Not Vital ist Künstler, Architekt und Maler – und ein unermüdlicher Nomade: Die Welt ist sein Zuhause, und sein Zuhause eine eigene Welt.
Randulins bedeutet auf Rätoromanisch „Schwalben“. So nennt man im Engadin seit Urzeiten jene Familien, die auf der Suche nach Glück und einem Auskommen nach Italien auswandern – und dann doch jeden Sommer mit ihren Träumen und Geschichten in die Schweizer Bergdörfer zurückkehren. Eine solche „Schwalbe“ ist auch Not Vital, der 1948 in Sent in eine Familie von Holzhändlern hineingeboren wurde. Schon als Kind lernte er, dass man „sich bewegen muss“. Und dass es möglich ist, trotzdem eine tiefe Verbindung zur Heimat zu bewahren.

Auf dem Grundstück seines Elternhauses in Sent hat Not Vital ein Malatelier errichtet.
Simon Watson; Not Vital, Architektur, SkulpturenVom Engadin in die Welt
In zarten Alter von 14 Jahren verließ Not Vital das Engadin, um in Chur zu studieren. Anschließend ließ er sich erst in Paris und dann in Rom nieder, wo er einen Zirkus gründete und sich der Performancekunst widmete. 1974 zog er nach New York. Dort assistierte er dem Mixed-Media-Künstler Salvatore Scarpitta und war ansonsten umgeben von Menschen, die die zeitgenössische Kunst verändern sollten: Warhol, Basquiat, Schnabel, Haring. In diesem Kreativ-Ferment fand der junge Engadiner seine Stimme, seine ganz eigene Auffassung von Skulptur und Sprache, von Architektur und Materie. Er wurde zum Konzeptkünstler, der mit der Hand arbeitet: Seither schafft er Werke aus Wachs, Gips, Bronze, Stahl, Marmor und Ton. Sie sind rätselhaft, atavistisch, oft ironisch und sehen manchmal aus wie Totems.

Eine Edelstahl-Plastik im Studio.
Simon Watson; Not Vital, Bronze; Plastiken
Not Vitals Installation „Camel“ im Schloss Tarasp.
Simon Watson; Not Vital, Bronze; PlastikenNomade zwischen Kunst, Architektur und Skulptur
Und er zog weiter: 1999 nach Niger, wo er sechs Jahre später zusammen mit lokalen Handwerkern das erste „House to Watch the Sunset“ errichtete – eine Haus-Skulptur, um den Sonnenuntergang zu betrachten. Es entstand das Prinzip „Scarch“, das Skulptur und Architektur zusammenführt: „Wenn eine Skulptur zu einem Raum wird, den man betreten kann, verändert sich ihr Charakter. Sie ist weder das eine noch das andere, sondern beides.“ In Patagonien kaufte er eine Insel und baute dort den bewohnbaren Monolithen „NotOna“, einen Tunnel im Felsen oder, wie Not Vital es formuliert: einen „Ort der Einsamkeit fernab der Welt, unsichtbar von außen“. 2008 eröffnete er ein Atelier in Peking und arbeitete mit Handwerkern, die auf Stahlverarbeitung spezialisiert sind. Kurz darauf begann er, angeregt von Salvador Dalí, mit der Malerei. Als unermüdlicher schöpferischer Nomade mietete er ein Studio in Rio de Janeiro.