Wo Flüchtlingbauten standen, sind seit 2014 auf dem Killesberg günstige Mietwohnungen geplant. 2027 sollten sie zur Bauausstellung (IBA) fertig werden. Davon ist keine Rede mehr.
Es sollte ein Vorzeigeprojekt werden: bezahlbare Mietwohnungen auf dem hochpreisigen Stuttgarter Killesberg. Nur einen Steinwurf vom Empfangsgebäude für die Internationale Bauausstellung 2027 entfernt sollte ein nachhaltiger Mix mit bestem Energiestandard in rund 120 Wohneinheiten entstehen. Für fünf sogenannte Wolken- und 17 Stadthäuser waren vor Jahren Wohncontainer für Flüchtlinge vom ehemaligen Messeparkplatz Rote Wand geräumt worden. Doch statt Baggerfahrern und Bauarbeitern beschäftigt die Brachfläche am Kochenhof heute Anwälte und das Verwaltungsgericht.
Die Beteiligten haben sich gigantisch verrechnet. Ihren Traum von den eigenen vier Wänden konnten auf dem früheren Parkplatz bisher nur Baugemeinschaften umsetzen. Nach aufwendiger Umplanung verwirklichten sie zwei der 2014 aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Wolkenhäuser, die Preise beliefen sich in Anzeigen, in denen Mitstreiter gesucht wurden, auf 10.000 Euro pro Quadratmeter, eine Gartenwohnung für 650.000 Euro ist noch frei. Wirklich preisgünstiger Wohnraum wäre an diesem Standort nur durch massive Subventionen der Stadt möglich. 75 Prozent der Wohnungen sollten laut Plan mietpreisgebunden sein.
Kritik an Stadt Stuttgart: Bauträger spricht von „politischer Willkür“
Die Stadt hat sich laut dem Investor Archy Nova zurückgezogen. Wobei das freundlich formuliert ist. Die beiden Geschäftsführer der Projektentwicklungsgesellschaft, Gerd Hansen und Yannik Hansen-Schütz, sprechen von „politischer Willkür oder Unfähigkeit“ (Yannik Hansen-Schütz) oder „Böswilligkeit“ (Gerd Hansen) aufseiten der Stadt. Mit Stuttgart habe das Unternehmen, das das Projekt am Killesberg nach wie vor auf seiner Homepage führt, abgeschlossen. Den Sitz habe man nach Bietigheim-Bissingen zurückverlegt. „Wir werden in Stuttgart keine Steuern mehr zahlen“, so Gerd Hansen.
Wohnungsbau auf dem Killesberg: Vier Prozent Verzinsung im Blick
Zuvor war das Unternehmen Mitglied im Stuttgarter „Bündnis für Wohnen“. Die Idee dahinter: Bauträger, die sich dem sozialen Wohnungsbau verpflichten, sollten Zugriff auf städtische Grundstücke erhalten. Dazu sollten städtische Förderprogramme optimiert und den Unternehmen „durch kommunale Mitfinanzierung“ eine Eigenkapitalverzinsung von vier Prozent gewährt werden. Die Marge bezog sich auf ein Berechnungstool der L-Bank. Auf dem Killesberg war auch die Filderbaugenossenschaft mit Sitz in Stuttgart-Vaihingen im Boot. Trotz Ermäßigung der hohen Grundstückspreise um 45 bis 80 Prozent gehe die Rechnung nicht auf, so der Geschäftsführer der Genossenschaft bereits 2023 gegenüber unserer Zeitung. Baupreise und Zinsen seien explodiert, zu retten sei das Projekt nur durch einen Zuschuss der Stadt.
In das Vorzeigeviertel auf dem Killesberg sollten laut Archy Nova mit Kalkulationstand Januar 2023 rund 39 Millionen Euro investiert werden. Man sei in Vorleistung gegangen, habe zwei Architekturbüros, Notare und Anwälte und natürlich die eigene Projektleitung beschäftigt. Für einen Teil der Häuser habe man Kaufinteressenten eingeworben gehabt, darunter eine Stiftung, sagt Hansen. Die Stadt lehnte einen erhöhten Zuschuss letztlich ab. Wohl auch, um nicht durch eine Lex Killesberg gegenüber anderen Bauträgern in Argumentationsnöte zu geraten.
Bereits 2014 war der Architektenwettbewerb zur Bebauung entschieden. Foto: STZN/K.Schwarz Stadt Stuttgart begrenzt Zuschuss für Wohnungsbau am Killesberg
Statt einer Klärung oder der Übernahme der Planungen und der entsprechenden Vorlaufkosten durch die städtische Wohnungsbautochter SWSG werde man hingehalten, klagen die Archy-Nova-Geschäftsführer. Obwohl „sehr früh sehr konkret über die Zuschüsse verhandelt wurde“, mache die Stadt einen Rückzieher, setzte eine Kappungsgrenze. Tatsächlich bot die Stadt dem Ankerinvestor nicht vier, sondern maximal zwei Prozent Verzinsung an. „Zudem wird die städtische Mitfinanzierung auf max. 30.000 Euro je Wohneinheit beschränkt“, heißt es in einen Schreiben aus dem Städtebau-Referat.
Investor: Bau der Wohnungen in Stuttgart nicht mehr wirtschaftlich
Der Vorschlag habe „verheerende wirtschaftliche Folgen“ für das Unternehmen, schreibt dessen Anwalt. Mit dem Angebot sei „tatsächlich wenig anzufangen“, denn damit bliebe man auf einem Fehlbetrag von 14 Millionen Euro sitzen. Erst ein städtischer Zuschuss von 9,9 Millionen Euro (220.000 Euro pro Wohneinheit) mache die Sache wirtschaftlich. Bei der SWSG, so der Vorwurf des Anwalts, seien nach seiner Rechnung zwei Jahre zuvor bei Mietwohnungen in der Tunzhofer Straße 62.000 Euro städtischer Zuschuss pro Einheit geflossen.
Archy Nova hat Klage gegen die Stadt Stuttgart eingereicht
Mit ihrer Verzögerungstaktik hofften die Bürgermeister wohl, „dass wir an der desaströsen Entwicklung pleite gehen“, so Hansen-Schütz. Diese Strategie werde nicht aufgehen. Man fordere rund 4,8 Millionen Euro von der Stadt, so Gerd Hansen, Zinskosten seien enthalten. Inzwischen hat Archy Nova Klage vor dem Verwaltungsgericht eingereicht. Laut Gericht ist für das Verfahren noch kein Verhandlungstermin angesetzt. Man stehe mit diesem (gemeint ist Archy Nova) „und den weiten Projektbeteiligten im Austausch“. Man wolle „eine für alle Beteiligten tragfähige Lösung finden“, teilte die Stadt auf Anfrage unserer Zeitung mit. Ziel sei bezahlbarer Wohnraum „auch an diesem Standort“. Wegen der Klage könne man sich zu einzelnen Fragen nicht äußern.