Leipzig. Leipzigs Hoffnung ist so groß wie ein handelsüblicher Kühlschrank. So sehen die Quantencomputer aus, die Frank Schlichting und sein Team bei SaxonQ entwickeln – Rechner, die Aufgaben lösen, für die herkömmliche Computer viel zu lange rechnen müssten. Schlichting, Co-Chef des Unternehmens, weiß um die Bedeutung der Technologie – auch für den Standort: Um das Vierfache der jetzigen Größe, sagt er, wolle man in den nächsten drei Jahren wachsen. Das Besondere am Computer: Er ist mobil und lässt sich bei Raumtemperatur betreiben. „Unser Ziel in den nächsten fünf Jahren ist es, einen Quanten-Chip zu bauen“, sagt Schlichting. Vom Kühlschrank zur Grafikkarte.
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Ein junges Unternehmen, das hoch hinaus will – für Leipzig könnte das wichtiger nicht sein. Denn der Boom der Ost-Metropole hat sich abgeschwächt. Kamen Jobs und Zuzug in den vergangenen Jahren fast von allein, muss die Stadt jetzt mit Ideen wie dieser ein neues Kapitel schreiben. Sonst ziehen andere vorbei.
„Leipzig hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine der bemerkenswertesten Aufholgeschichten in Deutschland geschrieben“, sagt Olaf Arndt, Leiter Regionen & Standort und Projektleiter des Zukunftsatlas der Prognos AG. „Lange war die Stadt der Shootingstar des Ostens – ‚Hypezig‘ stand für Wachstum, Zuzug, Aufbruch.“
Die Sache ist nur die: Aufholgeschichten haben ein Ende. Und dann beginnt die schwierigste Disziplin: oben zu bleiben. Denn inzwischen geht es nicht mehr steil nach oben. Oder in den Worten von Arndt: „Die große Sturm-und-Drang-Phase ist vorbei.“ Wie ist es dazu gekommen? Und was folgt jetzt?
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Der steile Aufstieg
Der Leipzig-Boom ist keine PR-Erfindung, sondern ein Phänomen, das sich an Zahlen ablesen lässt. „Leipzig hat sich über viele Jahre hinweg nach vorn gearbeitet“, sagt Prognos-Experte Arndt.
Zwischen 2014 und 2024 stieg die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten laut Agentur für Arbeit von 241.000 auf rund 296.000 – ein Plus von 23 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt legte zwischen 2017 und 2022 um rund 20 Prozent zu. Auch die Einwohnerzahl wuchs rasant: Ende 2024 lebten in Leipzig rund 633.000 Menschen. Zehn Jahre zuvor waren es noch rund 80.000 Menschen weniger.
Leipzig hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine der bemerkenswertesten Aufholgeschichten in Deutschland geschrieben.
Olaf Arndt
Leiter Regionen und Standort
Clemens Schülke (CDU) ist Leipzigs Wirtschaftsbürgermeister und weiß, dass der Aufstieg der Stadt neben einem starken Mittelstand auch großen Ansiedlungen zu verdanken ist. Als tragende Säule des Aufschwungs gilt die Automobilbranche: 2005 beziehungsweise 2002 eröffneten BMW und Porsche ihre Leipziger Werke.
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Automobil, Logistik, Gesundheit: Leipzig wächst rasant
Nicht zu vergessen ist der Logistiksektor. Die Branche „hat den Aufschwung am Arbeitsmarkt maßgeblich getragen. Mit ihr haben wir die Massenarbeitslosigkeit nach der Wende überwunden“, sagt Schülke.
Parallel wuchsen Gesundheits- und Sozialwesen, IT, Dienstleistungen und Bildung. Der Anteil ausländischer Beschäftigter stieg in den vergangenen zehn Jahren von 3,1 Prozent auf 10,8 Prozent. Frederic Schulze, Sprecher der Agentur für Arbeit in Leipzig, erklärt: „Ohne Zuwanderung wäre das Beschäftigungswachstum der letzten Jahre in Leipzig in vielen Branchen nicht möglich gewesen.“

„Boom“, das bedeutete im Grunde: Neue Autos am Stadtrand, Pakete am Flughafen, dazu eine lebenswerte Stadt mit dynamischer Kreativszene, die junge Leute anzog und damit auch Unternehmen.
„Lange hatten wir eine sehr komfortable Lage“, sagt Clemens Schülke: „Gute Beschäftigung, starke Wertschöpfung, verlässliche Gewerbesteuer – eine Kombination, von der viele Städte träumen.“ Inzwischen ist klar: Der Wind hat sich gedreht.
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Die harte Realität
In Städte-Rankings hat Leipzig zuletzt Boden verloren. Der jüngste Prognos-Zukunftsatlas zeigt: Von Rang 104 in 2019 ist Leipzig auf Rang 152 im Jahr 2025 zurückgerutscht. Mit dem Ranking vergleicht das Institut die Zukunftsfestigkeit der deutschen Regionen.
Arndt warnt davor, das dramatischer zu lesen, als es ist: „Ein einzelner Rangrutsch ist nie isoliert zu betrachten.“ Leipzig bleibe „eine der dynamischsten Großstädte Deutschlands“.
Den Rückgang um fast 50 Plätze erklärt der Experte zum einen mit der gesamtwirtschaftlichen Abkühlung. In einer hochvernetzten Region wie Leipzig, die noch dazu auf eine starke Autoindustrie angewiesen ist, werde das sofort sichtbar.
Andere Städte legen höheres Tempo vor
Zudem erlebt Deutschland grundlegende wirtschaftliche Verschiebungen: Städte wie Mainz profilieren sich mit der Biotechnologie, Dresden mit den Chipfabriken. Regionen wie diese, so Arndt, „legen derzeit einfach ein noch höheres Tempo vor.“
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Wirtschaftsbürgermeister Schülke spricht von einer „kalten Dusche“, die Leipzig erwischt habe. Die Rahmenbedingungen seien rauer geworden: „Wir sehen einen Einbruch der Gewerbesteuer, mehr Insolvenzen, mehr Arbeitslose und die Automobilbranche gerät unter Druck.“ Die gute Nachricht: Laut Schülke steht der Mittelstand in der Krise „erstaunlich stabil da“. Die Stadt muss unterdessen drastisch sparen – das hinterlässt Spuren.

