Die Bundeswehr ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Vorbei die Zeit der strengen Kurzhaarschnitte und des strikten militärischen Tons. Hauptmann Joachim S. (die Nachnamen der Bundeswehrangehörigen dürfen nicht genannt werden), 37 Jahre alt und seit 16 Jahren bei der Truppe, ist ein lockerer Kumpeltyp. Zur grün-braunen Tarnuniform trägt er Ohrringe, einen wallenden Bart und großflächige Tattoos an den Armen. „Hallo, ich bin der Joe. Wir sind hier alle per Du“, begrüßt er Nico B., der sich im Karrierecenter der Bundeswehr in Stuttgart über die Einsatzmöglichkeiten erkundigen will. Hauptmann Joe stellt sich kurz vor: „Ich habe im Grundwehrdienst angefangen und es hat mir so gut gefallen, dass ich geblieben bin. Ich war zu mehrmonatigen Einsätzen in Afghanistan und Niger und bin seit April hier Karriereberater.“ Er weiß also genau, von was er spricht, wenn er die jungen Interessenten berät.
Bei Nico B. ist das relativ einfach. Der 22-Jährige hat ziemlich klare Vorstellungen, was er will und interessiert sich für die Offizierslaufbahn als Soldat auf Zeit. „Im Frühjahr beende ich meine Ausbildung bei einer Versicherung. Dann möchte ich gerne zu euch und studieren.“ Die Studienrichtung steht noch nicht so genau fest. „Vielleicht Wirtschaft oder auch Elektrotechnik.“
2300 Euro netto als Einstiegsgehalt
Hauptmann Joe öffnet eine Website und erläutert dem Interessenten die Möglichkeiten. Als Bewerber mit Abitur steht Nico B. eine Karriere auf der Führungsebene offen. Voraussetzung dafür: Er muss sich für mindestens 13 Jahre bei der Bundeswehr als Soldat verpflichten. Die Konditionen sind attraktiv: 2300 Euro netto erhält ein Soldat auf Zeit als Einstiegsgehalt – auch während des Studiums an einer der beiden Bundeswehrhochschulen in München und Hamburg. Hinzu kommt eine sehr günstige Unterkunft sowie Verpflegung durch die Truppe.
Der Soldatendienst beginnt mit der dreimonatigen Grundausbildung, bei der die Rekruten die Grundlagen wie schießen, marschieren und Erste Hilfe lernen. Danach folgt das Studium. Das ist anspruchsvoll: In vier Jahren müssen Bachelor und Master absolviert werden. „Aber die Bedingungen sind dafür optimal: Man lebt auf dem Campus und kann sich voll und ganz aufs Studium konzentrieren“, sagt Cornelia F., die Pressesprecherin des Karrierecenters Stuttgart. Auch sie hat einst als Soldatin auf Zeit ihr Studium bei der Bundeswehr absolviert. Nach Ablauf ihrer Verpflichtungszeit blieb sie als zivile Mitarbeiterin bei der Truppe.
An das Fachstudium schließt sich für die jungen Offiziere eine weitere militärische Ausbildung an. Dann sind sie gerüstet und können Führungsverantwortung übernehmen. Auch Auslandseinsätze sind möglich.
Nico B. hat noch eine Frage: „Ich habe auf dem rechten Auge eine Sehbehinderung und trage Kontaktlinsen. Ist das ein Hindernisgrund?“ Diese Frage kann Hauptmann Joe nicht beantworten. „Das entscheidet allein der Truppenarzt.“ Aber es gebe bei der Bundeswehr viele Möglichkeiten der „Verwendung“, wie es im Fachjargon heißt. „Vielleicht kannst du nicht Pilot werden, aber in einer anderen Position arbeiten.“
Zunächst aber muss Nico B. seine Bewerbungsunterlagen schicken. Dann wird er nach Köln eingeladen. Dort findet das dreitägige Assessment für Führungskräfte der Bundeswehr statt. Er wird nicht nur gründlich medizinisch durchgecheckt, sondern muss auch einen Sporttest, einen Wissens- und Intelligenztest sowie mehrere Gespräche absolvieren. Ein Pendellauf mit elf Sprints à zehn Metern muss in maximal 60 Sekunden bewältigt werden und jeder Bewerber muss einen Klimmhang mindestens fünf Sekunden halten können. Hinzu kommt ein 3000-Meter-Lauf auf dem Ergometer, der in maximal sechseinhalb Minuten absolviert werden muss. Nur wer diese Werte schafft, wird in die Truppe aufgenommen. Überprüft werden aber auch die psychische Verfassung der Bewerber, ihre Verfassungstreue und ihre Motivation. „Ich denke, in der heutigen Zeit ist es auch notwendig, dass ich die Fähigkeiten bekomme, etwas zu tun, wenn etwas passiert“, sagt Nico B. „Ich möchte dann zur Verteidigung beitragen können.“
Der Militärische Abschirmdienst überprüft Auslandskontakte der Bewerber
Aspiranten für eine Karriere bei der Bundeswehr müssen mindestens 17 Jahre alt sein, den deutschen Pass haben, sollten möglichst nicht vorbestraft sein und keine Schuldenberge mit sich herumschleppen. Wer Kontakte in bestimmte Länder wie China oder Russland hat, sollte dies unbedingt angeben – der Militärische Abschirmdienst (MAD) überprüft diese in jedem Fall. Und selbstverständlich ist eine positive Grundhaltung zur Verfassung der Bundesrepublik sowie zu den Werten der Demokratie eine Grundvoraussetzung für die Aufnahme.
