Das SPRENGEL Museum Hannover vereint Werke von Niki de Saint Phalle, Yayoi Kusama und Takashi Murakami in einer spektakulären Ausstellung. Die Schau bietet eine visuelle Achterbahnfahrt.
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Hannover –
Dolorès trägt knallroten Lippenstift und rosa Schuhe. Das Haar ist stark blondiert und der auffällig bunte Rock recht kurz. Würde die Dame so, ihre rote Tasche fröhlich schwenkend, über Hannovers Opernplatz laufen, wäre ihr viel Aufmerksamkeit gewiss. Ich mag sie, ihre natürlich-selbstbewusste Art. Sie ist eine Powerfrau und zeigt wahrhaft Größe! Fünfeinhalb Meter groß ist Dolorès, mit ihrem Spiegelbild kommt die Skulptur auf das Doppelte: Elf Meter pure Lebensfreude, dargestellt als mächtige feministische Kraft. Dieses Kunstwerk von Niki de Saint Phalle gehört zu den großen unter den Nana-Figuren.
Eine Blockbuster-Schau der Superlative bringt das Schaffen von Niki de Saint Phalle, Yayoi Kusama und Takashi Murakami zusammen und stellt es im SPRENGEL Museum munter miteinander in Themenräume. Gewagt, gekonnt. Das Haus, mit bedeutenden Werken des deutschen Expressionismus und der französischen Moderne, zählt zu Recht zu den bedeutendsten Museen der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. Den 25. Jahrestag der Schenkung von 400 Arbeiten der französisch-Schweizer Künstlerin Niki de Saint Phalle an das Museum feiert nun die aktuelle Superschau unter dem Titel „Love You For Infinity“. Alle drei Künstler stellen hier 120 Exponate auf zweitausend Quadratmetern aus, Malerei, Skulptur, Graffiti, Installation und darunter reichlich Großformate, stark und aufwendig inszeniert in zwölf Themenbereichen.
Niki de Saint Phalle
Der erste Raum gibt das Thema vor: Liebe! Liebe in allen Facetten, in Partnerschaft und Familie, in der Natur und als tief in uns verankerte Sehnsucht nach Unendlichkeit. Niki de Saint Phalle setzt den Auftakt – mit einer weiteren Nana-Figur, mit Gwendolyn, die mit ihren farbenfrohen Kurven Weiblichkeit ausstrahlt wie eine echte Venus. Mit riesigen Brüsten, Bauch und Po steht hier eine moderne Göttin der Liebe und Fruchtbarkeit. Mächtig viel Körperlichkeit bei zweieinhalb Meter Höhe und zwei Meter Breite und viel Stoff für ein Begehren.
Takashi Murakami
Die Schau ist imposant, knallbunt und poppig. Es rockt! Flower-Power von Anfang an: Da spazieren japanische Blumen-Eltern mit ihrem Kind in Regenbogenfarben. Bunte Haare, große Augen: Die Skulpturenserie von Takashi Murakami setzt auf Ausdruck. Mit seinem ‚Superflat‘-Konzept bricht der Japaner die hohe Kunst auf die ‚niedrige‘ Popkultur herunter und animiert seine Manga-Werke mit einem ikonisch breiten Grinsen, so weit offen die Münder, dass man dem Elternpaar bis ans leuchtend rote Gaumenzäpfchen sehen kann. Dahinter steht eine Wand in Blüten – und sie lacht. Vierzehn Meter lang und vier Meter hoch zieht sich ein lauthals lachendes Blumenmeer wie eine bunte Mega-Gänseblümchenwiese. Je länger man darauf schaut, desto skurriler der Eindruck. Lachen sie uns an oder aus? Die niedlichen Blütenblätter-Köpfe werden irgendwie zu herzlosen Emojis.
Es wird schriller: Monster, Drachen und Schlangen, begehbare Totenköpfe und verblichene Bräute, provokante Körperbilder und monumentale Phallus-Figuren. The Devil ist bei Niki de Saint Phalle weiblich und zeigt ein fashionables Outfit auf dem Runway. Der Teufel trägt – Harlekin-Mosaik.
Yayoi Kusama
Die kunterbunte Lebensfreude kontrastiert mit der Vergänglichkeit und schafft Unendlichkeit. Dafür legte man im letzten Bereich Kunst auf verspiegeltem Boden. Die Japanerin Yayoi Kusama führt die Besucher in ihren Infinity Mirrored Room, ins, wie sie sagt „ewig unendliche Licht des Universums, das die Suche nach Wahrheit erleuchtet“. Man steht für einen Moment zwischen Edelstahlkugeln, die ihr Aussehen fließend verändern, und bleibt als einziger bestehen.
