Knappe Kasse, klamme Kultur? Viele Städte in Deutschland starten mit einem klaren Vorsatz in das neue Jahr: Sparen, kürzen, streichen. Die Wirtschaftslage bleibt kritisch und auch im Kultursektor wird vielerorts jeder Zuschuss, jede Investition genau überprüft. Der Druck steigt, vom Bund bis zu den Kommunen. Was bedeutet das für die großen Kulturstädte?
Stuttgart, München und Berlin: Wie stark wird an der Kultur gespart?
- Stuttgart: Harte Aussichten: Mehr als 800 Millionen Euro muss die Stadt Stuttgart in den kommenden zwei Jahren sparen. Das liegt an einer sehr konkreten Krise: Die Gewerbesteuereinnahmen der Stadt brechen ein, weil die Automobilindustrie schwächelt. Porsche und Mercedes-Benz kränkeln, zwei Riesen mit Stammsitz in Stuttgart. Von einer „historischen Zwangslage“ sprach Fabian Mayer (CDU) in der Frankfurter Allgemeinen. Der Kulturbürgermeister der Stadt erklärte, dass im Sparplan „kein Bereich außen vor gelassen werden kann“.
- Am Schauspiel Stuttgart ging deshalb zuletzt die Angst um, was das für den Haushalt 2026/27 bedeuten würde. Das Theater sammelte Unterschriften gegen radikale Sparmaßnahmen, über 47.000 Stimmen kamen zusammen. „Die Stadt holt jetzt zum Kahlschlag aus“, so zitierte die FAZ den Intendanten des Schauspielhauses, Burkhard C. Kosminski. Seine Befürchtung: Kürzungen könnten seinen Bühnenbetrieb schon in dieser Spielzeit schwer treffen. Theater müssen ihr Programm zudem sehr lange im Voraus organisieren, kommende Spielzeiten sind schon fest in Planung. Und dann wieder zurückrudern? „Kürzungen während einer laufenden Spielzeit zeugen von echter Unkenntnis und bringen die Institution in große Nöte“, sagte Kosminski. Dann fiel die Entscheidung am 19. Dezember, im Stuttgarter Rathaus: Mit knapper Mehrheit wurde der Doppelhaushalt beschlossen. Ergebnis? Die Stadt kürzt ihren Kulturhaushalt um sechs Prozent. Um circa 9 Millionen Euro in Summe.
- Was in Zahlen überschaubar klingen mag, könnte die Kulturszene wie ein harter Schlag treffen – befürchten kritische Stimmen. Zumal auch so eine Institution wie das Staatstheater Stuttgart, samt seiner Ballett-Compagnie von Weltrang, schon länger unter Druck steht. Der historische Theaterbau von Max Littman soll in kommenden Jahren teuer saniert werden. Aber immerhin, die große Pleite abgewendet? Wäre der Doppelhaushalt abgelehnt worden, hätte Stuttgart womöglich ein „Shutdown“ geblüht, fast wie in den USA. Für alle freiwilligen Leistungen der Stadt dürfte in diesem Krisenfall kein Geld ausgezahlt werden. In diese Kategorie fällt auch Kulturförderung,
München will die schwarze Null halten
- München: Die Stadt München führt 2026 ihren Sparkurs fort. Erklärtes Ziel: die schwarze Null halten, neue Schulden vermeiden. So schlug zuletzt eine konkrete Zahl ein, mit einer Schlagzeile in der Süddeutschen Zeitung: „Münchner Kulturinstitutionen müssen 18 Millionen Euro einsparen“. Zuvor hatte die Kämmerei sogar gefordert, dass das Kulturreferat gut 23 Millionen Euro streicht, also fünf Millionen mehr. Aufatmen an der Isar? „Ich bin über das Ergebnis froh“, sagt Kulturreferent Marek Wiechers der SZ. Auch Münchens Kulturbürgermeister Dominik Krause (Die Grünen) zeigt sich erleichtert: „Die geplanten Einsparungen hätten Münchens Kulturlandschaft nachhaltig beschädigt.“
