Die CSU treibt die von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) angestoßene Debatte über die Schaffung einer europäischen Börse voran. „Wir setzen uns für die Stärkung des europäischen Kapitalmarkts und eine europäische Börse ein, um erfolgreiche deutsche Unternehmen in unserem Land zu halten“, heißt es in einem Positionspapier der CSU-Landesgruppe, das der Nachrichtenagentur Reuters am Samstag vorlag. „Wir wollen bei diesem Prozess eine klare Führungsrolle übernehmen und dafür sorgen, dass der Sitz einer europäischen Börse in die größte Volkswirtschaft der EU, also nach Deutschland, kommt“, heißt es in dem Entwurf, der bei der Klausurtagung der CSU-Abgeordneten vom Dienstag bis Donnerstag im bayerischen Seeon verabschiedet werden soll.
Während die Staaten der Europäischen Union (EU) zusammen den größten Wirtschaftsraum der Welt bilden, gilt die zersplitterte Börsenlandschaft als Wettbewerbsnachteil gegenüber den USA. Die europäischen Börsen gelten oft als zu klein im Vergleich zum Finanzplatz in New York. Dieser ist für Börsengänge international oft die erste Wahl. Auch Firmen mit Wurzeln in Deutschland wie Linde, Birkenstock und BioNTech sind an der Wall Street gelistet. Zwar gibt es in Europa den länderübergreifenden Marktbetreiber Euronext, zu dem die Börsen in Amsterdam, Brüssel, Dublin, Lissabon, Mailand, Oslo und Paris gehören. Eine weitere Integration war jedoch bisher auch an der Konkurrenz der großen Handelsplätze Frankfurt und Paris gescheitert.
Vor diesem Hintergrund hatte Merz in einer Regierungserklärung im Oktober „eine Art European Stock Exchange“ gefordert. Der CDU-Chef war früher Aufsichtsratsmitglied der Deutschen Börse. Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) bezeichnete den Vorstoß als sinnvollen Schritt, zeigte sich aber zurückhaltend über die Einflussmöglichkeiten der Bundesregierung.
Die Euronext und die Deutsche Börse hatten sich für Merz‚ Plädoyer aufgeschlossen gezeigt. Euronext sei bereit, zur Marktkonsolidierung beizutragen, um einen größeren Liquiditätspool zur Finanzierung des Wachstums europäischer Unternehmen zu schaffen, hatte deren Chef Stéphane Boujnah erklärt. Die Deutsche Börse hatte Merz‘ Forderung nach stärkeren Kapitalmärkten begrüßt und die Marktfragmentierung für die Verzögerung von Börsengängen in Europa verantwortlich gemacht. Die Börse hatte erklärt, ihr Spielraum als paneuropäischer Akteur sei durch Rahmenbedingungen eingegrenzt worden.