Zum Interview empfängt Gerald Böse im 12. Stock des Messehochhauses in Köln-Deutz. Auf einer Fensterablage sind Bilder des Managers zusammen mit Sprint-Legende Usain Bolt, Alt-Bundeskanzlerin Angela Merkel, Papst Franziskus und Offizieren der Bundeswehr zu sehen. Der Bilderbogen gibt einen Eindruck davon, wie die Koelnmesse sich selbst sieht – als internationaler Player.
Welt am Sonntag: Herr Böse, wie ist das Jahr 2025 geschäftlich für die Koelnmesse gelaufen, was erwarten Sie für 2026?
Gerald Böse: Das Jahr 2025 kann an die guten Vorjahre anknüpfen. Wir erwarten einen Umsatz, der noch einmal höher liegt als in unserem Rekordjahr 2023. Wir rechnen mit einem Umsatz von etwa 450 Millionen Euro und mit einem Ergebnis, das das Rekordjahr 2023 auch noch einmal übertrifft.
WamS: Ihre Zahlen hänge ja auch immer vom Messezyklus ab, manche Jahre sind stärker, manche schwächer aufgrund von Messen, die nicht jährlich stattfinden.
Böse: Ja, wir hatten diesmal wieder die Möbelzuliefermesse Interzum, die Nahrungsmittel-Schau Anuga, die bislang größte Messe in der Geschichte dieses Unternehmens mit über 8300 Ausstellern aus 110 Ländern. Und natürlich die Spielemesse Gamescom, die wieder neue Bestmarke gesetzt hat.
WamS: Aber sicherlich haben Sie auch die allgemeine wirtschaftliche Flaute zu spüren bekommen, oder etwa nicht?
Böse: Vor allem bei den Konsumgüter-Themen spüren wir das natürlich auch, etwa im Möbelbereich. Im Oktober gab es ja erstmals die Interior Design Days Cologne außerhalb der Messehallen für das design-affine Publikum, in zentralen Locations in der Stadt. Und das kam auch gut an, 2026 werden wir diese Messe im Rahmen der Büromöbel-Messe Orgatec auf dem Messegelände fortsetzen.
WamS: Die Internationale Möbelmesse IMM wurde aufgeteilt, nachdem die IMM im Januar überraschend ausgefallen war.
Böse: Ja, das war ein schwieriger Prozess. Im Januar 2026 wird die IMM als reine Fachmesse für den eher konsumigen Markt wieder bei uns stattfinden. Dort werden auch große asiatische Hersteller teilnehmen, die derzeit mit Macht auf den europäischen Markt drängen. Zumal es für diese Hersteller derzeit in den USA wegen der Zölle nicht so einfach ist.
WamS: Stichwort Asien: Das ist ja auch ein Markt, auf dem sich die Koelnmesse zunehmend engagiert.
Böse: Ja, und nicht nur dort. Im Jahr vor der Corona-Pandemie hatten wir 25 Auslandsmessen, 2025 waren es schon 39. Und nächstes Jahr feiern wir noch einmal sechs Premieren, zwei in Neu-Delhi und eine in Jakarta. Aber eben auch in Chicago, in Bergamo und auf Mallorca finden Koelnmesse-Premieren statt. In Indien, Südostasien, im Mittleren Osten und auch in Südamerika sehen wir viel Dynamik. Und deshalb müssen wir auch da unsere Chancen nutzen, auch mit Partnern wie dmg Events von der Daily Mail Group aus London, die in Middle East/im arabischen Raum sehr stark vertreten ist. Da sind wir mittlerweile in Riad und Dubai mit vier Messen präsent, etwa Ablegern unserer Eisenwaren-Messe, der Orgatec, der FSB Sport Show und der ISM Middle East. Es kommt noch eine fünfte Messe in Riad dazu, eine Dentalmesse. Wir sind dabei, Tochtergesellschaften in Dubai, Riad und Indonesien zu gründen.
WamS: Hilft das auch Firmen aus NRW?
