„Wir haben nicht vor, die ganze Ukraine zu besetzen, aber sie zu demilitarisieren. Das Ziel der russischen Spezialoperationen ist es, die Menschen zu schützen, die acht Jahre lang vom Kiewer Regime misshandelt und ermordet wurden. Zu diesem Zweck werden wir versuchen, die Ukraine zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren und diejenigen vor Gericht zu bringen, die zahlreiche blutige Verbrechen gegen die Zivilbevölkerung, einschließlich russischer Bürger, begangen haben.“

Dies ist ein Auszug aus einer längeren Rede, mit der Russlands Präsident Wladimir Putin im Februar 2022 den russischen Großangriff auf die Ukraine zu rechtfertigen suchte.

Auch Außenminister Sergei Lawrow beschwört regelmäßig dieses Nazi-Narrativ: „Wir haben keinen Zweifel daran, dass sich die Ukraine endgültig in einen totalitären Nazi-Staat verwandelt hat, in dem die Normen des humanitären Völkerrechts ungestraft missachtet werden“, sagte er beispielsweise in einer Rede vor der UNO im Mai 2022.

Nazi-Vorwurf als sowjetisches Narrativ

Dieser Nazi-Vorwurf gegenüber der Ukraine und ihrer Regierung ist allerdings gar keine Erfindung der heutigen russischen Propaganda. Es ist vielmehr ein Narrativ, das sich bis in die Sowjetzeit zurückverfolgen lässt. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurden antisowjetische Aktivisten, die sich für die Unabhängigkeit ihrer Länder einsetzten, zu den „faschistischen“ Feinden der Sowjetunion gezählt.

Krieg in der Ukraine

Mit dem Einmarsch im 24. Februar 2022 begann der groß angelegte russische Angriffskrieg auf die Ukraine. Bereits im März 2014 erfolgte die Annexion der Krim, kurz darauf entbrannte der Konflikt in den ostukrainischen Gebieten.

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Um genau diese Vorwürfe und russische Propaganda ging es am 7. und 8. Oktober im westukrainischen Lwiw bei der Jahreskonferenz des Mykola-Haievoi-Zentrums für moderne Geschichte unter dem Titel „Die Politik des Nazi-Vorwurfs: Die Sowjetunion und die antisowjetischen Nationalismen im Kalten Krieg“.

Das Zentrum ist eine von der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und der Ukrainischen Katholischen Universität (UCU) in Lwiw getragene Forschungseinrichtung. Geleitet wird sie von den namhaften Osteuropa-Historikern Martin Schulze Wessel und Yaroslav Hrytsak. Namensgeber Mykola Haievoi war ein Doktorand, der eigentlich hier hätte forschen sollen. Gleich zu Kriegsbeginn hatte er sich freiwillig den Ukrainischen Streitkräften angeschlossen. Er starb im August 2024 im Alter von 28 Jahren während der Kämpfe in der Region Kursk.

Deutsch-ukrainische Forschungspartnerschaft

Das Haievoi-Zentrum, das sich der Erforschung von Massengewalt im 20. Jahrhundert widmet, wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR) gefördert. Um die deutsch-ukrainische Forschungspartnerschaft zu stärken, hatte man dort bereits vor der russischen Vollinvasion im Februar 2022 vier deutsch-ukrainische „Exzellenzkerne“ ausgewählt.

Damit sollen Spitzenforschungsgruppen etabliert und der langfristige wissenschaftliche Austausch zwischen Deutschland und der Ukraine gefördert werden. Das Haievoi-Zentrum ist dabei die einzige geisteswissenschaftliche Einrichtung. Die anderen drei sind im naturwissenschaftlichen Bereich verortet.

Mit dem Krieg wurde einiges schwieriger, wie Direktor Schulze Wessel am Rande der Konferenz erklärt. Eigentlich war auch geplant, dass ukrainische Wis­sen­schaft­le­r*in­nen in München die deutsche Forschungslandschaft kennenlernen. Auch die diesjährige Konferenz hätte in Deutschland stattfinden sollen.

Doch ukrainische Männer im wehrfähigen Alter dürfen aktuell ihr Land nicht verlassen. Und auch andersherum ist das Reisen problematisch. Zwar toben die Kämpfe vor allem im Osten des Landes, aber auch andere ukrainische Städte werden regelmäßig attackiert. Zwei Tage vor Konferenzbeginn ist Lwiw wieder einmal Ziel russischer Drohnen und Raketen.

Die Konferenz auf dem modernen UCU-Campus am Rande des Stryjski-Parks, einer der ältesten und schönsten Parkanlagen Lwiws, wurde glücklicherweise nicht von russischen Angriffen gestört. Sicherheitshalber fand sie aber trotzdem in einem auch als Luftschutzraum dienenden Saal im Untergeschoss der Uni statt.

