Meinung

Die USA und China werden zu «Schurkenstaaten» im globalen Handel

Beide Hegemonialmächte schaden der Weltwirtschaft massiv. Während Amerika protektionistischer agiert, wird China merkantilistischer.

Kommentar von

Arvind Subramanian

Publiziert heute um 08:03 Uhr Zerbrochene Schachfiguren mit US- und China-Flaggen, symbolisieren Handelskonflikt zwischen den beiden Nationen.

Statt globale Werte zu schaffen, verursachen China und die USA weltweit wirtschaftliche Kosten, wobei sie sich hier gegenseitig noch verstärken.

Bild: Just_Super/iStockphoto/Getty Images

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2025 wird wohl als das Jahr in Erinnerung bleiben, in dem US-Präsident Donald Trump das globale Handelssystem auf den Kopf gestellt hat. Aber in Wahrheit werden beide weltweiten Hegemonialmächte immer mehr zu Schurkenstaaten: die USA und auch China.

Amerika agiert immer protektionistischer und China immer merkantilistischer. So werden die beiden zu Plagen, unter denen der Rest der Welt zu leiden hat, insbesondere die Entwicklungsländer.

Von manchen wird die heutige Welt (in Anlehnung an Staatengruppen wie die G-7 oder die G-20) als G-Zero-Welt bezeichnet, da es ihr an Führung fehlt. Aber noch zutreffender könnte man sie «G-minus-2-Welt» nennen. Statt globale Werte zu schaffen, verursachen China und die USA weltweit wirtschaftliche Kosten, wobei sie sich hier gegenseitig noch verstärken.

Grösster Markt der Welt

In gewisser Weise hat der chinesische Merkantilismus den US-Protektionismus erst hervorgebracht: Trumps langjährige Zollbesessenheit geht auf seine wütende Überzeugung zurück, dass ausländische Handelsüberschüsse der amerikanischen Wirtschaft, insbesondere dem verarbeitenden Gewerbe, geschadet hätten. Gemäss dieser Weltanschauung ist China mit seinem konstant hohen Handelsüberschuss der grösste Provokateur, auch wenn der US-Präsident noch weitere Länder ins Visier genommen hat.

Trumps «Liberation Day»-Zölle vom April und die darauf folgenden Turbulenzen haben die USA zu einer der protektionistischsten Volkswirtschaften der Welt gemacht. Im Durchschnitt sind die Zölle auf Warenexporte in den grössten Markt der Welt von knapp über 2 auf 17% gestiegen, was einer Verachtfachung entspricht.

«Die Einschränkung einer derart willkürlichen und absurden Ausübung der präsidialen Autorität ist die Kernaufgabe des Gerichts.»

Der Zugang zu den US-Märkten wurde nicht nur eingeschränkt, sondern ist auch viel unsicherer geworden, da Zölle zu einem Instrument geworden sind, mit dem der Präsident seinen unberechenbaren Launen nachgeben und private Interessen fördern kann.

In Gerichtsverfahren, in denen Trumps Rechtfertigung für solche massiven Zölle angefochten wurde, hat das Oberste Gericht signalisiert, dass es die Befugnis der Exekutive, zu bestimmen, was als Bedrohung der nationalen Sicherheit gilt, nicht im Nachhinein anzweifeln wird.

Dabei scheint es egal zu sein, dass genau diese Befugnis (implizit) aufgerufen wurde, Brasilien aus rein politischen Gründen ins Visier zu nehmen – und Indien dafür zu bestrafen, dass es Trumps Behauptung widersprochen hat, er habe im Mai im Grenzkonflikt mit Pakistan Frieden geschaffen.

Die Einschränkung einer derart willkürlichen und absurden Ausübung der präsidialen Autorität ist sicherlich die Kernaufgabe des Gerichts. Aber selbst wenn es gegen Trump entscheiden sollte, wird er andere Möglichkeiten haben, die gleiche protektionistische Agenda zu verfolgen, und die Handelspartner der USA müssen weiterhin in einem Nebel der Unsicherheit agieren.

Merkantilistisch seit Kaisers Zeiten

Zwar wurden die direkten Auswirkungen von Trumps Zöllen auf andere Länder durch sonstige Entwicklungen in der US-Wirtschaft überschattet, insbesondere durch den KI-Boom, der die Nachfrage und die Importe angekurbelt hat. Aber es gab auch indirekte Auswirkungen, darunter vor allem den chinesischen Merkantilismus.

Natürlich ist diese merkantilistische Politik seit Jahrhunderten in Chinas wirtschaftlicher DNA verankert. Die «Financial Times» schrieb kürzlich, China mache den Handel unmöglich, weil «es nichts importieren will, von dem es glaubt, es besser und billiger herstellen zu können».

