- Flavio (25) aus Thun verbringt fast jede freie Minute draussen mit der Kamera.
- Er fotografiert Wildtiere – vom Fuchs im Wald bis zum Luchs im Jura.
- Zur Tierfotografie kam er, als seine Freundin krank wurde.
- Heute träumt er davon, von der Fotografie leben zu können.
- Für ein Bild wartet er stundenlang – manchmal tagelang.
- Wichtig ist ihm: Das Tier darf nie unter dem Foto leiden.
Flavio steht oft stundenlang still im Wald. Kamera im Anschlag, Handy lautlos. Manchmal passiert nichts. Manchmal alles. «Es reicht, wenn sich ein Schatten bewegt», sagt der 25-Jährige aus Thun. «Dann bist du sofort da.» Mit der Fotografie hat er erst vor drei Jahren begonnen. Tiere hätten ihn schon immer interessiert, genauso wie draussen zu sein.
Alles begann in einer schwierigen Zeit, als seine Freundin erkrankte. «Sie hatte wenig Energie und wir konnten nicht viel machen», erzählt er. Also gingen sie spazieren. Immer wieder dieselben Wege. Und genau dort begann sich sein Blick zu verändern: «Wenn du eine Strecke tausendmal läufst, fällt dir auf, dass der gleiche Vogel immer wieder kommt. Oder dass am selben Ort immer derselbe Fuchs auftaucht.» Irgendwann nahm er die Kamera mit. «Es war wie eine neue Welt, die sich eröffnet hat.»
«Alle Fotos von damals sind Schrott»
Er habe jeden zweiten Feierabend vier bis sechs Stunden draussen verbracht, später fast jeden Abend. Nach rund einem Dreivierteljahr intensiven Fotografierens investierte er in eine neue Kamera. Rückblickend ist er gnadenlos mit sich selbst: «Alle Fotos von damals sind Schrott.» Die Lernkurve sehe man extrem. Genau das treibe ihn an.
«Der Kick lässt mich nicht los. Es ist faszinierend zu sehen, wie schnell man gut werden kann in etwas.» Talent spiele dabei eine kleinere Rolle, findet er. «Wenn man Leidenschaft hat, wird man ziemlich schnell ziemlich gut.» Er wisse aber auch: «Ich habe noch sehr viel zu lernen.»
Würdest du deinen Job aufgeben, um einer grossen Leidenschaft nachzugehen?
Orcas in Norwegen, Schneeleoparden und Tiger in Indien
Sein aktuelles Lieblingsbild zeigt einen Luchs. «In der Tierfotografie gilt er als Königsklasse.» Einen zu sehen, sei pures Glück. «Man bekommt ihn nur zu Gesicht, wenn er es will.» Auf dieses Bild habe er jahrelang gewartet: «Immer wieder bin ich in die Berge gegangen, um den Luchs zu suchen.»
Mittlerweile macht Flavio auch Fotoreisen. Im letzten Jahr hatte er Sichtungen, von denen er früher nicht einmal geträumt hätte, wie er erzählt: Orcas in Norwegen, Schneeleoparden und Tiger in Indien. In Polen reiste er gezielt zu den europäischen Wisenten. Das coolste Tier, das er eingefangen hat? «Orcas», sagt er, ohne zu zögern. «Meerestiere faszinieren mich extrem.»
Wie lange er im Schnitt für ein Foto wartet, lasse sich kaum sagen. «Das ist je nach Tier völlig unterschiedlich. Und es hat extrem viel mit Glück zu tun.» Manchmal warte man Tage. Frustrierend sei das nicht. «Mehr ärgert es mich, wenn ich ein Tier sehe und das Bild verkacke.» Das passiere, weil alles oft sehr schnell gehe oder überraschend komme.
Seine Freundin unterstütze ihn stark: «Ohne sie würde es nicht gehen», sagt Flavio. Es brauche viel Kommunikation, Geduld und Verständnis. Seine Freunde finden sein Hobby «cool»: «Manche kommen im Sommer sogar mit auf die Suche.» Im Winter allerdings nicht, wie er sagt. Und: «Einige meiner Freunde setzen eher auf Partys und Feiern – aber das ist ja auch vollkommen okay.» Negatives habe er noch nie gehört.
Geld verdient er mit der Fotografie allerdings noch nicht. «Aber es ist das Ziel. Mein Traum ist es, meinen Job als Elektriker aufzugeben und unter anderem von den Fotos zu leben.» Er ist realistisch: «Es wird schwierig, das weiss ich.»
«Manchen Fotografen ist das Foto wichtiger als das Tier»
Flavio erinnert sich an eine herzige Situation: «Manchmal kommen die Tiere sehr nah an einen ran. Einmal war ich am Fotografieren, als ein Fuchsbaby zu mir kam. Es war sehr neugierig und wollte wissen, wer ich bin.» Streicheln? «Nein, das geht nicht.» Wieso? «Der Respekt vor dem Tier ist wichtig.»
Den Respekt zu verlieren, sei ein No-Go: Er sehe immer wieder Fotografen, die zu nah rangingen. «Ihnen ist das Foto wichtiger als das Tier – das darf niemals so sein.» Tiere dürften nicht für ein Bild gestresst werden. «Sie haben genug Hürden zu überwinden. Da müssen wir nicht auch noch eine sein.»
Deborah Gonzalez (dgo) arbeitet seit 2021 für 20 Minuten. Einerseits schreibt sie für das Ressort Community und andererseits ist sie Print-Produzentin.