Mehr als zwanzig Wis­sen­schaft­le­r*in­nen aus der Ukraine und Deutschland, aus Polen, Litauen, Ungarn und Norwegen, den USA, Kanada und Australien, einige von ihnen online zugeschaltet, sprechen zum Konferenzthema

Erschreckende Parallelen zu heute

Die Vorträge sind sowohl erschreckend wie erhellend. Erschreckend sind vor allem die vielen historischen Beispiele, die zeigen, wie alt diese Moskau-Propaganda in Bezug auf die Ukraine schon ist. Erhellend ist, mit welcher Kontinuität sie bis heute in immer neuen Spielarten ein Land und seine Menschen weltweit zu verunglimpfen sucht.

In seiner Eröffnungsrede erklärt Kai Struve (LMU), schon am 24. Februar 2022 habe Putin mit einem klaren Verweis auf die Geschichte von Nazis in der ukrainischen Regierung gesprochen. Dass er auch den Euromaidan in Kyjiw 2013/14 als „faschistischen Putsch“ bezeichnete, bediente latent vorhandene Ideen in Westeuropa von den „faschistischen Ukrainern“. Das bezieht sich vor allem auf die antisowjetischen ukrainischen Kräfte, die während des 2. Weltkriegs teilweise mit dem faschistischen Deutschland kollaborierten und an Verbrechen beteiligt waren. Bis heute hält sich darum auch in Deutschland das Bild von den „ukrainischen Faschisten“.

Unterschiedliche Feindbilder als „flexibles Propagandawerk“

Doch neben den Nazi-Vorwürfen tauchen in der sowjetischen Propaganda auch verschiedene Feindbilder auf, die sich nicht auf reale Bedrohungen beziehen, sondern immer „flexibles Propagandawerk“ und „primitive Massenideologie“ sind, wie Mykhailo Mitsel (Joint Distribution Committee Archives, New York) in seinem Vortrag „Kampagnen der ideologischen Maschinerie der Sowjetukraine gegen den ‚weltweiten Zionismus‘“ ausführt. Er sieht hier eine große Übereinstimmung zwischen der antizionistischen Hetzpropaganda der Sowjetzeit und der aktuellen russischen Anti-Ukraine-Propaganda. Beides sei Hasspropaganda gegen Feinde, die es so in Wirklichkeit gar nicht gibt.

Um die Verbreitung von antiukrainischer Propaganda geht es auch in der Präsentation von Liliana Hentosh (UCU) zur sowjetischen Verleumdungskampagne gegen Andrej Scheptyzkyj. Der Metropolit der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche hatte im Zweiten Weltkrieg Krieg unter anderem Juden versteckt und sich deutlich gegen den Holocaust positioniert. Er hatte aber auch auch die deutschen Streitkräfte als Befreier von der sowjetischen Herrschaft unterstützt. Kurz nach dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Lwiw 1944 starb Scheptyzkyj.

Schon bald begann eine gezielte Kampagne gegen die Kirche und besonders gegen Scheptyzkyj. Priester wurden ermordet, Gläubige verfolgt. Schließlich wurde die Griechisch-Katholische Kirche mit der orthodoxen zwangsvereinigt. Eine ganze Reihe von Pamphleten und Büchern wurden geschrieben, um Scheptyzkyj gezielt zu diffamieren. Erst 1989 wurde die Griechisch-Katholische Kirche offiziell wieder zugelassen und damit wandelte sich in der Ukraine der 1990er Jahren das Bild ihres früheren Metropoliten. Historiker und Theologen befassten sich wissenschaftlich mit ihm. Und 2015 wurde Scheptyzkyjs 150. Geburtstag schließlich in der ganzen Ukraine gefeiert, man errichtete Statuen und benannte Straßen nach ihm.

Sowjetische Diffamierungskampagnen im Ausland

Die sowjetischen Diffamierungen von Ukrainern als Nationalisten machten auch an den Landesgrenzen nicht halt. Das stellt Oleksandr Avramchuk von der Universität Warschau in seinem Vortrag über die „Sowjetische Kampagne zur Diskreditierung des Harvard Ukrainian Research Institute“ dar. Das Institut wurde 1973 am US-amerikanischen Harvard-Institut von dem exil-ukrainischen Historiker Omeljan Pritsak gegründet. Erforscht wurden dort Geschichte, Kultur, Sprache und Politik der Ukraine, womit es gelang, die Ukrainistik in der amerikanischen Wissenschaft zu verankern. Gezielt versuchten der sowjetische Geheimdienst und die CIA, das Institut und seine Mitarbeiter zu bespitzeln und zu verleumden.

Und Lubomyr Luciuk (Royal Military College of Canada) berichtete in seinem Vortrag „Desinformation aus der Sowjetzeit und mutmaßliche Nazi-Kriegsverbrecher in Nordamerika“ von einer gezielten Diffamierungskampagne des KGB mit der Behauptung, tausende ukrainischer SS-Männer der Galizischen Division seien nach dem Krieg nach Nordamerika geflohen.

Wie sich später herausstellte, gab es etwa 800 Fälle, der Verdacht gegen die meisten Männer erwies sich jedoch als gegenstandslos.

Russische Propaganda in allen Spielarten gibt es bis heute. Dazu reicht ein Blick in die Nachrichten. Wer sich mit ihrer Geschichte beschäftigt hat, erkennt sie in der Gegenwart. Und lässt sich nicht von ihr täuschen.