Chris Schneider hat gerne einen genauen Plan. Es passiert in seinem Leben selten, dass er den strukturierten Weg verlässt zu Gunsten einer fixen Idee, die sich dann nach ein paarmal aufgeregt Aufwachen doch als Flop entpuppt. Einige Jahre hat diese Wesensart einen Keil zwischen den 37-Jährigen und das Unternehmertum getrieben. Verlässliches Gehalt für seinen Job in der Werbebranche von dem er bis zu acht Mal im Jahr in den Urlaub fahren konnte, dazu quasi kein Risiko, da gibt man das sichere Angestelltenverhältnis nicht einfach so auf, wenn die Abenteuerlust einen einmal kitzelt. Wie damals nach dem Studium, als Schneider mit seinem besten Freund Tim Stutzenstein nach Australien reiste und dort in Bars und Cafés arbeitete. „Da meldete sich zum ersten Mal der Wunsch, ein eigenes Café aufzumachen“, sagt Schneider. Ein Schubsen in die berufliche Freiheit, dem Schneider zunächst widerstehen konnte. Erst gut zehn Jahre später ist er gesprungen.

Ein bisschen nachgeholfen hat der Gründerzuschuss der Agentur für Arbeit. Gefördert werden grundsätzlich Empfängerinnen und Empfänger von Arbeitslosengeld 1, die aus der Erwerbslosigkeit die Abfahrt in die hauptberufliche Selbständigkeit nehmen. Köln-Business hat im vergangenen Jahr rund 1500 Beratungsgespräche geführt und 650 Gründungen begleitet, etwa jeder Zweite bezog nach Auskunft von Köln-Business zum Zeitpunkt der Beratung Arbeitslosengeld, erhielt also eine Anschubfinanzierung: Das Arbeitslosengeld fließt weitere sechs Monate auf das Konto des neuen Selbständigen, auch wenn dieser mit seiner Tätigkeit schon Einnahmen generiert. Wie Fahrradfahren lernen und der Vater hält rennend die Hand am Gepäckträger. Für die Stabilisierung.

Neben Chris Schneider rennt eine stützende Hand noch bis Januar hinterher. Dann muss er selbst auf Kurs bleiben. Furcht ist in seinem Gesicht nicht zu erkennen. Eher Vorfreude und Neugier. Schneider sitzt an einem der silbern glänzenden Tische im Eckcafé in der Nähe des Barbarossaplatzes. „Erste Liebe“ steht auf der Karte. Draußen quietscht die Straßenbahn vorüber, manchmal winkt ein Bekannter durch die große Fensterfront. Sein früherer Job in der Werbebranche sei total ok gewesen. „Aber ich will eben nicht nur ok. Ich will happy sein“, sagt Schneider. Heute gebe es keinen Morgen, an dem er aufstehe und sich nicht auf den Laden freue.

Ich will eben nicht nur ok. Ich will happy sein

Chris Schneider, Mitgründer des Cafés „Erste Liebe“

Die Freude trage ihn über Monate ohne freie Tage, ohne Urlaub. Selbst planen, selbst entscheiden, einen großen Teil der Faszination Selbständigkeit macht natürlich die Freiheit aus. Aber in Schneiders Fall gesellt sich noch die besondere Atmosphäre dieses Orts hinzu: „Ich sehe hier im Café jeden Tag Menschen, die gerne kommen, die mit anderen lachen, sich unterhalten, eine gute Zeit haben, eine Pause von dieser Welt machen. Das ist im Büro ja oft nicht ganz so ausgeprägt“, sagt Schneider. Manchmal kämen auch Freunde. Ein besonders guter fast täglich mit seinem kleinen Sohn. „Der ist noch keine zwei und kann schon Kokosmilch bestellen. Ich genieße es, dass ich ihn so oft sehe, das war früher nicht möglich.“

Nicole Bütow war arbeitslos und hat den Schritt in die Selbständigkeit gewagt. Sie hat ein Lerninstitut gegründet und berät Familien in schwierigen Situationen. Sie steht in einem Raum mit Kinder-Deko und lacht in die Kamera.

Nicole Bütow hat ein Lerninstitut gegründet und berät Familien in schwierigen Situationen.

Nicole Bütow fährt schon seit einem guten halben Jahr allein. Sie hat sich mit einem Lerninstitut und einer Coaching- und Beratungsfirma im Herbst 2024 selbständig gemacht. Sie spricht von „Herzensprojekten“. Sie hilft derzeit 15 Kindern mit Lernblockaden oder Lernschwierigkeiten – oft beim Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium –, aber auch Jugendlichen und Erwachsenen bei der Aneignung von Wissen. In vielen Schulen und auch in vielen Familien sei die Zeit, um Lernstrategien einzuüben, einfach zu knapp. Die Pädagogin hat 17 Jahre in der Psychiatrie und in einem Mutter-Kind-Haus gearbeitet. Am Ende sei die Belastung zu groß geworden, den Fokus auf die Begleitung von Kindern wollte Bütow aber nicht verlieren. „Mein Freiheitsgefühl war stark ausgeprägt. Ich wollte selbst nach Fachkompetenz und meinem Gewissen entscheiden. Als Angestellte kann man das naturgemäß nicht immer“, sagt die 41 Jahre alte Erziehungswissenschaftlerin.

