Das Arabische sei eine Chance für Frankreich, meint Jack Lang. Der Sozialist, der unter François Mitterrand fast neun Jahre lang als Kulturminister gedient hatte, ist ein Urgestein. Im Sommer war der bald Sechsundachtzigjährige beim Festival d’Avignon zu sehen, wie er im Ehrenhof des Papstpalasts Küsschen nach rechts und vor allem nach links verteilte und später an einem Podiumsgespräch teilnahm. Das Thema: „Eine arabische Sprache? Viele arabische Sprachen? Von den Ursprüngen bis zur Pluralität“. Als Präsident des Pariser Institut du monde arabe (IMA) seit 2013 besitzt Lang Legitimität, über das Thema mitzudiskutieren.
Auch in einem Essay mit dem Titel „La Langue arabe, une chance pour la France“ (Die arabische Sprache, eine Chance für Frankreich) hat er sich dem Thema gewidmet. Den Text hat der Gallimard-Verlag in seiner Reihe „Tracts“ veröffentlicht, die eine Plattform für Denkanstöße zu aktuellen Themen bietet. Die Stoßrichtung des Essays: Frankreich müsse das Arabisch-Angebot in der Schule ausbauen. Vier von gut 68 Millionen Landesbewohnern sprechen diese Sprache, aber der entsprechende Unterricht wird nur 11.000 von 5,3 Millionen Schülern angeboten. Das ist weniger als für Chinesisch oder Koreanisch – dabei zählt Arabisch zu den ersten Sprachen, die offiziell im Lande gelehrt wurden.
Etliche Falschvorstellungen
So dekretierte François I. im Jahr 1530, dass im heutigen Collège de France neben Griechisch, Hebräisch und Latein auch das Idiom des Korans und von „1001 Nacht“ unterrichtet werde. Lang erinnert an die Bedeutung des Arabischen als Sprache der Wissenschaften, aber auch der Dichtkunst – es sei „ein beziehungsreiches, poetisches, musikalisches Idiom“. Frankreichspezifisch verweist der Autor auf die (je nach Quelle) 400 bis 800 Lehnwörter, die hiesige Lexika und Linguisten aufführen, auf den Orientalismus des 18. und 19. Jahrhunderts, auf den Reichtum des frankoarabischen Literatur- und Comicschaffens von Assia Djebar bis Riad Sattouf, auf die aus der Banlieue-Kultur geborene landesspezifische Spielart des „arabischen Humors“ von Komikern wie Jamel Debbouze, Fellag oder Smaïn.
In den großen Zügen ist das meiste davon bekannt. Doch in Zeiten, in denen rechtsextreme Kräfte auf dem Vormarsch sind und – gerade in Frankreich – unablässig gegen alles „Arabische“ hetzen, wirkt ein solches Plädoyer mitnichten überflüssig. Lang widerlegt so etliche Falschvorstellungen, die jene verbreiten. Arabisch ist nicht die „Sprache der Mohammedaner“: Nur einer der acht Staaten mit der größten Zahl an Muslimen ist arabischsprachig, nämlich Ägypten. Und in den Mitgliedstaaten der Arabischen Liga sprechen auch nicht muslimische Bürger Arabisch. Ferner ist dieses nicht mit der islamischen Religion und Kultur gleichzusetzen: Das Idiom existierte schon lange vor Mohammeds Berufung zum Propheten und wird seit vielen Jahrzehnten auch von Ungläubigen gebraucht, von Ismail Adham, Autor von „Warum ich ein Atheist bin“ (1937), bis zu heutigen Aktivisten und Bloggern.
Mehrsprachigkeit stimuliert das Gehirn
Auch sei es nicht so, führt Lang aus, dass das Erlernen des Arabischen zulasten des Französischen ginge. Vielmehr stimuliere Mehrsprachigkeit laut Neurologen das Gehirn und verfeinere das Spiel von Vergleich und Unterscheidung die Ausdrucksfähigkeit. Falsch sei schließlich, dass keine Nachfrage bestehe: Das IMA, das in Paris und Tourcoing jährlich 2000 Lernwillige unterrichtet und einen standardisierten Sprachtest entwickelt hat, muss wegen Auslastung ständig Kandidaten abweisen. Mangels Möglichkeiten in öffentlichen Schulen lernen geschätzt zwischen 65.000 und 300.000 Kinder und Erwachsene Arabisch in Privatvereinen – wo weder die Qualität des Unterrichts noch dessen Konformität mit laizistisch-demokratischen Grundsätzen kontrolliert werden kann.
Niemand bestreitet, und am wenigsten Jack Lang, dass Fundamentalisten Arabischunterricht gern instrumentalisieren. So sei der Ausbau des staatlichen Angebots nicht zuletzt das beste Mittel, den Verdacht des Vehikels der Islamisierung, wo nicht gar des „Idioms der Terroristen“ (so der rechtsextreme Publizist und Politiker Éric Zemmour in einer Fernsehdebatte mit Lang 2020), aus der Welt zu räumen. Das IMA, das in der Kulturvermittlung das tut, was der Staat im Bereich des Sprachunterrichts tun sollte, zeigt häufig Ausstellungen über Orientchristen, Sephardim oder queere Künstler. Arabisch und Toleranz gehen hier Hand in Hand.