Obwohl Venezuela keine Großmacht ist, besitzt das südamerikanische Land enorme geopolitische Bedeutung. Das war auch schon vor der vergangenen Nacht klar, bevor die USA mit einer spektakulären Militäraktion, den Präsidenten Venezuelas, Nicolas Maduro, festnahmen und außer Land brachten.

Venezuela, das fast dreimal so groß wie Deutschland ist und aktuellen Schätzungen zufolge gut 25 Millionen Einwohner hat, ist dabei nicht nur für seine massiven Ölreserven bekannt. Die strategischen Verbündeten Venezuelas sitzen in Russland, China, Iran und Kuba. Auf dem ersten Blick gestaltet sich allen voran für den Kreml ein nun heikles Lagebild.

Oligarch warnt vor neuer US-Kontrolle beim Öl

Eine geopolitische Eskalation in Lateinamerika birgt sowohl Risiken, eröffnet für Moskau aber auch zugleich Chancen, so der Tenor an Tag eins nach dem Überraschungsangriff auf Caracas. Einflussreiche russische Oligarchen wie Oleg Deripaska beispielsweise warnen, dass ein US-Zugriff auf Venezuelas Ölreserven, nach der jüngsten Expansion in Guyana, die Kontrolle über mehr als die Hälfte der globalen Ölreserven ermöglichen würde. Damit könnten die Amerikaner den Ölpreis dauerhaft bei etwa 50 Dollar pro Barrel halten und Russlands staatskapitalistisches Wirtschaftsmodell erheblich unter Druck setzen.

Doch die Bewertung all dieser geostrategischen Risiken hängt entscheidend von der aktuellen Dynamik in den russisch-amerikanischen Beziehungen ab. Das überraschende Tauwetter seit Trumps Rückkehr ins Weiße Haus verschiebt mehrere strategische Rechnungen. Washington versucht sich im Ukraine-Krieg immer neutraler zu zeigen, man will die Finanzhilfen reduzieren, liefert aber zum Beispiel weiterhin Geheimdienstinformationen an Kiew.

Russland nennt man laut neuer Sicherheitsstrategie nicht mehr länger eine „direkte Bedrohung“. Die von Trump angestoßenen Verhandlungen über ein Ende des Ukraine-Krieges verlaufen aus russischer Sicht aktuell sehr günstig. Die politische Führung von Präsident Wolodymyr Selenskyj dürfte in absehbarer Zeit erstmals Bereitschaft zu territorialen Zugeständnissen machen, während sich der Kreml bei seinen Ukraine-Zielen unbeweglich zeigt. Zugleich offenbaren die Streitigkeiten über Finanzhilfen die Grenzen der Brüsseler Ukraine-Unterstützung.

Vor diesem Hintergrund wäre es aus russischer Sicht wenig klug, das fragile, aber funktionierende Verhältnis zur US-Regierung von Donald Trump wegen Venezuela zu gefährden. Ein Landes, das aus russischer Perspektive sehr weit entfernt liegt und nicht zu Moskaus zentralen Sicherheitsinteressen zählt. Zwar verurteilt der Kreml die amerikanischen Aktionen erwartungsgemäß scharf – der UN-Botschafter spricht von „aggressivem Neokolonialismus“, das Außenminister kritisierte die USA im ähnlichen Ton –, doch die Unterstützung Russlands für die Führung in Caracas ist pragmatisch und proportional zum Druck, den die USA im Ukraine-Konflikt ausüben.

Venezuela-Coup muss kein Desaster für Russland bedeuten

Ein möglicher Sturz Maduros wäre daher kein strategisches Desaster für Kremlchef Wladimir Putin. Russland hat in den vergangenen Jahren Erfahrung gesammelt, sich an neue Machtverhältnisse anzupassen. Beispiele liefern Irak, Libyen oder auch Syrien.

Zugleich verfestigt sich im russischen Expertenkosmos ein Narrativ, wonach der US-Militärschlag den Russen geopolitisch sogar Vorteile bringen würde. Die Maduro-Festnahme verwische demnach die moralische Trennlinie zum Ukraine-Krieg, rechtfertige Russlands eigene Ansprüche im postsowjetischen Raum und unterminiere mit zunehmender Stärke die westlichen Narrative im Globalen Süden. Zusätzlich würden neue Spannungen im belasteten Verhältnis zwischen den USA und Europa entstehen, die, wenn man bei den europäischen Verlautbarungen zwischen die Zeilen ließt, auch am Samstag wieder sichtbar wurden.

Russlands Selbstbild bleibt dabei das eines Bewahrers der alten Ordnung. Der Westen gilt durch die russische Brille als revisionistische Kraft, die die Nachkriegsordnung ausgehöhlt hat; der Krieg in der Ukraine wird als Versuch verstanden, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Doch wenn eine Rückkehr zur alten Ordnung unmöglich ist, müsse eine neue Ordnung ausgehandelt werden: also klare Einflusszonen. Amerikanische Dominanz im Westen, russische Vorherrschaft im postsowjetischen Raum.

Aus dieser Perspektive wäre ein langwieriges US-Engagement in Venezuela auch für die Russen mehr als verkraftbar. Am Ende könnte das Ergebnis wie ein geopolitisches Geschäft aussehen: ein US-freundliches Venezuela, im Gegenzug für ein Ende des Ukraine-Krieges zu russischen Bedingungen.