Ich kann Termine legen, wie ich will. Ich kann in Ruhe in den Tag starten. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen

Nicole Bütow, Gründerin des Lerninstituts „Smartis“

Sie sitzt in den Räumlichkeiten einer Kindertagesstätte in einer ruhigen Wohnstraße von Braunsfeld. Hier stand ein großer Raum leer, den sie mit mobilen Wänden in gemütliche Lerneinheiten für das Angebot „Smartis“ einteilen konnte. Gekündigt hat sie ihren Job auf Anraten einer Ärztin, die ein beginnendes Burnout auf Bütow zurasen sah. „Ich habe die Reißleine gezogen.“ Aus diesem Grund fiel auch die Sperre beim Arbeitslosengeld weg. Was vor allem deshalb gut war, weil sie auf diese Weise sofort Beratung von der Arbeitsagentur erhielt. „Ich habe zwei drei Wochen nachgedacht, dann habe ich gefragt: Ich will eigentlich in die Selbständigkeit. Wäre das eine Idee?“ Natürlich galt es, erstmal einige Fragen zu beantworten: Ist das Geschäftsmodell tragfähig? Wie sieht das Entwicklungspotenzial aus? Wie hoch sind die Kosten? Das Wort Businessplan krachte in Bütows Leben und damit auch Excel-Tabellen und kaufmännisches Rechnen. „Ein Konzept zu schreiben fiel mir leicht, aber die Sache mit dem Finanzplan war jetzt nicht mein Steckenpferd“, gibt Bütow lachend zu. Aber sie hat sich mit guter Beratung durchgebissen. Was sie jetzt erntet: „Flexibilität und Selbstverantwortung. Ich kann Termine legen, wie ich will. Ich kann in Ruhe in den Tag starten. Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen.“

Bütow geht in ihrer neuen Rolle auf. Sie zeigt Lernspiele, packt Lernkarten aus, sie laminiert Bilder von Schwimmbädern und Kinoleinwänden, um das Vokabeltraining für ihre jungen Kunden zum Memory-Spiel umzugestalten und damit die Motivation zu steigern. Auch um Lernumgebung geht es. „Es gibt Familien, da streitet man sich um den Lernort. Aber manchmal muss das Kind die Hausaufgaben nicht am Tisch machen. Manchmal geht es unter dem Tisch sogar besser.“ Sie strahlt aus blauen Augen. „Sei mutig“ steht über dem Bild eines gemalten Löwen, der an der Wand hängt. „Träume groß!“ über einem kleinen Elefanten. Es gibt Momente, an denen Bütow sich mit den anfeuernden Tieren selbst motiviert. Denn natürlich gibt es da auch die schattige Seite der Selbständigkeit. Tage, an denen es zieht. Rücklagen, die schmelzen, weil die Krankenversicherung, die Rentenversicherung, die Arbeitslosenversicherung, die Berufshaftpflicht und so weiter abbuchen, egal ob Bütow zahlende Kunden hat oder nicht. „Natürlich mache ich mir manchmal auch Sorgen. Nennen Sie es dumm oder mutig, aber ein halbes Jahr nach mir hat sich auch noch mein Mann selbständig gemacht.“

Auch Chris Schneider kennt die Tage des Zweifels. Allein der Umbau des Ladens habe viel Geld verschlungen, obwohl die Geschäftspartner selbst anpackten und vier Container Schutt aus der ehemaligen Frikadellenbraterei herausschafften. Den Kredit dafür müssen er und Stutzenstein in den kommenden zehn Jahren abbezahlen. Urlaub könne man sich derzeit nicht leisten. Weder zeitlich noch finanziell. Und natürlich könne das gesamte Projekt auch scheitern. Aber wenn die Frage auftaucht „Was ist denn dann?“ stolpert die Antwort darauf gleich hinterher: „Dann probieren wir etwas Neues. Vielleicht klappt es beim zweiten Mal. Oder halt beim dritten Mal.“ Wie auch immer es kommen mag: Schneider wird sich in jedem Fall erstmal einen Flat white mit Hafermilch machen und guter Laune an sein Mantra für die Selbständigkeit denken: Man muss wissen, worauf man sich einlässt – und dann wird es noch härter.