Gleichzeitig zeigt sich laut Experte Arndt, „dass Leipzig in innovativen Zukunftsbereichen noch nicht stark genug performt, um im bundesweiten Wettlauf weiter nach vorn zu sprinten.“
Was dem Standort zu schaffen macht
Außerdem fallen heute mehrere Schwachpunkte stärker ins Gewicht als vor wenigen Jahren: Laut Prognos berichten Unternehmen von langen Verwaltungsprozessen und Genehmigungsverfahren, was Investitionen verlangsamt. In Bereichen wie nachhaltige Infrastruktur und verfügbaren Flächen entstünden Engpässe, die Wachstum erschwerten.
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Auch die Ausbildungs- und Fachkräftesituation hat sich verändert. Die Beschäftigung liegt weiter auf hohem Niveau, wächst aber deutlich langsamer als in der Boomphase vor 2020. Laut Arbeitsagentur-Sprecher Frederic Schulze zeigen mehrere Indikatoren eine Abschwächung – darunter eine steigende Arbeitslosigkeit. „Der Leipziger Arbeitsmarkt steht aktuell nicht unter Abbaudruck, sondern unter Anpassungsdruck“, sagt Schulze. Prägend sei derzeit vor allem eine zurückhaltende Einstellungspolitik der Unternehmen.

Die gute Nachricht: Die Weichen für ein neues Kapitel Wachstum sind gestellt. Experte Arndt betont: „Jetzt braucht es vor allem gezielte Impulse.“
Was jetzt passieren muss
Leipzig hat noch immer Stärken, von denen andere Städte nur träumen können: die enorme Anziehungskraft auf junge Menschen, die große Hochschul- und Forschungslandschaft, eine vielseitige Kultur und hohe Lebensqualität.
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Für die kommenden Jahre wird es entscheidend sein, ob es der Stadt erstens gelingt, die Innovationskraft hochzufahren. Der Transfer in die Wirtschaft müsse „deutlich mutiger, schneller und verbindlicher“ organisiert werden, meint Prognos-Forscher Arndt. Zweitens rät er der Stadt, massiv in Qualifikation zu investieren. Drittens brauche Leipzig eine handlungsfähige Flächen- und Standortpolitik. „Technologieunternehmen, wachsende Industriebetriebe und kreative Start-ups benötigen Räume, Infrastruktur und gute Bedingungen“.

Die gute Nachricht ist: Leipzig ist keineswegs planlos. In den Lebenswissenschaften sieht die Stadt ein Standbein für die Zukunft. Beobachten lässt sich das an der Alten Messe, wo sich auf dem BioCity Campus in den vergangenen Jahren zahlreiche Start-ups, Unternehmen und Forschungsinstitute angesiedelt haben und mit Halle 12 derzeit für 60 Millionen Euro ein Innovationszentrum entsteht. Auch in Greentech und der Digitalwirtschaft sieht die Stadt Chancen: Die Halle 7 auf der Baumwollspinnerei entwickelt sich zu einem Digital Hub. „Das sind unsere Beiträge, damit aus Ideen Geschäftsmodelle werden“, erklärt Wirtschaftsbürgermeister Schülke. Am Flughafen Leipzig/Halle hat die Region zudem die Möglichkeit, groß zu denken: Hier wird ein 100 Hektar großes Industriegebiet für Zukunftsbranchen entwickelt. „Ich kann mir durchaus vorstellen, dass dort eines Tages ein großer Pharmahersteller produziert – oder ein Robotik-Unternehmen“, sagt Schülke. Baureif ist die Fläche aber noch nicht.
Warum es auf innovative Unternehmen ankommt
Eine große Bedeutung kommt in Zukunft jungen, wachsenden Unternehmen wie SaxonQ zu. Es braucht, das weiß auch Clemens Schülke, diese Innovationen: „Innovation im Team schafft neue Geschäftsmodelle, neue Waren oder Dienstleistungen, neue Arbeitsplätze – und am Ende auch neue Gewerbesteuer. Das ist der Clustereffekt, um den wir kämpfen.“
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Daher kann es sich nur lohnen, den jungen Unternehmen zuzuhören. SaxonQ-Chef Frank Schlichting muss auf die Frage, was den Standort für ihn ausmacht, nicht lange überlegen. „Leipzig zeichnet sich durch seine Freigeister und seine Offenheit aus. Für uns ist entscheidend, dass das Umfeld eine Atmosphäre schafft, in der Menschen gerne hierherkommen und sich wohlfühlen.“
Und doch gibt er der Stadt Aufgaben mit: „Leipzig hat – anders als beispielsweise Berlin mit Adlershof – noch keinen ausgeprägten Entwicklungs- und Forschungs-Campus.“ Er wünscht sich, das zusammen mit dem Freistaat anzugehen. Für das Unternehmen steht jedenfalls fest: „Wir haben keine Intention, an einen anderen Standort zu gehen. Wir wollen in Leipzig bleiben und hier wachsen.“
LVZ