Die Sonne geht gerade unter, draußen hat es nur etwa ein Grad. Am ersten Weihnachtsfeiertag stehen dennoch Dutzende Menschen um den Krüner Kiosk in Sendling-Westpark, sie trotzen der Kälte, umweht vom Duft von Waffeln. Die meisten haben statt Glühwein ein Glas weißen oder roten Burgunder in der Hand. Wenn Kioskbetreiber Tobias Bauer ruft, so wirkt es, dann kommen sie – einfach weil sie wissen, dass sie nicht enttäuscht werden. Selbst bei eisigen Temperaturen.
Das von Bauer ausgerufene Motto an diesem Tag, an dem sonst praktisch nichts offen hatte, lautete: „Frohe Kund: nur Burgund“. Es ist bei Weitem nicht das einzige Event, das der Kioskbetreiber in den vergangenen vier Wochen veranstaltet hat: Es gab Leberwurst und Kaviar, Pastrami und Pickles, Waffeln und Champagner und einmal hat Bauer unter dem Motto „Show me yours, I show you mine“ dazu eingeladen, eigene Weine mitzubringen, gegen Korkgeld am Kiosk zu verköstigen und von anderen zu probieren. Und wie gesagt: Das war nur das Programm im Dezember.
Da lässt sich einer also ganz schön was einfallen für seine Kundschaft. Stellt sich nur die Frage: Muss er das, um als Kioskbetreiber durch die kalte Jahreszeit zu kommen – oder denkt er womöglich das Konzept Kiosk ganz neu? Für Bauer ist es eine Mischung aus diesen beiden und ein paar weiteren Faktoren: Zuerst einmal fühlt er sich als Kioskbetreiber aus Leidenschaft. Schon lange, bevor er den Laden am Krüner Platz gefunden hatte, ja, sogar lange bevor er überhaupt in die Stadt gezogen war, stand für ihn fest: Irgendwann, da habe ich mal einen Kiosk in München.
Als es dann so weit war, war das kleine grüne Häuschen erst mal ein gewöhnlicher Kiosk. Bis sich Bauer dachte: Warum nicht ein Bistrokonzept ausprobieren? Er merkte aber recht schnell: Das funktioniert nicht, Aufwand und Ertrag standen in keinem Verhältnis, zum Essen wie im Restaurant kommt niemand an einen Kiosk. Spätestens nach einem Krisengespräch mit seinem Steuerberater musste Bauer einsehen, dass es so nicht weitergehen konnte – auch der Sommer war ja wettertechnisch durchwachsen, und Regen ist für Kioskbetreiber mindestens genauso schwierig wie Kälte. Von da an gab es wieder „mehr auf die Hand“. Denn Bauer kam zu einer Erkenntnis: Was er anbietet, ist sekundär – es geht ums „Kioskgefühl“.
Wobei, so ganz stimmt das nicht. Dienstags gibt es weiterhin Pad Thai, und mit seinen Pop-ups zaubert er kulinarisch ohnehin ganz schön, wenn auch nur noch tageweise. Warum er das macht? „Ich mag Menschen“. Wenn er eine Idee hat, fragt er einfach nach, ob die anderen auch Lust drauf haben, und falls ja, dann machen sie das. So kam etwa die Kooperation mit dem „Foodkollektiv“ Anfang November zustande, die Münchner Foodfluencer servierten bei ihrem ersten Pop-up Maultaschen mit Kartoffelsalat.
Wir machen selten Sachen, die wir davor schon mal gemacht haben
Tobias Bauer vom Krüner Kiosk
Wenn man Bauer fragt, was alles möglich ist in so einer kleinen Bude, dann sagt der: „Im Prinzip alles.“ Genau das mag er so daran: Der Kiosk ist seine Spielwiese, dank eines windgeschützten Anbaus mit Sitzplätzen im Prinzip das ganze Jahr über. Alles kann, nichts muss – Hauptsache, es wird nicht langweilig. „Wir machen selten Sachen, die wir davor schon mal gemacht haben.“ Und den Gästen scheint’s zu gefallen, egal bei welchem Wetter.
