Ein chinesisches Containerterminal

Ein chinesisches Containerterminal

Getty Images/Cheng Xin

Die erfolgreichste deutsche Überwassereinheit im Zweiten Weltkrieg war kein Schlachtschiff, kein schwerer Kreuzer, kein Zerstörer, sondern ein umgebautes Frachtschiff: Der Handelsstörer „Atlantis“, 1937 als Frachtschiff „Goldenfels“ von der Brember Vulkan-Werft gebaut, fuhr 622 Tage lang unerkannt auf Kaperfahrt, versenkte und eroberte über zwanzig Schiffe und scheiterte erst, als die deutsche Seekriegsführung das Schiff als U-Boot-Versorger im Nord-Atlantik zweckentfremdete. Das Erfolgsgeheimnis der Atlantis war ihre Tarnung: Sie verbarg ihre Geschütze hinter Blenden, die das Schiff wie einen gewöhnlichen Frachter aussehen ließen.

Diese erfolgreiche Idee aus den Weltkriegen hat nun China wieder aufgegriffen und weiterentwickelt: Chinesische Militär-Blogger veröffentlichten Fotos aus dem Hafen von Shanghai, auf denen der chinesische Containerfrachter „Zhong Da 79“ mit besonderer Fracht zu sehen ist.

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Auf den ersten Blick hat das knapp 100 Meter lange Zubringer-Frachtschiff lediglich 40-Fuß-Standardcontainer geladen. Doch die Fotos von der Hudong-Zhonghua-Werft zeigen vertikale Rohre von Senkrechtstartanlagen für Lenkflugkörper, versteckt hinter den Containern auf dem Vorschiff. Auf weiteren Containern in der Nähe der Brücke wurden Radarantennen und Sensormasten installiert. Damit nicht genug, auf dem Vorschiff trägt ein Container-Stapel sogar eine chinesische Nahbereichs-Flugabwehrkanone (CIWS) vom Typ 1130, wie sie sonst auf chinesischen Fregatten eingesetzt wird, sowie Täuschkörperwerfer.

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Schon ein Treffer würde den Frachter aus Gefecht setzen

Insgesamt 60 Raketenstartrohre trägt das Schiff nun laut ersten Analysen von Fachbloggern in seinem Frachtraum, damit ist es stärker bewaffnet als jede aktuell in Dienst befindliche deutsche Lenkflugkörper-Fregatte. Die gen Himmel gewinkelte Phased-Array-Radar-Antenne deutet darauf hin, dass der Frachter mehr sein könnte als nur eine schwimmende Raketenbatterie: Ähnliche Systeme sind auf chinesischen Flugabwehr-Fregatten im Einsatz. Das Frachtschiff kann also aller Wahrscheinlichkeit nach autonom agieren und seine Raketen selbstständig ins Ziel lenken, benötigt keine Zieldaten von anderen chinesischen Kriegsschiffen.

Die Waffen und Sensoren allein machen den Frachter noch nicht zu einem vollwertigen Kriegsschiff: Eine Fregatte mit vergleichbarer Bewaffnung trägt mehrere Radare, zusätzliche Sonarsensoren und passive Funkpeiler, hat ein eigenes Führungssystem zur Vernetzung von Waffen und Sensoren, ist zudem gehärtet gegen feindliches Feuer.

Zudem ist ein Frachter im Vergleich zu einer Fregatte extrem langsam und manövriert viel schwerfälliger. Auch sind Systeme wie Antrieb und Energieversorgung bei einem Kriegsschiff redundant ausgeführt, bei einem Frachter aber nicht – schon ein Treffer würde ihn außer Gefecht setzen. Hinzu kommt die Besatzung: Allein die Trupps zur Schadensbekämpfung an Bord eines Kriegsschiffs umfassen mehr Besatzungsmitglieder als die gesamte Crew eines kleinen Frachters, hinzu kommen Waffenspezialisten, Wartungstechniker und Deckcrew, um die Waffen zu bedienen, zu laden und zu warten.

Zwar deuten zusätzliche Rettungsinseln auf dem Vorschiff darauf hin, dass in den Containern auch Crew-Unterkünfte untergebracht wurden, doch an den grundsätzlichen Defiziten eines Frachters im Kriegseinsatz ändert das wenig.

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Die „Zhong Da 79“ könnte gleich mehrere Rollen ausfüllen

Doch dafür hat der Frachter ganz eigene Stärken – Stärken, die bereits die deutschen Handelsstörer 1940 bewiesen haben: Kleine Frachter wie die „Zhong Da 79“ kreuzen zu tausenden im südchinesischen Meer, sie alle zu überwachen ist extrem schwierig. Zudem haben die chinesischen Schiffsbauer augenscheinlich die Waffensysteme komplett containerisiert, die Container aber können einfach von einem Schiff auf ein anderes umgeladen werden – wie schnell der Umbau vonstatten geht, zeigen die Bewegungsdaten des Frachters, der erst Anfang November auf der Werft in Shanghai eintraf.