Mit dieser einmaligen Schau präsentiert sich die Landeshauptstadt gleich zu Beginn des Jahres als echte Kulturmetropole. Was mit Liebe begann und ins Herzlose kippte, wird hier nun weitergehend gar echt böse! „Ach, was muss man oft von bösen Kindern hören oder lesen!“ Na, wer weiß, von wem hier die Rede ist? Ja, Max und Moritz trieben mit ihren bösen Streichen ihre lieben Mitmenschen zur Verzweiflung. Die Bilderbubengeschichte ist das Frühwerk des deutschen Dichters und Zeichners Wilhelm Busch, dem in Hannover das Deutsche Museum für Karikatur und Zeichenkunst gewidmet ist. Eingebettet zwischen Palaisgarten und Georgengarten besitzt es mit über 50.000 Bildwerken aus fünf Jahrhunderten die bedeutendste und umfangreichste Sammlung zu Wilhelm Busch und weiteren Vertretern satirischer Kunst aus vier Jahrhunderten. Diese umfasst 1300 Zeichnungen, rund 900 Briefe und eine Bibliothek mit 2500 Bänden, dazu über 300 Gemälde.
Wilhelm Busch
Mit der aktuellen Sonderausstellung „BÖSE?! Widerstand und Verbrechen – 160 Jahre Max und Moritz“ führt das Museum den Urvater des Comics munter hinein ins 21. Jahrhundert. Das in der Bismarckzeit noch als „frivol“ und „jugendgefährdend“ kritisierte Werk wurde in über 300 Sprachen übersetzt und so zu einem der bestverkauften Kinderbücher der Welt – obwohl das Lausbubenpaar die Hühner der Witwe Bolte erhängte und das Schneiderlein Böck fast ertränkte, jaja, „Ritzeratze! voller Tücke, In die Brücke eine Lücke“ gesägt. Bald war es dann vorbei mit der Übeltäterei! „Aber wehe, wehe, wehe! Wenn ich auf das Ende sehe!“ Wie recht er doch hatte. Buschs Themen und Figuren bleiben hochaktuell, und Moral und Ethik beschäftigen uns noch einmal mehr.
Was für einige neu sein mag: Wilhelm Busch wollte ein anerkannter Kunstmaler werden, ganz so, wie seine Vorbilder, wie die alten niederländischen Meister, die er in seiner Zeit in Antwerpen studierte! Er schuf an die 1000 Gemälde – ausgestellt hat er sie bis auf eines jedoch nie. Die Selbstzweifel an seinem eigenen Maltalent waren so hoch, dass er viele Bilder zerstörte. Zu den überlebenden Werken gehört eine Federzeichnung von 1894: Das berühmte Selbstporträt, das man von vielen Abbildungen kennt, ist nur 15 Zentimeter klein – so klein, wie sich Wilhelm Busch wohl als Maler gefühlt haben mag. Das Original, lange verschollen, konnte nach einem Bieterkrimi nach Hannover geholt werden.
Van Gogh
Der eine malte Herbstlandschaften und Katen im Kornfeld – der andere Sonnenblumenfelder und Sternenhimmel. Vincent van Gogh, ein Zeitgenosse von Wilhelm Busch, ist mit seinen Werken gerade zeitgleich in Hannover zu sehen: Auch sein Schaffen wurde in die Moderne katapultiert. Das Multimedia-Spektakel „Van Gogh – The Immersive Experience“ in der Alten Druckerei porträtiert ihn mit aufwendigen Lichtinstallationen und mehrfach vergrößerten Projektionen intensiv und immersiv. Nach London, Paris, New York und Barcelona zeigt die Landeshauptstadt die geballte emotionale Farbenpracht van Goghs in einer neuen Perspektive, mit Gefühl und Leidenschaft. Wir stehen mit ihm im Sonnenblumenfeld. Die gemalte Sonne wärmt, und die mannshohen Doldenkörbe reichen uns bis an die Hüte. „Skizzieren ist wie Samen pflanzen, um Gemälde wachsen zu lassen“, sagt er, und dann können wir die Blumen um uns wachsen sehen.
Informationen
Sprengel Museum Hannover: „Love You For Infinity“ zeigt erstmals Werke von Niki de Saint Phalle, Yayoi Kusama und Takashi Murakami in einer Schau, bis 14.02.2026, www.sprengel-museum.de
Van Gogh – The Immersive Experience: 360-Grad-Multimedia-Zeitreise zu Van Gogh, bis 1. März 2026. Alte Druckerei August-Madsack-Str., www.van-gogh-experience.com
160 Jahre Max und Moritz: Wilhelm Busch – Deutsches Museum für Karikatur & Zeichenkunst, bis 8.2.2026, www.karikatur-museum.de
Weitere Kultur-Highlights: „Dance of Northern Lights“, fünf Abende Mai bis September Aufführungen Internationaler Feuerwerkswettbewerb 2026; KunstFestSpiele 2026: 22. Mai bis 7. Juni, www.visit-hannover.com

