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Bahnhof MainkurSicherer Nachhauseweg per Telefon: Ehrenamtliche begleiten Anrufende beim Heimweg – seit der Kooperation mit der Stadt nutzen immer mehr Frankfurterinnen und Frankfurter das Angebot. © Reinhardt

Seit November kooperiert die Stadt mit dem kostenlosen Service. Die Anrufe aus Frankfurt haben sich seitdem verdoppelt.

Es ist spät und dunkel an der Bahnstation. Unheimlich wirkende Gestalten warten mit einem auf den nächsten Zug. Das bange Gefühl wird zur Sehnsucht, nicht allein zu sein. Es fehlt jemand als Begleitung nach Hause.

Alltag mit Gefühl der Unsicherheit

Das Heimwegtelefon will motivieren, sich mit dem Thema der Angst nachts auf den Straßen auseinanderzusetzen. Denn damit ist niemand allein. Eine Studie von Bolt und Terre des Femmes zeigt, dass sich 59 Prozent der Frauen zu Fuß sowie 48 Prozent im ÖPNV unsicher fühlen; 15 Prozent verzichten deshalb auf öffentliche Verkehrsmittel. Unsicherheit zeigt sich in kleinen alltäglichen Schutzritualen: 33 Prozent der Frauen wählen bewusst beleuchtete Wege, ebenso viele tragen Schlüssel oder Abwehrspray griffbereit. 34 Prozent gehen in Begleitung. 78 Prozent der Frauen teilen es in der Regel jemandem mit, wenn sie spät auf dem Heimweg sind.  Um diese Unsicherheit zu vermeiden, telefonieren bereits 46 Prozent, wenn sie spät auf dem Heimweg sind. Um das Thema anzugehen, hat Frankfurt die Kooperation mit dem Heimwegtelefon gestartet.

Damit der Heimweg angstfrei wird, hat die Stadt Frankfurt im November eine Kooperation mit dem Heimwegtelefon gestartet. Das Heimwegtelefon ist ein kostenloser Service eines Dresdner Vereins. Hier können alle nachts anrufen, wenn sie sich unwohl oder unsicher fühlen. Ehrenamtliche Helferinnen und Helfer – sogenannte Telefonistinnen und Telefonisten – begleiten Anrufende am Telefon bis nach Hause.

„Das Heimwegtelefon gibt es nun schon eine Weile in anderen Städten. Aufgrund der positiven Erfahrungen, die gemacht wurden, haben wir das Angebot auch in Frankfurt eingeführt“, sagt Kirsten Witte-Abe, stellvertretende Referatsleiterin im Dezernat für Klima, Umwelt und Frauen. Obwohl Frankfurt bereits andere Angebote hat, die 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche erreichbar sind, wurde der Service durch das Heimwegtelefon sinnvoll ergänzt. Es ist von Sonntag bis Donnerstag zwischen 21 und 24 Uhr erreichbar, freitags und samstags von 21 bis 3 Uhr.

Meistens rufen Frauen an

Unter der Nummer (0800) 46 48 46 48 ist jemand erreichbar und kann im Notfall Polizei oder Rettungskräfte verständigen. Meist rufen Frauen an, dennoch ist das Heimwegtelefon für alle da.

Fast jedes Gespräch beginnt mit der Frage nach Vorname, Alter, Geschlecht, Start- und Zielort. Wenn die Anrufenden zustimmen, werden die Daten in einer Datenbank gespeichert. „Das Erfassen der Daten ermöglicht es uns, bei einem erneuten Anruf besser auf die Person einzugehen“, sagt Melina, Telefonistin beim Heimwegtelefon. Da die Ehrenamtlichen anonym bleiben, wird sie hier nur mit Vornamen genannt. „Jede weitere Information, etwa zu Vorerkrankungen, hilft uns, Polizei und Rettungsdienst im Notfall richtig informieren zu können.“

Start- und Zielort dienen der digitalen Verfolgung der Strecke, die die Anrufenden gehen. Häufige Standortabfragen werden dennoch durchgeführt. Sollte etwas passieren, kann der Telefonist oder die Telefonistin die Polizei oder Rettungsdienst alarmieren. „Wir versuchen, unseren Anrufenden ans Herz zu legen, selbst diese Dienste zu kontaktieren“, erklärt Melina. „Wir haben in dem Moment keine genaue Vorstellung der Situation – der Anrufende kann das besser einschätzen.“ Das und vieles mehr lernen die Freiwilligen in der Ausbildung: Jede Telefonistin und jeder Telefonist muss mindestens 18 Jahre alt sein und an einer vereinseigenen, mehrmonatigen Schulung teilnehmen. „Die Ausbildung beginnt mit dem theoretischen Teil. Dort erhalten unsere Neulinge, die ‚Küken‘, Zugriff auf eine Testdatenbank mit erfundenen Datensätzen“, erzählt Melina. „Durch internes Infomaterial und Übungen in der Testumgebung lernen sie, wie man sich in bestimmten Situationen verhält.“

Zwei Prozent der Anrufe aus Frankfurt

Nach der theoretischen Phase bekommt jedes Küken eine erfahrene Patin zugeteilt. „Paten und Küken nehmen dann gemeinsam Anrufe entgegen.“ Das vermittelt den Küken Sicherheit, weil Pate oder Patin jederzeit unterstützen können – und auch die Anrufenden, weil eine erfahrene Person mit am Telefon ist. Da die Telefonisten ausschließlich von zu Hause arbeiten, erfolgt die kostenlose Ausbildung digital und per Telefon.

Mit dem Lehrgang verpflichten sich die Ehrenamtlichen zu insgesamt acht Telefonstunden pro Monat und einer Nachtschicht von 24 bis 3 Uhr. Außerdem ist ein jährlicher Vereinsbeitrag von zwölf Euro zu entrichten.

In Frankfurt ist das Heimwegtelefon schon länger erreichbar. Zwischen dem 1. Februar und dem 31. Dezember 2024 wurden über 4800 Anrufe entgegengenommen. Etwa ein Prozent der Anrufe kamen aus Frankfurt. „Das klingt zunächst nicht viel. Wenn man aber bedenkt, dass wir Anrufe aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz entgegennehmen, wirkt ein Prozent gar nicht mehr so wenig“, sagt Melina.

Im Zeitraum vom 1. Januar bis zum 10. Dezember 2025 wurden bislang knapp 4700 Anrufe entgegengenommen – etwa zwei Prozent davon aus Frankfurt. Die Anruferzahl aus Frankfurt hat sich also verdoppelt. „Wir kennen den genauen Grund für den Anstieg natürlich nicht. Wir vermuten aber, dass es mit der Kooperation der Stadt mit dem Heimwegtelefon zu tun hat“, erklärt Melina abschließend.