Diese Neigung geht bis auf das Jahr 1793 zurück, als Lord Macartney, der Gesandte des britischen Imperiums, China besuchte, um Kaiser Qianlong davon zu überzeugen, den chinesischen Markt für britische Waren zu öffnen.

Der Kaiser antwortete daraufhin prahlerisch: «Unser himmlisches Reich verfügt über alles in reichlicher Fülle, und es mangelt ihm innerhalb seiner eigenen Grenzen an keinem Produkt. Es besteht daher keine Notwendigkeit, die Erzeugnisse fremder Barbaren im Austausch gegen unsere eigenen Güter zu importieren. Da jedoch der Tee, die Seide und das Porzellan, die das Reich der Mitte herstellt, für die europäischen Nationen und für Sie selbst unverzichtbar sind, haben wir als Zeichen unserer Gunst erlaubt, dass ausländische Hongs (Handelshäuser) in Kanton gegründet werden, damit Ihre Bedürfnisse befriedigt werden und Ihr Land so an unserer Wohltätigkeit teilhaben kann.»

«Es wird immer deutlicher, dass Chinas Exporte nicht das Ergebnis eines natürlichen Vorteils sind, sondern durch seine Wechselkurspolitik gestützt werden.»

Heute können wir eine ähnliche Haltung erkennen, und der chinesische Merkantilismus hat sich durch Trumps Zölle noch weiter verschärft. Da der Zugang zu den US-Märkten eingeschränkt wurde und das chinesische Wachstumsmodell nach wie vor stark von Exporten abhängig ist, konzentriert sich die chinesische Regierungsmaschinerie darauf, Märkte in anderen Regionen zu erobern, insbesondere in Südostasien. So wurde eine tief verwurzelte Neigung durch unmittelbare wirtschaftliche Notwendigkeit noch verstärkt.

Wie Shoumitro Chatterjee und ich dokumentiert haben, sind die chinesischen Exporte von Waren mit geringer Wertschöpfung in Entwicklungsländer stark gestiegen und untergraben die Wettbewerbsfähigkeit der dort heimischen Industrien. Trotz steigender Löhne hat China nach wie vor einen grossen Anteil an den weltweiten Ausfuhren – auch in Bereichen, in denen es eigentlich Platz für ärmere Länder hätte machen müssen.

Darüber hinaus wird immer deutlicher, dass Chinas Exporte nicht das Ergebnis eines natürlichen Vorteils sind, sondern durch seine Wechselkurspolitik gestützt werden. Wie Brad Setser vom Council on Foreign Relations und andere argumentiert haben, ist der Renminbi um etwa 20% unterbewertet.

Ins Stocken geraten

Während also Trumps Zölle den chinesischen Merkantilismus verschärfen, leiten die Entwicklungs- und Schwellenländer eine weitere Runde des Protektionismus ein, um ihre heimischen Industrien vor dem chinesischen Ansturm zu schützen. Mexiko beispielsweise hat gerade Zölle auf Waren aus China und Indien verhängt.

Aber auch wenn andere Länder vor allem versuchen, sich gegen China abzuschirmen, ist es in der heutigen Welt komplexer Lieferketten schwierig, nur ein einziges Land ins Visier zu nehmen. Protektionismus wird so unweigerlich zu einem breiteren Phänomen.

Was bedeutet das für die nahe Zukunft? In einer aktuellen Studie haben Dev Patel, Justin Sandefur und ich festgestellt, dass die schnelle Annäherung der Entwicklungs- und Schwellenländer an den westlichen Lebensstandard in den letzten zehn Jahren ins Stocken geraten ist. Das verlangsamte Wachstum dort fiel mit der Umkehrung der Globalisierung zusammen.

Exporte von Produkten mit geringer Wertschöpfung wie Textilien, Bekleidung und Möbeln sind der Motor der Entwicklung. Wird diese Entwicklung gebremst, werden die ärmsten Menschen in den ärmsten Teilen der Welt die ersten Opfer sein, und schuld daran sind die beiden globalen Hegemonialmächte.

Die USA und China haben mehr gemeinsam, als sie glauben möchten. Beide reissen sich die Weltwirtschaft unter den Nagel und schränken die Handelsmöglichkeiten für alle anderen ein.

Arvind Subramanian ist Senior Fellow am Peterson Institute for International Economics und Co-Autor (mit Devesh Kapur) von «A Sixth of Humanity: Independent India’s Development Odyssey».

Copyright: Project Syndicate

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