Bestatter Claus Frankenheim ist seit Jahrzehnten im Geschäft. Viele Menschen hat der 64-Jährige auf ihrem letzten Weg begleitet. Dabei hat ihn in den vergangenen Jahren ein Thema immer mehr beschäftigt: der Verlust althergebrachter Trauerrituale und die damit einhergehende Distanz zum Tod und zu den Toten. Aussagen wie „Ich kann keine Toten sehen“ oder „Ich behalte ihn lieber so in Erinnerung, wie er im Leben war“ hört er häufig. Oft treffen diejenigen, die so oder so ähnlich denken, dann erst am Tag der Einäscherung oder der Beisetzung auf den Sarg beziehungsweise die Urne mit den sterblichen Überresten des Angehörigen.
Frankenheim und seine Nachfolger im Institut an der Münsterstraße respektieren das, betrachten es aber durchaus mit Skepsis und versuchen, Brücken hin zu einer anderen Herangehensweise zu bauen. „Es bleibt sonst eine Leerstelle, bei der vieles einfach nicht aufgearbeitet wird und am Ende auch der dringend benötigte Trost auf der Strecke bleibt“, sagt der Düsseldorfer. Am Ende könne dann aus der eigentlich erwarteten Entlastung durch Verdrängen eine mit der Zeit anwachsende Belastung werden. Deshalb will der Bestatter Hinterbliebenen, die bereit sind, sich zu öffnen, vermitteln, wie wertvoll ein bewusster Abschied am offenen Sarg mit Anschauung des Toten ist.
Nicht immer treffen der 64-Jährige und seine Nachfolger auf sofortige Zustimmung. „Aber alle, die sich darauf einlassen, sind im Nachhinein unheimlich dankbar für diese besonders gestaltete, letzte Begegnung“, meint Frankenheim. Das Thema liegt ihm so sehr am Herzen, dass er bei katholisch getauften Verstorbenen versucht, für den Abschied am offenen Sarg einen Priester hinzuzuziehen. „Aussegnung“ nennt Frankenheim das, weil der Priester dann nicht nur betet, sondern meist auch Weihwasser mithilfe eines Aspergills auf den Leichnam und die Umstehenden versprengt.
Anfangs, so der Bestatter, habe er ein schlechtes Gewissen gehabt, die überlasteten Geistlichen, die nicht selten 60 bis 70 Stunden in der Woche arbeiteten, mit einer weiteren Aufgabe on-top zu behelligen. „In einigen Fällen habe ich tatsächlich erst einmal Überzeugungsarbeit leisten müssen, denn schließlich hat die Segnung eines Leichnams im Vorfeld der Beisetzung nichts mit dem in der katholischen Lehre fest verankerten Sakrament der Krankensalbung zu tun, das den Lebenden vorbehalten ist“, sagt Frankenheim. Inzwischen kennt er eine Handvoll Priester, die gerne – auch auf kurzfristigen Zuruf – in das Institut kommen, um den Trauernden am offenen Sarg Mut und Zuversicht zu geben.
Zu denen, die bereits einige Male vor Ort waren, gehört Stadtdechant Frank Heidkamp. „Diese Art der Aussegnung ist tatsächlich eine Besonderheit, um die ich von anderen Bestattern noch nicht gebeten wurde. Mein Eindruck ist, dass meine Präsenz am Sarg den Abschied nehmenden Menschen gutgetan hat“, sagt er. Die Wiederentdeckung des Wertes von Trauerritualen ist dem Pfarrer von St. Lambertus ein Anliegen. So sei es bis ins 20. Jahrhundert hinein üblich gewesen, Verstorbene mindestens einen Tag lang in der „guten Stube“ aufzubahren. Dann seien Verwandte und Nachbarn gekommen, um zu kondolieren oder gemeinsam den Rosenkranz zu beten. Und in vielen Gegenden habe es Klagefrauen aus der Nachbarschaft gegeben, die den Toten laut beweint hätten. „Das waren wichtige Rituale, um zu verstehen, dass jemand sein irdisches Leben beendet hat und dabei ist, den Kreis der Familie zu verlassen“, sagt Heidkamp.
Der heutige Ablauf, bei dem die Schwerstkranken meist in eine Klinik kommen und dann plötzlich „einfach weg“ seien, vergrößere die durch den Wegfall der Rituale gerissene Lücke noch. Nachdenklich macht es ihn, wenn in Heimen oder Kliniken, Sterbende in Nebenräume gebracht oder provisorische Trennwände aufgebaut würden, nur damit Zimmergenossen oder Besucher nicht mit dem Sterben in Berührung kommen.
Heidkamp findet es deshalb gut, wenn Menschen, die im Krankenhaus verstorben sind, für einen bewussten Abschied noch einmal nach Hause geholt werden oder wenn daheim Verstorbene erst am nächsten Morgen von einem Institut abgeholt werden. „Ich habe einzelne Fälle erlebt, in denen sich ein Mann oder eine Frau noch ein paar Stunden neben den gerade verstorbenen Partner legen, um in Ruhe von ihm Abschied nehmen zu können“, sagt der Seelsorger, der davon überzeugt ist, dass solche letzten Momente der Seele guttun können. Leider sorgten nach wie vor Erzählungen, wonach eine Leiche Gifte in sich trage und auch ausdünste, die negative Auswirkungen auf die Gesundheit der Umstehenden haben könnten, für Verunsicherung. „Wissenschaftlich ist das längst widerlegt, aber manche Sachen halten sich hartnäckig“, sagt Heidkamp.
Als Seelsorger hat er wahrgenommen, dass es gläubigen Menschen meist leichter falle, mit dem Sterben umzugehen. Denn für Christen sei der Tod nicht nur vernichtend und schrecklich, er markiere immer auch den Übergang in ein neues und frohes Leben und sei eng mit dem Glauben an die Auferstehung verknüpft. „Wer dagegen in ein schwarzes Loch, in ein Nichts blickt, will von all dem möglichst wenig wissen.“ Mit Blick auf die Zukunft des Abschiednehmens ist der Stadtdechant vorsichtig optimistisch: „Mein Eindruck ist, dass seit ein paar Jahren wieder mehr und bewusster über den Tod gesprochen wird und zumindest einige den Wert von Ritualen neu schätzen lernen.“