Halle. Die Unruhe bei uns zu Hause beginnt schon ein paar Tage vor Silvester. Und zwar mit jedem Böller, der da draußen gezündet wird. Die Oma-Katze ist mit ihren knapp 20 Jahren zwar nahezu taub, aber Raketen und XL-Knaller bereiten ihr schon noch Unbehagen. Erheblich schlimmer leidet allerdings der Familienhund, der – bevor er vor gut zwei Jahren halb verhungert vom Tierschutz aus einem polnischen Wald gerettet und schließlich adoptiert wurde – ohnehin noch einige Traumata zu verarbeiten hat.

Wie er zittert und wimmert und hechelt angesichts der Feuerwerke zum Jahreswechsel und uns dabei mit großen Augen anschaut; das ist wirklich herzzerreißend. Und wie mitten in der tiefsten Winterruhe da draußen obendrein Vögel, Igel, Hasen und Co. teils zu Tode aufgeschreckt werden, berührt mich nicht minder. Die Zahl der Petitionen, die ich auf Social Media in den vergangenen Wochen für ein bundesweites Böllerverbot unterschrieben habe, kann ich auch schon kaum mehr zählen. Die größte ist die der Gewerkschaft der Polizei mit 2,2 Millionen Unterschriften.

Explosionen, Brandgerüche, Erschütterungen – Tiere wissen nicht, dass es nach ein paar Stunden vorbei ist. Ihr Nervensystem kennt nur das Jetzt und stellt auf Alarm um. Viele Vögel meiden ihre gewohnten Rast- und Schlafgebiete tagelang, viele landen teils für lange Zeit nicht. Dieser physische Stress kann für die Tiere lebensbedrohlich sein. Und ja, all das, was allein hier in unseren kleinen Städten im Altkreis Halle geschieht, nervt mich bereits maximal. Und dann kamen in der Neujahrsnacht die richtig schrecklichen Nachrichten. Erst aus Bielefeld.

Tiere und Menschen leiden unter dem Krach der Böller


Familienhund Balou leidet entsetzlich unter der Böllerei an Silvester. - © Anna Ventker

Familienhund Balou leidet entsetzlich unter der Böllerei an Silvester.
| © Anna Ventker

Zwei 18-Jährige wurden beim Hantieren mit Pyrotechnik tödlich verletzt, sie haben ihr Leben für sch* Böller gegeben. Dann ging es weiter: Zahlreiche Schwerverletzte in Berlin, allein acht Kinder verloren Finger. Polizei, Feuerwehr und weitere Rettungskräfte wurden in vielen Großstädten mit Böllern und Raketen beschossen, manche von ihnen konnten den Dienst nicht fortsetzen. Da herrschten teils kriegsähnliche Zustände. Welch ein unfassbarer Irrsinn! Und um wieder auf unsere Region zurückzukommen: Im Kreis Gütersloh zählte die Polizei 114 Einsätze in der Silvesternacht – keine Toten oder Schwerverletzten, nur brennende Hecken oder Mülltonnen. Das ist dann schon ein Erfolg.

Fassen wir mal zusammen: Wir befestigen aus Umweltschutzgründen Plastikdeckel an Flaschen, aber an Silvester schießen wir Tonnen von Feinstaub in die Luft. Selbst Betrunkene dürfen in dieser Nacht mit hoch explosivem Sprengstoff hantieren. Es fehlt an allen Ecken und Enden Geld für wirklich wichtige Dinge, aber hej, mal eben ein halbes Monatsgehalt in brutal laute Knallkörper investieren, why not?

Diese Art von Böllerei hat nichts mit Tradition zu tun


Ein Bild aus der Silvesternacht in Berlin: Zwei Menschen zünden Feuerwerk aus der Hand. Allein acht Kindern hat es beim diesjährigen Jahreswechsel hier die Finger weggesprengt. - © Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Ein Bild aus der Silvesternacht in Berlin: Zwei Menschen zünden Feuerwerk aus der Hand. Allein acht Kindern hat es beim diesjährigen Jahreswechsel hier die Finger weggesprengt.
| © Sebastian Christoph Gollnow/dpa

Ist das etwa Tradition? Definitiv nicht. Gibt es einen echten Grund, so rücksichtslos zu agieren? Nicht einen. Außer, man folgt dem Bundesverband für Pyrotechnik und Kunstfeuerwerk, der angesichts der Petitionen von einer „Anti-Feuerwerkskampagne“ spricht, die „zu emotional“ geführt werde. Okay, die Pyroindustrie verzeichnete in den zurückliegenden Jahren auch Rekordumsätze: 197 Millionen Euro Gesamtumsatz erzielte die Branche zum Jahreswechsel, schreibt die „Zeit“. Und überhaupt: Ist doch nur einmal im Jahr.

Mehr zum Thema: Betreutes Böllern: Sollte es zum Ende des Jahres ein Feuerwerksverbot geben?

Umfragen zeigen seit Jahren, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland ein Böllerverbot befürwortet – zumindest, was das private Zündeln betrifft. Einer Umfrage von YouGov zufolge möchten 63 Prozent der Befragten Silvester auch ohne Feuerwerk feiern. Würden wir die Oma-Katze, den Familienhund und ihre tierischen Freunde befragen, bekäme die Umfrage glatte hundert Prozent. Alternativen gäbe es derweil so viele, den Wechsel ins neue Jahr bunt und freundlich zu begleiten. Und ein Blick in die Vergangenheit zeigt, was möglich ist.

2008 wurde in Kneipen und Gaststätten das Rauchverbot durchgesetzt. Was gab das für einen Aufschrei! Die Branche prophezeite massive Umsatzverluste und ein flächendeckendes Kneipensterben, insbesondere bei kleinen Ein-Raum-Kneipen. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) war einer der stärksten Gegner des Verbots und klagte sogar per Verfassungsbeschwerde dagegen. Heute ist die Vorgabe nur selbstverständlich. Und nach einem Neujahrsspaziergang allein durch die kleine Stadt bin ich mir sicher: Jetzt muss die Politik in Sachen Böllerverbot Verantwortung übernehmen.

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