Takashi Murakamis „Blumeneltern mit Kind“.
Tom Busch

„Van Gogh – The Immersive Experience“ – Lichtinstallationen der bekannten Werke.
Tom Busch

Der Teufel ist weiblich bei Niki de Saint Phalle.
Tom Busch

Verspiegelter Boden: der „Infinitiy Mirrored Room“ von Yayoi Kusama.
Tom Busch
Wie wurde das Werk von Wilhelm Busch in der Sonderausstellung „BÖSE?! Widerstand und Verbrechen – 160 Jahre Max und Moritz“ im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover in einen aktuellen gesellschaftlichen Kontext gestellt?
In der Sonderausstellung „BÖSE?! Widerstand und Verbrechen – 160 Jahre Max und Moritz“ im Deutschen Museum für Karikatur und Zeichenkunst in Hannover wird das Werk von Wilhelm Busch gezielt mit aktuellen gesellschaftlichen Fragen wie kritischem Widerstand, Demokratieerhalt, Moral und Ethik in Beziehung gesetzt. Die Ausstellung beleuchtet Max und Moritz nicht nur als lausbübische Unruhestifter, sondern als Figuren, die den Status quo hinterfragen und der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, wobei auch heutige gesellschaftliche Phänomene wie Jugendkriminalität und Protestbewegungen thematisiert werden. Durch zeitgenössische künstlerische Beiträge, ein umfangreiches Rahmenprogramm und die Darstellung von Max und Moritz als zeitlose kulturelle Marke wird Buschs Werk dialogisch und vielschichtig in den Kontext des 21. Jahrhunderts gestellt.
Quellen
Welche technischen und künstlerischen Besonderheiten zeichnen die multimediale Inszenierung „Van Gogh – The Immersive Experience“ in Hannover im Vergleich zu klassischen Van-Gogh-Ausstellungen aus?
Die multimediale Inszenierung „Van Gogh – The Immersive Experience“ in Hannover unterscheidet sich von klassischen Van-Gogh-Ausstellungen vor allem durch ihre technischen und künstlerischen Besonderheiten: Im Gegensatz zur herkömmlichen Präsentation originaler Gemälde und Zeichnungen in musealer Hängung nutzt die immersive Ausstellung großflächige Projektionen, 360-Grad-Inszenierungen und digitale Animationen, die mit Musik und Bewegung zu einem allumfassenden Kunsterlebnis verschmelzen. Besucher werden nicht nur Betrachter, sondern können durch Virtual-Reality-Elemente buchstäblich in die Bildwelten eintauchen und mit allen Sinnen in die Werke und die Atmosphäre eintreten, wodurch die Grenzen zwischen Raum und Kunstwerk aufgehoben werden. Diese sinnlich erfahrbare, technisch gestützte Immersion schafft eine völlig neue Art der Kunstrezeption, die sich deutlich von der stillen Betrachtung einzelner Originalwerke in klassischen Ausstellungen abhebt.
Quellen

KUNST IM HAFEN HAMBURG
Hamburgs HafenCity: Virtuelle Kunst als neues Highlight der Stadt

AUSSTELLUNG
Reminiszenz an eine historische Werkschau
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