Böse: Für Mittelständler ist es ganz entscheidend, über die Koelnmesse Zugang zu den Wachstumsmärkten im Ausland zu bekommen. Durch die neuen Handelsblöcke entstehen intraregionale Hubs, die auch der Messewirtschaft weltweit neue Impulse geben. Hiesige Unternehmen bauen ihre Präsenz auf den deutschen Messemärkten derzeit nicht aus, sondern setzen verstärkt auf neue, dynamische Märkte.
WamS: In Asien und Nahost entstehen ja vielerorts neue Messegelände.
Böse: Ja, zum Beispiel in Vietnam und Indien wachsen moderne Messegelände. Aber auch in Dubai und São Paulo sind in den vergangenen Jahren große neue Messezentren entstanden. Und damit diese Plätze nicht von weltweit agierenden Messeriesen aus den USA und Großbritannien besetzt werden, expandieren wir dort auch, um mit unseren Kölner Erfolgsmessen zu punkten.
WamS: Und in Europa tut sich gar nichts mehr?
Böse: Doch, da wachsen wir – auch mithilfe von Allianzen. Etwa in Italien und Spanien, unter anderem im Foodbereich. Da sind wir an den Messeplätzen in Parma, Bergamo und Mailand präsent. In Spanien starten wir 2026 mit der Art Cologne in Palma und einer Anuga Select 2027 in Madrid
WamS: Die Kunstmesse Art Cologne geht nach Mallorca, wie kam es denn dazu?
Böse: Das ist ein kleines, aber feines Projekt. Wir wurden von der Regierung und dem Galeristenverband der Balearen dazu eingeladen, denn Palma de Mallorca möchte 2031 europäische Kulturhauptstadt werden und dazu auch die Kunstszene fördern. Und dazu ist die Art Cologne als älteste Kunstmesse der Welt der richtige Partner. Zumal sich Köln über viele Jahre ja auch als Brücke zwischen der US-Kunstszene und der Europas etabliert hat. Nach Palma de Mallorca gibt es mittlerweile auch direkte Linienflüge aus den USA, sowie eine internationale Galeristen- und Sammlerszene. Und Palma hat mittlerweile auch ein Veranstaltungszentrum direkt am Meer, mit angeschlossenem Hotel der Melia-Gruppe.
WamS: Aber in Köln wird offensichtlich auch noch investiert, Sie haben ja im Vorjahr Ihr neues Kongresszentrum Confex eingeweiht. Wie wird das angenommen?
Böse: Wir investieren am Standort Köln eine Milliarde Euro bis 2040. Unser neues Confex macht sich schon jetzt bezahlt: Wir haben damit neue Veranstaltungstypen nach Köln bekommen, die bislang um den Westen der Republik insgesamt eher einen Bogen gemacht haben, weil es hier keine entsprechende Infrastruktur gab.
WamS: Was sind das denn für Events?
Böse: Etwa medizinische Kongresse, die früher eher in Berlin, sowie in Nord- und Süddeutschland stattfanden. Und mit dem Bahnhof Köln Messe/Deutz sind wir optimal erreichbar. Die Notfallmediziner etwa hatten früher meist 1500 Teilnehmer auf ihren Kongressen, in Köln aber 3000. Sie haben sich deshalb entschlossen, in Köln und im Confex zu bleiben. Und bei anderen Sparten wie der Onkologie sieht es ähnlich aus. Die hatten sogar zusätzlich zum Confex die neue Halle 1 für die Aussteller angemietet. Uns liegen Buchungen und Terminreservierungen bis ins Jahr 2032 vor, auch für große Firmenveranstaltungen. So hat etwa die Zurich-Versicherung bei uns ihr 150. Firmenjubiläum gefeiert.
WamS: Wir sitzen hier im alten, denkmalgeschützten Messehochhaus, Sie planen aber eine neue Unternehmenszentrale.
Böse: Ja, denn unser Mietvertrag hier läuft 2033 aus und ein Neubau auf dem Messegelände ist langfristig die wirtschaftlichste Lösung. Wo jetzt unsere älteste Halle 3 steht, soll deshalb ein neuer Multifunktionsbau entstehen. Neben Büroräumen für unsere Mitarbeiter wird es im Erdgeschoss unter anderem einen Service-Bereich mit Gästeclub, Pressezentrum, Food Court und Sicherheitszentrale geben. Vor allem wird das neue Gebäude die Eingangssituation im südlichen Bereich noch einmal verbessern.
