„Die Zahl der Angriffe von Kindern in Kitas steigt.“ So titelt die Deutsche Presseagentur 2024 die Zahlen, die der Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) jährlich auswertet. 531 Fälle von körperlichen oder verbalen Angriffen ausgehend von Kindern meldet der Verband für das vorherige Jahr. Das sind fast 200 Fälle mehr als noch im Jahr 2023 und 4,7-mal mehr als 2021 (113).

Die Anzahl der körperlichen Angriffe von Kitakindern auf Mitarbeitende hat sich sogar mehr als verdoppelt von 39 (2023) auf 82 (2024). Das gilt auch für seelische Verletzungen anderer Kinder, deren Häufigkeit von 20 (2023) auf 39 (2024) gestiegen ist.

Die Anzahl der Vorfälle körperlicher Gewalt der Kinder untereinander ist um knapp 100 gestiegen auf 244. Fälle zwischen Kitakindern, die auf sexuelle Weise übergriffig oder gewalttätig waren, sind seit 2021 von 38 auf 103 im Jahr 2023 und auf 134 im vergangenen Jahr gestiegen.

Mehr als tausend Vorfälle gemeldet

Die 32 übrigen Fälle, die der KVJS verzeichnet, können keine der Kategorien zugeordnet werden. Träger von Kindertageseinrichtungen sind dazu verpflichtet, „Ereignisse oder Entwicklungen, die geeignet sind, das Wohl der Kinder und Jugendlichen zu beeinträchtigen“ zu melden. Insgesamt gingen 2024 1052 Meldungen ein – 255 mehr als 2023 (797). Wie die Zahlen für das Jahr 2025 ausfallen, kann der KVJS noch nicht sagen.

Doch was sind die Gründe hinter der gestiegenen Zahl der Vorfälle in Kindertagesstätten? Der KVJS sieht als Ursache erst einmal kein gestiegenes Gewaltpotenzial der Kinder, sondern eine verstärkte Bedeutung des Kinderschutzes in der Öffentlichkeit und Politik sowie sensibilisierte Träger und Kita-Mitarbeitende, die mit „hohem Verantwortungsbewusstsein“ die Fälle melden.

Anstieg als Beweis für gute Konzepte

„Der Anstieg kann ein Beleg dafür sein, dass Konzepte zum Schutz vor Gewalt sowie die Beratung der Träger wirken“, sagt Sima Arman-Beck, Pressesprecherin des KVJS. Doch auch eine herausfordernde Situation in der Familie könne ein Grund sein für schwieriges Verhalten in der Kita. Insgesamt nehmen die Herausforderungen zu, vor denen das pädagogische Personal stehe.

Das liege auch daran, dass sich das System Kita in den letzten Jahren vielfältig und dynamisch entwickelt habe. Das schränke die Kapazitäten bei allen beteiligten Akteuren weiter ein, so Arman-Beck.

Der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist das Thema steigende Gewalt in Kitas nicht neu, sagt Heike Herrmann, Referentin für Jugendhilfe und Sozialarbeit. Ein zentraler Grund seien fehlende Fachkräfte. Die Aufgaben von und Erwartungen an das Kitapersonal steigen während der Mindestpersonalschlüssel um 20 Prozent unterschritten und Gruppengrößen um zwei Kinder erhöht werden können.

Sich genug Zeit nehmen für jedes Kind: Das funktioniert wegen des Personalmangel in Kitas nicht immer. Foto: Robert Kneschke – stock.adobe.com

„Professionelles Handeln und Intervenieren in schwierigen Situationen erfordert jedoch gute strukturelle Rahmenbedingungen“, so Herrmann. Dabei müsse der Blick auf das Wohl und die Bedürfnisse des Kindes gerichtet bleiben und im Austausch mit der Familie nach Lösungen gesucht werden. Wichtig sei auch, das auffällige Kind nicht zu stigmatisieren oder auszugrenzen. „Bedauerlicherweise ist dies unserer Kenntnis nach immer noch übliche Praxis.“

„Hier ist die Politik gefordert“

Herrmann betont die Kita-Sozialarbeit, die sich positiv auf Kinder, Eltern und Fachkräfte auswirke, als wichtiges Unterstützungssystem. „Eine landesweite und zügige Einführung wäre ein entscheidender Beitrag, um Kinder zu unterstützen, die aktuell Gefahr laufen, an den Rand gedrängt und ausgesondert werden. Hier ist die Politik gefordert“, sagt sie.

Nicht nur die politisch Verantwortlichen, auch die Träger müssen die steigenden Zahlen ernst nehmen. Nur so kann das Kitasystem in Baden-Württemberg nachhaltig gestärkt und bedarfsgerecht ausgestattet werden.

Stuttgarter Jugendamt bestätigt Zahlen

Das Jugendamt Stuttgart kann die Entwicklung hin zu mehr Gewalt in Kitas durch Kinder, welche die Zahlen des KVJS anzeigt, bestätigen. „Die Anzahl von Kindern in besonderen Lebenslagen beziehungsweise mit besonderen Bedürfnissen hat zugenommen“, sagt das Jugendamt und nennt Störungen aus dem Autismus-Spektrum als Beispiel.

Fachkräfte hätten teils eine Scheu davor, Kinder in ihrem Verhalten zu begrenzen, da dies gegebenenfalls Anzeigen und Vorwürfe durch Eltern nach sich ziehen könne. Zudem können sich Kinder heute schwerer auf Gruppensituationen und Regeln einlassen.

Maßnahmen gegen Gewalt

Laut dem Jugendamt Stuttgart können Kita-Mitarbeitende verschiedene Maßnahmen ansetzen, um gegen die steigende Gewalt vorzugehen. Es nennt Deeskalationsstrategien, Fortbildungen, Beratungsangebote und Unterstützung durch die Vorgesetzten bei Klärungsgesprächen.

Definition der Angriffe

Verbal
Der KVJS definiert verbale Angriffe als „Beschimpfungen, die nicht alltäglicher Art sind, über Maß auftreten oder aufgrund ihres Inhalts die Persönlichkeit eines Kindes derart abwerten, dass der Vorfall eine Beeinträchtigung des Kindeswohls darstellen kann“. Dazu gehören insbesondere Vorfälle, die pädagogisch nicht mehr angemessen aufgegriffen werden können wie zum Beispiel Bedrohungen, auch gekoppelt mit anderen Gewaltformen oder geäußerten Gewaltfantasien.

Körperlich
Auch die körperlichen Angriffe in der Statistik sind Vorfälle, die nicht im Alltag vorkommen. Sie sind entwicklungsbedingt nicht erklärbar und gefährden das körperliche Wohl der Kinder. Beispiele sind Schläge ins Gesicht oder Tritte in den Bauch.