Bauer ist allerdings bei Weitem nicht der Einzige mit Ideen und Lust an Kollaborationen. Zwei, die schon seit Jahren sehr regelmäßig Gastköchinnen und -köche an ihren Marktstand – und ein Stand ist ja in vielerlei Hinsicht wie ein Kiosk – einladen, sind Dominik Klier und Theo Lindinger von „Caspar Plautz“. Auch der Rest der jungen Gastroszene, die sich gerade in München auftut, kooperiert, vernetzt und schlemmt gerne zusammen. Erst kürzlich war zum Beispiel das kulinarische Studio „Nuanz“ zweimal am Stand von „Suuapinga“ am Wiener Platz zu Gast, zum Kaffee gab es dänisches Smørrebrød.
Und auch der Coucou Food Market von Denis und Marie Leoncelli darf in dieser Aufzählung nicht fehlen. An deren Stand am Viktualienmarkt haben – ebenfalls erst kürzlich – dick eingepackt Florian Brunner und Nathalie Leblond vom Restaurant „Le Deux“ Lobster-Rolls serviert; Sterneküche meets Marktstand könnte man sagen. Und auch hier war das nur ein Event von vielen im Advent.
Immer wieder laden sie an ihren Stand Gäste ein, zuletzt unter anderem Sterneköchin Nathalie Leblond (rechts) und ihren Sous Chef Florian Brunner. (Foto: Robert Haas)
Denis Leoncelli (links) und seine Frau Marie betreiben neben dem Coucou Food Market am Viktualienmarkt weitere Filialen. (Foto: Robert Haas)
Damit, Menschen, die etwas von Kulinarik verstehen, zu sich einzuladen, haben die Leoncellis schon zu Corona-Zeiten begonnen, damals noch ausschließlich in ihren ersten Laden an der Nymphenburger Straße – Not macht bekanntlich erfinderisch. An diesem Standort war es zwischenzeitlich etwas ruhiger, spätestens 2026 sollen auch dort aber wieder häufiger Events stattfinden.
Doch warum überhaupt Pop-ups? Klar, gerade am Viktualienmarkt, wo in der kälteren Jahreszeit wenig zum Verweilen einlädt, müsse man sich etwas überlegen, sagt Denis Leoncelli. Deshalb sind die Events allein aus unternehmerischer Sicht sinnvoll, zumal man dadurch neue Kundschaft erschließen kann. Es geht ihm und seiner Frau aber auch ums Netzwerken und darum, von anderen zu lernen und das eigene Angebot zu ergänzen: „Man schafft was Neues, damit’s nicht langweilig wird.“
Auch für 2026 haben Bauer und Leoncelli einige Pläne
Genau so sieht das Tobias Bauer vom Krüner Kiosk: Es sei „ganz großartig“, dass über die Stadt verteilt immer mehr kulinarische Pop-ups aufkämen. Sie stillten das Bedürfnis nach Gemeinschaft, und für die Gäste seien sie eine nette Alternative zum klassischen Restaurantbesuch – und dabei oft günstiger. Im Prinzip sei es also wirklich eine „Win-win-win-Situation“.
Während am Coucou Food Market an Silvester zur Abwechslung auch mal ohne Gäste zu einem kleinen Event bei Bubbles und Austern eingeladen wurde, ging die Spontanität am Krüner Kiosk an Neujahr so weit, dass nach ein paar technischen Problemen aus einem Katerfrühstück mit japanischer Suppe von „Monaco Ramen“ kurzerhand eins wurde, bei dem zwei Köchinnen Sandos, sprich japanische Sandwiches, kredenzten. Wo ein Wille, da ein Pop-up, so scheint es zu sein.
Was allerdings erwähnt werden muss: Im Januar drehen auch die Leoncellis und Tobias Bauer eine Stufe runter, machen eine Art kreative Pause und verkaufen ganz regulär Kaffee, Galettes und Bratwurstsemmeln. Von Ende Januar an soll es dann mit neuen Gastköchinnen und -köchen und vielen neuen Ideen weitergehen. Langweilig wird’s wohl eher nicht.