Ein solches bewaffnetes Frachtschiff kann keine Fregatte ersetzen, dafür ist es schlicht zu langsam. Doch in einem Blockade-Krieg etwa um Taiwan könnte es mehrere Rollen ausfüllen: Als getarnter Handelsstörer würde es Ressourcen des Gegners binden, da nun potenziell jeder kleine Küstenfrachter bewaffnet sein könnte und entsprechend überwacht werden muss. Als schwimmende Flugabwehrbatterie könnte das Schiff Landungsoperationen gegen Luftangriffe absichern und so reguläre Kriegsschiffe ergänzen oder ersetzen. Als „Raketenfalle“ könnte es im Bereich der zweiten Inselkette im Anflugvektor US-amerikanischer Trägerflugzeuge oder Langstreckenbomber positioniert werden und völlig unerwartet Flugabwehrraketen feuern.

Die „Zhong Da 79“ ist ein relativ kleiner Frachter und könnte in jedem beliebigen Hafen vor Anker gehen und etwa chinesische Operationen auf den umstrittenen Inseln im Südchinesischen Meer schützen. Ein größeres Frachtschiff könnte noch mehr Raketen tragen oder aber die Senkrechtstartzellen hinter weiteren Containerstapeln noch besser tarnen. Die Möglichkeiten eines derart getarnten Raketen-Frachters sind weitreichend, eben weil klassische Radarüberwachung und selbst Satellitenbildgebung nur schwer zwischen regulären Frachtern und solchen mit derart besonderer Fracht unterscheiden kann.

Der eigentliche Wert liegt weniger in der Feuerkraft als im Zwang zur Überreaktion des Gegners. Jeder Frachter wird zum potenziellen Ziel – das bindet Aufklärungskapazäten und Einheiten.

China setzt bei der Flotte zunehmend auf Masse

Die Bilder von der Werft in Shanghai zeigen zudem, wie China mit allen Mitteln seinen Rückstand beim Flottenausbau gegenüber den USA aufholt. Der Einsatz bewaffneter Frachtschiffe fügt sich nahtlos in die langfristige chinesische Flottenstrategie ein, die weniger auf Parität mit der US Navy zielt als auf operative Überlastung und räumliche Fragmentierung des Gegners.

Statt eine kleine Zahl extrem leistungsfähiger Großkampfschiffe und Flugzeugträger zu bauen, setzt China zunehmend auf Masse, Modularität und Mehrdeutigkeit. Zivile und militärische Plattformen verschwimmen bewusst, um Aufklärung, Zielzuweisung und Einsatzregeln des Gegners zu verkomplizieren.

Auch die USA könnten also Raketen auf Frachtern verbergen

Bewaffnete Frachter und Fischereischiffe, Küstenwachen und reguläre Kriegsschiffe bilden dabei ein gestaffeltes System, das von der Küste bis weit in den westlichen Pazifik hinein wirkt. Ziel ist es nicht, die US-Flotte in einer offenen Seeschlacht zu schlagen, sondern ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken, ihre Reaktionszeiten zu verlängern, ihre Überlegenheit durch eine Vielzahl schwer kalkulierbarer Bedrohungen zu neutralisieren und so den Zugang zum chinesischen Meer in einem Konflikt etwa um Taiwan fast unmöglich zu machen

Die Idee, Raketenstartsysteme in Standard-Containern zu verbergen, fand zuletzt auch in den USA wieder Anklang: Der US-Hersteller Lockheed Martin hat ebenfalls bereits mobile Container-Abschussrampen für Tomahawk-Marschflugkrörper unter dem Namen „Mk70 Mod 1 Payload Delivery System“ für den Einsatz auf Schiffen entwickelt. „Das MK 70 ermöglicht die schnelle Bereitstellung offensiver Fähigkeiten auf nicht traditionellen Plattformen und an nicht traditionellen Standorten“, umschreibt der US-Konzern das Konzept.

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Die Zieldaten erhält die Waffe per Satelliten-Datenverbindung aus einer weit entfernten Kommandozentrale, eine Stromversorgung ist integriert. Kommt der Feuerbefehl, öffnet sich innerhalb weniger Minuten das Dach des Containers, die Hydraulik richtet die Startrohre auf, die Marschflugkörper starten gen Ziel. Auch die USA könnten also Raketen auf Frachtern verbergen. Lockheed Martin betont die „Überlebenschancen“ seiner Tarn-Startrampen – ein Gegner bleibe komplett im Unsicheren über deren Einsatz.

Damit sind die Raketen im Container eine perfekte Abschreckungswaffe, da sie potenziell überall versteckt stationiert werden können, auf Schiffen wie an Land. Das wiederum hat auch das deutsche Militär wieder für sich entdeckt: Im Sommer stellte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) eine Anfrage auf Lieferung binnen Jahresfrist in den USA.