt zusammen, der auch dank des Unentschiedens an Ostern erreicht wurde. Hätte man sich ein paar Wochen vorher beim 0:1 gegen Kiel an gleicher Stelle, mein persönlicher Jahres-Union-Tiefpunkt, kaum vorstellen können. Daher als Fazit: 2025 war ein gutes Jahr, weil Klassenerhalt. Das Einzige, was zählt.
Aber natürlich auch wegen der Leistungen der vergangenen Wochen vor dem Fest. Es sieht langsam so aus, als ob da unter Steffen Baumgart zusammenwächst, was zusammengehört. Und wäre uns der Ausgleich gelungen im Pokal gegen den FC Bayern … Wer weiß. Gefühlt waren es die Auswärtsspiele, welche die Moral gehoben, zusammengeschweißt haben. Wie die furiose Erlösung im Waldstadion, als es gerade nicht so lief, das Feuerwerk am Millerntor, Hennes’ Enthörnung im Advent. Das hat einige unter uns schon wieder zu Träumern unterm Weihnachtsbaum werden lassen.
Hoffen wir, dass daraus am 10. Januar kein Albtraum wird; dass das offene Wechselfenster keine allzu großen Lücken in die Abwehr oder sonst wo reißt, welche dann hoffentlich schnell wieder gestopft werden. Und dass uns nicht zwei Fußballgötter mit Pappnasen auf dem Platz und einer daneben den Narrhallamarsch blasen. Dieses erste Spiel im Jahr 2026 hat das Zeug zum Fingerzeig, den keiner will. Am besten 0:0, ohne sich wehzutun?
Zu hoffen ist auch, dass die Stimmung am 10. Januar mindestens so ist wie nach Christian Arbeits Ruckrede an gleicher Stelle am 19. Januar des zurückliegenden Jahres gegen selbigen Gegner. Leider, so ist nach Diskussionen nicht nur mein Eindruck, hat diese – speziell auf der Gegengeraden – in den zurückliegenden Monaten etwas nachgelassen. Sicher, vorher Hymne und dann Wechselgesänge. Nach Tor sowieso oder gegen Gegner, mit denen uns Emotionen verbinden. Aber nicht immer, nicht mehr durchgehend, nicht mehr die Mannschaft so bedingungslos antreibend.
Liegt es an der Normalität der Bundesliga? An Bequemlichkeit, auch meiner eigenen? An der Dominanz der Waldseite als Stadionanimateur? Früher hat diese auch mal Lieder der Gegengerade aufgenommen, heute kommen diese viel zu selten. Liegt es eventuell daran, dass etliche Gegengeraden-Karten durch Mitglieder an Freunde weitergegeben werden? Freunde, die zwar interessiert, aber keine Fans sind. Denen ohne persönliche Stadionbetreuung nicht bewusst ist, dass sie mit Annahme einer Mitglieder- oder Leih-Dauerkarte auch die Verpflichtung übernehmen, laut zu singen.
Falschkörper auf der Gegengeraden in der Alten Försterei
Oder liegt es an dem wachsenden Angebot an Mitgliedertickets auf Verkaufsplattformen? Dass dies zum Problem wird, hat auch Union erkannt. Denn jeder Tourist, der den Event konsumiert, ohne von einem Mitglied „eingeführt“ zu werden, ist ein singendes Mitglied weniger im Stadion. Wer ein Ticket auf einer Plattform für 200 Euro kauft, geht mit der Erwartung in die Alte Försterei, ein stimmungsvolles Erlebnis serviert zu bekommen. Der erwirbt leider nicht die Verpflichtung, daran aktiv mitzuwirken. Leute, die rumstehen wie Falschkörper, die absaugen, ohne beizutragen. Weil ihnen, den Viagogo-Event-Touristen, leider nicht klar ist, dass sie es sind, die eben jenes Stimmungserlebnis zerstören, welches sie mit dem Ticket glauben, erworben zu haben.

Privat
Unser Autor
Andras Ruppert, in Berlin-Lichtenberg aufgewachsen, ist studierter Volkswirt und weltweit als Strategieberater tätig. Seit mehr als 40 Jahren Union-Fan mit Dauerkarte wohnt er seit mehr als 20 Jahren mit Frau und Sohn in Oslo, Norwegen. Er ist Mitgründer des norwegischen Union-Fanklubs Bamsegjengen, bekennender Metalhead, Geschichtsnerd und Münzsammler. In unregelmäßigen Abständen schreibt er für die Berliner Zeitung über seinen Herzensverein.
Daher meinen Neujahrswunsch an alle Union-Mitglieder für das neue Jahr: Kauft keine Tickets, die ihr selber oder euer direktes Umfeld nicht braucht. Und wenn ihr eins übrig habt, verkauft es direkt im Union-Zweitmarkt. Wer Tickets an Nicht-Mitglieder verscherbelt, wird zum Dieb: Am Mitglied, das nicht ins Stadion kommt, und an der Stimmung.
Denn nur wenn die Stimmung in der Alten Försterei durchgehend vor An- bis nach Abpfiff so ist, wie wir sie uns alle wünschen, so wie wir und die Jungs auf dem Platz sie brauchen, als die Luft zum Atmen, dann klappt es auch mit den Heimsiegen gegen Mannschaften, die hinter uns und vor uns stehen. Schon mit dem Auftakt gegen Narrenbekäppten. Und dann gegen Stuttgart, Hoppistan, Dortmund. Wenn das klappt, können wir alle weiter träumen. Nicht nur vom Nichtabstieg. Der ist Pflicht. Sondern von der Kür: Union international.