- Kahlschlag verhindert – bleiben aber trotzdem 18 Millionen Euro, die gestrichen werden müssen. Das Lenbachhaus soll fast 600.000 Euro einsparen, das Münchner Stadtmuseum sogar 1,3 Millionen Euro. Ebenfalls betroffen: das Jüdische Museum München, das 116.000 Euro kürzen muss. Die Münchner Philharmoniker sollen eine halbe Million Euro sparen. „Es ist aber selbstverständlich, dass wir uns an der Konsolidierungssumme des Kulturreferats beteiligen“, sagt ihr Intendant Florian Wiegand. Kritisch klingt die Stimme von Tilman Dost, dem Intendanten der Münchner Symphoniker: „Was wegbricht, das kommt meistens nicht wieder. Und insofern ist der Verlust von kultureller Substanz eigentlich dramatisch für eine Gesellschaft.“
- Auch die Stadtbibliotheken müssen gut 500.000 Euro sparen und beschreiben in einem Beitrag des BR, wie sich das Sparen auswirkt: Etwa 20 Prozent der Stellen in ihren Häusern seien derzeit nicht besetzt. Die Folge? Kürzere Öffnungszeiten an manchen Standorten. Dazu immer wieder spontane Schließungen, weil Personal fehlt.
Berlin gibt den eintrittsfreien Museumssonntag auf
- Berlin: „Berlin ist arm, aber sexy“, sagte Klaus Wowereit (SPD), als er noch Oberbürgermeister der Bundeshauptstadt war. Sein Spruch scheint weiter gültig. Hohe Ausgaben, dafür sehr viel niedrigere Einnahmen – die Präsidentin des Berliner Landesrechnungshofs mahnte zuletzt: „Das kann dauerhaft nicht funktionieren.“ Deshalb befürchtete die Kulturszene sehr harte Einsparungen. Jetzt aber hat das Abgeordnetenhaus den Doppelhaushalt 2026/27 verabschiedet – mit kleinen Erleichterungen für Kunst und Kultur.
- Manche angedrohte Kürzung wurde zurückgenommen, zum Beispiel kann die Sanierung der Komischen Oper weitergehen, wie der RBB berichtet. Pro Jahr will die Stadt Berlin zudem 4 Millionen Euro ausgeben, um noch mehr Musiklehrkräfte fest anzustellen. Die Last der Kürzungen wird dagegen verteilt: Größere Theater und Bühnen sollen etwa 3 Prozent sparen, kleinere etwa 1,5 Prozent. Stärke Einsparungen treffen beispielsweise die Volksbühne und das Maxim-Gorki-Theater.
- Der Berliner Haushalt wächst weiter, gut 90 Milliarden will die schwarz-rote Regierung ausgeben. Doch sinkt dabei der Etat für Kultur. Er fällt unter die Marke von zwei Prozent. Deshalb wird Widerspruch laut: Im Bündnis „Berlin ist Kultur – Kulturabbau verhindern“ engagieren sich unter anderem die Volksbühne und die Berliner Symphoniker. Jetzt äußert sich die Initiative zum Sparprogramm: „Wir begrüßen, dass Kürzungen nicht in dem Ausmaß umgesetzt wurden wie geplant“, heißt es. Aber „auch der verabschiedete Haushalt ignoriert reale Kostensteigerungen, Tarifentwicklungen und den tatsächlichen Bedarf einer wachsenden Stadt.“ Die Folgen seien weitreichend: weniger Produktionen an Bühnen, eingeschränkte Programme in Museen, steigende Eintrittspreise, weniger an Förderung für freischaffende Künstler. „Auch der bereits im laufenden Jahr abgeschaffte eintrittsfreie Museumssonntag wird nicht wieder eingeführt.“
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Veronika Lintner
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