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In der Gedenkstätte „Geschichtsort Adlerwerke“ offenbart sich das Ausmaß von Zwangsarbeit und Nazi-Willkür. Ein Besucher schaut sich hier die Replika eines Zwangsarbeiter-Arbeitsbuches an. © Sebastian Gollnow/dpa
In Griesheim und im Gallus gab es mehrere Lager. Die Frankfurt History App macht die Orte nun per Audiotour zugänglich.
Auch wenn es immer hieß „Das haben wir nicht gewusst“ – in der Nazi-Zeit gab es überall in der Stadt Zwangsarbeiterlager, unter anderem im Gallus und in Griesheim. Die Frauen und Männer, die dort unter zum Teil unmenschlichen Umständen leben mussten, wurden von den Machthabern in den Adlerwerken eingesetzt. Die Spuren sind heute noch zu finden: Die Frankfurt History App ist nun um Inhalte erweitert worden, die im Projekt „Die Stadt als Zeugin“ zusammengetragen wurden.
Etwa von Sascha Mahl. Der Stadtführer, der in Griesheim lebt und Mitglied des dortigen Geschichtsvereins ist, ist unter anderem bei seinen Führungen im Griesheimer Hochbunker auf Spuren von „Ost-Arbeitern“ gestoßen. Er recherchierte in verschiedenen Archiven und sprach mit Zeitzeugen. Er fand heraus, dass der Bunker 1941 innerhalb von nur einem halben Jahr errichtet wurde. Mit den Erdarbeiten zum Bau des Bunkers in Alt-Griesheim begann man am 2. September 1941, mit den Betonarbeiten am 10. November 1941. „Die Nazis haben alle Luftschutzbunker enorm schnell von Zwangsarbeitern bauen lassen“, berichtet Mahl.
Zwangsarbeit im NS-Regime
Geschätzt 26 Millionen Frauen und Männer aus verschiedenen Ländern sind von den Nazis im Deutschen Reich und den besetzten Gebieten als Zwangsarbeiter eingesetzt worden. Untergebracht wurden sie in etwa 30 000 Lagern unterschiedlicher Größe. Eines der größten Lager in Frankfurt betrieben die Adlerwerke, damals Rüstungsbetrieb, an der Froschhäuser Straße in Griesheim. Etwa 2000 Menschen waren dort in 25 Holzbaracken interniert; die Bewachung übernahm der Werkschutz der Adlerwerke. Im April 1943, kurz nach der Inbetriebnahme des Lagers, berichtet die „Deutsche Arbeitsfront“ (DAF) von 143 Lagern in Frankfurt.
Bei seinen Griesheim-Exkursionen stieß er auf immer mehr Zwangsarbeiter-Spuren. Bekannt war: Die Adlerwerke unterhielten in Griesheim von 1942 an eines der größten Frankfurter Zwangsarbeiterlager für bis zu 2000 Männer und Frauen, die im Schichtdienst Tag und Nacht Fabrikarbeit leisteten. Seit Anfang 2025 hat Sascha Mahl dann im Auftrag des Historischen Museums Frankfurt zum Thema Zwangsarbeit in Griesheim geforscht. Finanziert wurde das Projekt von der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung, Zukunft“; die Ergebnisse sind nun Ende 2025 in der „Frankfurt History App“ veröffentlicht worden. Sie werden somit kostenfrei der Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt.
Sascha Mahl ist auf spannende Spuren und Dokumente gestoßen: Es gab in Griesheim ein bisher unbekanntes, großes Zwangsarbeiterlager auf dem Gelände des heutigen ICE-Ausbesserungswerks. In der Kriegsruine der Eichendorffschule wurde das „Polenlager Rita“ betrieben, dazu kamen mehrere Lager der IG Farben in Griesheim. Erkunden kann man diese Spuren nun über eine Audioführung, zu finden in der App unter „Frankfurt und der NS“.
Die App, die vom Historischen Museum Frankfurt initiiert wurde, soll helfen, Wissen über den Nationalsozialismus aus den Museumsräumen in die Stadt hinauszutragen. Menschen aus den Stadtteilen bringen ihr Wissen ein. Im Verlauf des Projekts sind mehrere Rundgänge zusammengestellt worden, so etwa auch einer zum ehemaligen Lager für „Displaced Persons“ in Zeilsheim mit Unterstützung des Zeilsheimer Heimat- und Geschichtsvereins. Diesen Rundgang wollen wir an anderer Stelle gesondert vorstellen.
Informationen gibt es in der App auch zum Lager „Katzbach“ im Gallus, zum „Arbeitserziehungslager“ in Heddernheim, zum Italienischen Militärfriedhof Westhausen, zur Verfolgung von Sinti und Roma, Homosexuellen und queeren Menschen, aber auch zum Widerstand in der Stadt.