Die Bundeswehr schaut sich die Bewerber genau an, sie nimmt nicht jeden. Aber sie bietet jedem, den sie für geeignet hält eine passgenaue Karriere. Es gibt die Laufbahn in der Mannschaft für Personen mit Hauptschulabschluss, die Feldwebellaufbahn für Realschulabsolventen oder Leute mit einer Ausbildung und die Offizierskarriere für Abiturienten. „Die Bundeswehr ist autark. Deshalb brauchen wir fast alle Berufe“, sagt Hauptmann Joe. Gefragt sind Handwerker und Sanitäter genauso wie Köche oder IT- Experten. Wer noch keine Ausbildung mitbringt oder sich beruflich verändern möchte, kann bei der Bundeswehr ein Studium beginnen, eine Ausbildung oder Umschulung machen. Wer sich für welchen Einsatz und welche Ausbildung eignet, auch das wird im Assessment-Center geprüft. „Wir unterbreiten dem Bewerber mehrere Vorschläge, und wenn er einem davon zustimmt, erfolgt eine Einstellung“, erklärt Cornelia F.
Das niedrigschwelligste Angebot für Interessenten ist der Freiwillige Wehrdienst. Bewerber verpflichten sich für sieben bis 23 Monate, absolvieren die Grundausbildung und können dann in einen Bereich der Truppe hineinschnuppern. So mancher entscheidet sich in dieser Zeit für eine längerfristige Karriere bei der Truppe.
Oberstleutnant Thilo K. (rechts) mit den Freiwilligen Anna Krächter und Loïc Stürmer Foto: Gerlinde Wicke-Naber
1290 Leute haben Joachim S. und seine drei Kollegen im vergangenen Jahr in Stuttgart beraten. Das Interesse an der Arbeit in der Bundeswehr steigt. Für 2024 verzeichnet die Bundeswehr 13 Prozent mehr Erstberatungen bundesweit im Vergleich zum Vorjahr und 23 Prozent mehr Einstellungen bei den Zeitsoldaten. Auch bei den Freiwilligen im Wehrdienst stieg die Zahl der Einstellungen um fast ein Viertel. Aktuell leisten 184 330 Soldaten Dienst, davon 12 286 im Freiwilligen Wehrdienst.
Wie verändert der Krieg in der Ukraine die Einstellung zur Bundeswehr?
Der Krieg in der Ukraine und die Debatten über die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands wecken das Interesse vieler Menschen an der Bundeswehr. Auch Hauptmann Joe bemerkt das seit geraumer Zeit: „Wenn ich im Zug in Uniform unterwegs bin, werde ich öfters angesprochen. Es gibt positiven Zuspruch und viele Fragen.“
Auch im Karrierecenter der Bundeswehr Stuttgart gibt es ein Assessment-Center. Hier werden die Bewerber für die Mannschafts- und Feldwebellaufbahn sowie für den Freiwilligen Wehrdienst gecheckt. Verantwortlich ist dafür der Oberstleutnant Thilo K., 56 Jahre alt und im 37. Dienstjahr. Er verzeichnet immer mehr Bewerber. Etwa 15 bis 20 Prozent der Interessenten seien Frauen, ihr Anteil an der Truppe liegt derzeit bei 13 Prozent. „Wir haben auch immer wieder junge Leute mit Migrationshintergrund aus Syrien, der Türkei oder anderswo.“
Das Assessment ist straff durchorganisiert. Am Ende des Tags steht fest, welcher Bewerber übernommen wird. Dieser erhält auch sofort seine „Einplanung“. Er geht also mit einer festen Stelle nach Hause.
Anna Krächter und Loïc Stürmer sind zwei der glücklichen Gewinner des Assessments an diesem Tag. Beide haben sich für den Freiwilligen Wehrdienst beworben. Stolz präsentiert Loïc sein Einplanungspapier für den 1. April 2026. „Ich darf zum Gebirgsjägerbataillon nach Bischofswiesen in Bayern. Mein Wunschziel“, sagt der 19-Jährige strahlend. Loïc Stürmer hat österreichische Verwandtschaft. „Die waren alle bei den Gebirgsjägern. Deshalb will auch dahin.“ Die Berge, das Klettern und Skifahren locken ihn. Aber auch: „Ich will meinem Land, das meine Eltern und Großeltern aufgebaut haben, etwas zurückgeben.“ Für 15 Monate hat sich Loïc verpflichtet. Und danach? „Ich schaue mir die Truppe an. Wenn es mir gefällt, dann werde ich Soldat und beginne vielleicht ein Studium bei der Bundeswehr“, so seine Vorstellungen.
Auch die digitale Infrastruktur muss geschützt werden
Auch Anna Krächter will zunächst in die Bundeswehr hineinschnuppern. Im Sommer beendet die 23-Jährige ihr Studium der Volkswirtschaft in Mannheim. Für den Herbst ist dann der Einstieg in die Bundeswehr geplant, für zunächst zwölf Monate. „Ich will in den Cyber-Informationsraum“, sagt sie. Der Cyber-Informationsraum ist die neben der Marine, der Luftwaffe und dem Heer die vierte Teilstreitkraft der Bundeswehr und für die Verteidigung der digitalen Infrastruktur zuständig. Ihre Eltern seien über ihren Wunsch zur Bundeswehr zu gehen, nicht so glücklich, sagt Anna Krächter. „Aber weil ich es will, unterstützen sie mich.“
Oberstleutnant Thilo K. freut sich über solch engagierte Freiwillige. Übrigens können sich nicht nur junge Leute für den Freiwilligendienst bewerben. „Der Älteste, den ich beraten habe, war 56 Jahre alt“, sagt Joachim S. „Und der älteste Freiwillige bundesweit, von dem ich weiß, war sogar schon 62.“