WamS: Wieso ist das notwendig?
Böse: Wenn man vom ICE-Bahnhof kommt, wird dieses Gebäude den Haupteingang Süd bei großen Messen wie Gamescom, der Fitness-Messe FIBO und der Anuga entlasten und deutlich zur Aufenthaltsqualität unserer Gäste beitragen. Die Gesamtinvestitionen belaufen sich auf 190 Millionen Euro. Der Baubeginn soll nach der Anuga 2027 losgehen, der voraussichtliche Einzug wird im Jahr 2033 stattfinden. Und dann endet eben auch der Mietvertrag hier im Messehochhaus, das mittlerweile sehr sanierungsbedürftig ist.
WamS: Die Eigentümer der Messe, die Stadt Köln und das Land NRW investieren also auch weiterhin ausreichend in den hiesigen Standort?
Böse: Sie geben uns die unternehmerische Freiheit, aus eigener Kraft die Zukunftsinvestitionen zu tätigen. Dafür verzichten sie auf direkte Dividendenzahlungen. Speziell die Investitionen in Nachhaltigkeit sind dabei ein Schwerpunkt. Beim Strom sind wir schon zu 100 Prozent beim Ökostrom. Wir stellen nun die gesamte Wärme- und Kälteversorgung um. Dazu haben wir E.on und die Rheinenergie als Partner mit ins Boot geholt. Ab 2028 können wir die Energieversorgung des Geländes mithilfe von Wärmepumpen und Geothermie klimaneutral gestalten. Auf unserer Halle 11 haben wir ja bereits die größte innerstädtische Solaranlage Kölns. Wir haben also auch schon einiges getan, gemäß unseres Masterplanes Energie von 2015. Insgesamt sind Investitionen von etwa einer Milliarde Euro von den Eigentümern bewilligt worden. Und etwa die Hälfte des Geldes haben wir bereits verbaut, um die Koelnmesse zukunftsfähig aufzustellen.
WamS: Noch mal zurück ins Ausland: Auf der Expo 2025 in Japan hat die Koelnmesse im Auftrag der Bundesregierung das Deutsche Haus betreut. Wie ist die Weltausstellung gelaufen, wie ist das finanzielle Fazit für die Messe, bewerben Sie sich auch schon für die nächste große Expo 2030 in Riad?
Böse: Die Expo in Osaka ist sehr erfolgreich gelaufen, mit mehr als drei Millionen Besuchern im deutschen Pavillon, da war immer richtig was los. Zu Gast waren auch viele prominente Besucher, etwa Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Könige und Königinnen sowie zahlreiche Wirtschaftsvertreter. Deutschland hat mit seinem Auftritt mehrere Auszeichnungen gewonnen und war ein Magnet für die Besucher.
WamS: Aber wurde unterm Strich auch Geld verdient?
Böse: Das Schöne war, dass die Koelnmesse dort sechs Monate lang vor der Weltöffentlichkeit ihre Professionalität bei Großevents unter Beweis stellen konnte. Finanziell sieht es so aus, dass kein finanzieller Verlust für die Koelnmesse entsteht. Nun müssen wir sehen, wie die Ausschreibungsmodalitäten für Riad werden. Wir konzentrieren uns weiter auf die Weltausstellungen, weil da unser Know-how liegt.
WamS: Sie sind als Reserveoffizier mittlerweile wieder bei der Bundeswehr engagiert. Dort gibt es für Reservisten eine Altersgrenze von 65 Jahren. Wie sieht das bei der Koelnmesse aus?
Böse: Ich bin 63 und mein Vertrag läuft bis Ende 2028. Die Arbeit hier macht mir große Freude und ich habe einiges vor. Ob und wie es dann weitergeht, wird man ab 2027 mit dem Aufsichtsrat unter Vorsitz des Oberbürgermeisters Torsten Burmester besprechen.